Ein Kind liest ein Buch und folgt den Buchstaben und Zeilen mit dem Finger. Aber alle Buchstaben sind Fragezeichen.© Olga Evtushkova/iStock/Getty Images Plus
Wer lesen gelernt hat, erkennt Wörter, ohne alle Buchstaben einzeln zuordnen zu müssen. Für LRS-Betroffene bleibt jeder Buchstabe ein Code.

Neurodiversität

LEGASTHENIE – WENN SCHRIFT ZUR HERAUSