: Frau sitzt im Sessel und stillt ihr Baby© fizkes / iStock / Getty Images Plus
Laut der neuen S3-Leitlinie sollen MĂŒtter die ersten sechs Lebensmonate des Babys ausschließlich oder ĂŒberwiegend stillen.

STILLDAUER NEU GEREGELT: SECHS MONATE STILLEN JETZT OFFIZIELLE EMPFEHLUNG

Mit der neuen S3-Leitlinie wird die empfohlene Stilldauer in Deutschland erstmals klar definiert. KĂŒnftig sollen MĂŒtter sechs Monate ausschließlich stillen – angelehnt an die WHO Stillempfehlung. Welche gesundheitlichen Effekte sind belegt und wie groß ist der Druck auf Frauen?

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Sechs Monate ausschließlich stillen â€“ diese Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur ErnĂ€hrung von Babys gilt nun auch in Deutschland. Damit wird die empfohlene Stilldauer hierzulande neu definiert.

„Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder ĂŒberwiegend gestillt werden“, heißt es in der vor kurzem vorgestellten neuen Leitlinie. Die bisherige Handlungsempfehlung fĂŒr Deutschland lautete, in den ersten vier bis sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Als reifgeboren gelten alle Babys, die nicht als FrĂŒhgeburt zur Welt kommen.

„Die Angleichung an die WHO Stillempfehlung von sechs Monaten ausschließlichen Stillens erfolgt im Sinne einer international konsistenten Praxis und unter BerĂŒcksichtigung der neuen Datenlage“, heißt es zu der Anpassung.

Unter ausschließlichem Stillen wird die ErnĂ€hrung ohne die zusĂ€tzliche Gabe von FlĂŒssigkeiten, Flaschennahrung oder Beikost verstanden, beim ĂŒberwiegenden Stillen werden zusĂ€tzlich FlĂŒssigkeiten wie Wasser oder Tee gegeben.

Die Stilldauer spielt dabei eine zentrale Rolle fĂŒr die gesundheitliche Einordnung.

Gesamtstilldauer angehoben

Die WHO empfiehlt, auch nach der EinfĂŒhrung von Beikost bis zu zwei Jahre oder darĂŒber hinaus zu stillen. In der neuen deutschen Leitlinie heißt es dazu: „Die Gesamtstilldauer fĂŒr reifgeborene Kinder soll mindestens zwölf Monate betragen.“ Damit geht die empfohlene Stilldauer in Deutschland ĂŒber das reine ausschließliche Stillen hinaus.

Das Gremium habe sich unter anderem wegen der gĂŒnstigeren Studienlage auf die zwölf Monate fokussiert, erklĂ€rte Regina Ensenauer, Vorsitzende der Nationalen Stillkommission und Koordinierende der Leitlinie. Die Frage, welche Effekte 24 Monate Stilldauer haben, sei fĂŒr die Leitlinie nicht gestellt worden.

Die Empfehlungen wurden aus einer großen Zahl von Beobachtungsstudien zu verschiedenen Gesundheitseffekten bei Kind und Mutter abgeleitet. Grundlage ist die neue S3-Leitlinie Stillen, die erstmals verbindliche wissenschaftliche Standards zur Stilldauer in Deutschland definiert.

Sechs Monate stillen: Welche Effekte sind belegt?

Beobachtungsstudien belegen einen statistischen, aber keinen ursÀchlichen Zusammenhang. Entsprechend vorsichtig werden die anzunehmenden Positiveffekte in der Leitlinie formuliert. Dennoch zeigt sich, dass sechs Monate stillen in verschiedenen Bereichen mit Vorteilen assoziiert sind.

Demnach gibt es Anhaltspunkte, dass ausschließliches Stillen fĂŒr sechs Monate und eine Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten beim Baby das Risiko fĂŒr MittelohrentzĂŒndungen, Darminfektionen und Asthma vermindert. Hinweise auf einen Schutzeffekt des Stillens gebe es auch bei chronisch entzĂŒndlichen Darmerkrankungen. Dazu zĂ€hlen Krankheiten wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Die empfohlene Stilldauer von mindestens zwölf Monaten wird deshalb in der S3-Leitlinie Stillen besonders hervorgehoben. Als uneinheitlich wird die Studienlage bei Übergewicht und Adipositas bewertet. Bei Effekten wie diesem gebe es andere Faktoren, die die AusprĂ€gung mitbestimmten, erklĂ€rte Ensenauer – hier zum Beispiel die ErnĂ€hrung im weiteren Kindheitsverlauf. Auch hier spielt die tatsĂ€chliche Stilldauer im Zusammenspiel mit weiteren Einflussfaktoren eine Rolle.

Der Leitlinie zufolge gibt es Anhaltspunkte auch dafĂŒr, dass eine kĂŒrzere Stilldauer und Nicht-Stillen das Risiko fĂŒr Fehlstellungen der ZĂ€hne erhöhen können. Beim Saugen an der Brust werden demnach Muskeln im Mund-, Gesichts- und Rachenbereich stĂ€rker gefordert als beim Saugen an der Flasche, was die Entstehung von Zahn- und Kieferfehlstellungen beeinflussen kann. Sechs Monate stillen gelten in diesem Zusammenhang als wichtiger Orientierungswert.

Die empfohlene Stilldauer von mindestens zwölf Monaten wird deshalb in der S3-Leitlinie Stillen besonders hervorgehoben.

Geringeres Risiko fĂŒr ADHS und Autismus durch Stillen

Potenzielle Effekte machen die Experten auch bei ADHS und Autismusspektrum-Störungen aus: Es gebe Anhaltspunkte, dass lĂ€ngeres ausschließliches Stillen im Vergleich zu einer kĂŒrzeren Stilldauer und oder einer geringeren StillintensitĂ€t beziehungsweise Nicht-Stillen mit einem geringeren Risiko fĂŒr ADHS und Autismus einhergeht. Auch hier wird deutlich, dass die empfohlene Stilldauer in der S3-Leitlinie Stillen eine zentrale Rolle einnimmt.

Damit ist kein ursĂ€chlicher Zusammenhang belegt. Grund können ganz andere Faktoren sein, in denen sich das Umfeld nicht oder wenig stillender MĂŒtter von dem lĂ€nger stillender Frauen im Mittel merklich unterscheidet. Die WHO Stillempfehlung und die deutsche Leitlinie betonen daher, dass es sich um statistische ZusammenhĂ€nge handelt.

Positive Effekte gibt es zudem wohl auch auf die mĂŒtterliche Gesundheit, etwa, was die Gewichtsreduktion nach der Schwangerschaft und die Risiken fĂŒr Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 angeht. Auch hier wird eine lĂ€ngere Stilldauer mit möglichen Vorteilen in Verbindung gebracht.

S3-Leitlinie Stillen: Einordnung und Bedeutung

Es handelt sich um eine sogenannte S3-Leitlinie – die erste zur Stilldauer in Deutschland ĂŒberhaupt. Die neue S3-Leitlinie Stillen basiert auf der Klassifikation der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Eine S3-Leitlinie ist die höchste Stufe wissenschaftlich basierter, medizinischer Leitlinien hierzulande. Ziel der S3-Leitlinie Stillen ist es, eine einheitliche Stillberatung und Stillförderung durch die verschiedenen Berufsgruppen wie Hebammen und FrauenĂ€rzte zu ermöglichen und die empfohlene Stilldauer klar zu definieren.

Die Empfehlungen gelten fĂŒr reifgeborene und ausschließlich gesunde Kinder, da Studien, die Kinder mit bereits vorhandenen akuten oder chronischen Erkrankungen einschlossen, in der Leitlinie nicht berĂŒcksichtigt wurden.

„Im Fall von vorliegenden Erkrankungen sollte daher individuell beraten werden.“ Die S3-Leitlinie Stillen versteht sich dabei ausdrĂŒcklich als Orientierung und nicht als Verpflichtung zur bestimmten Stilldauer.

WHO Stillempfehlung und StillrealitÀt in Deutschland

Die Anpassung an die WHO Stillempfehlung von sechs Monaten ausschließlich stillen bringt Deutschland auf eine Linie mit internationalen Standards. Gleichzeitig wird betont, dass die individuelle Situation entscheidend bleibt und die tatsĂ€chliche Stilldauer variieren kann.

„Leitlinien sind letztendlich Leitplanken, die das Handlungsspektrum darstellen sollen“, sagte Michael Abou-Dakn vom St. Joseph Krankenhaus Berlin–Tempelhof, ein Autor der Leitlinie. Sie böten Hilfe fĂŒr die Beratung – seien aber keineswegs verpflichtend. Die Frau habe immer die Wahl, frei zu entscheiden.

Die Empfehlung lasse Handlungsspielraum fĂŒr Abweichungen, wenn die Situation der MĂŒtter und SĂ€uglinge dies erfordere, heißt es in der Leitlinie. Generell sei eine sensible Beratung essenziell, um SchuldgefĂŒhle bei MĂŒttern zu vermeiden. Frauen, die kĂŒrzer oder lĂ€nger stillen als empfohlen, dĂŒrften nicht stigmatisiert werden.
„Sie dĂŒrfen nicht unter Druck gesetzt werden, weder zum Stillen noch zum Abstillen, noch dazu, vorzeitig Beikost zu geben.“

Frauen, die kĂŒrzer oder lĂ€nger stillen als empfohlen, dĂŒrften nicht stigmatisiert werden.

Studienergebnisse zeigt aktuellen Werte

Nach Ergebnissen der bundesweiten „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS Welle 2; 2014–2017) wurden nach der Geburt 68 Prozent der SĂ€uglinge ausschließlich gestillt. Im Verlauf war eine deutliche Abnahme zu beobachten: 57 Prozent wurden bis zum vollendeten zweiten Monat ausschließlich gestillt, 40 Prozent bis zum Ende des vierten und 13 Prozent bis zum Ende des sechsten Lebensmonats. Die tatsĂ€chliche Stilldauer liegt damit hĂ€ufig unter der WHO Stillempfehlung, die vorsieht, sechs Monate stillen als Standard zu etablieren.

Aktuellere Daten aus dem QualitĂ€tssicherungsverfahren Perinatalmedizin zeigten fĂŒr das Jahr 2023, dass 69 Prozent der Kinder bei Entlassung oder Verlegung ausschließlich mit Frauenmilch, 17 Prozent teilweise mit Frauenmilch und 6 Prozent ausschließlich mit industriell hergestellten Milchersatzprodukten ernĂ€hrt wurden. Auch diese Zahlen zeigen, wie relevant die Diskussion um die empfohlene Stilldauer bleibt.

Studiendaten weisen darauf hin, dass das Stillverhalten unter anderem vom Bildungsstatus der Mutter beeinflusst wird: 69 Prozent der MĂŒtter mit einem niedrigen Bildungsstatus gegenĂŒber 95 Prozent der MĂŒtter mit hohem Bildungsstand stillten ihr Kind demnach zeitweise. MĂŒtter mit hohem Bildungsstatus stillten ihre Kinder zudem auch lĂ€nger – erreichten also hĂ€ufiger die empfohlene Stilldauer, wie sie in der S3-Leitlinie Stillen und in Anlehnung an die WHO Stillempfehlung formuliert ist.

Quelle: dpa

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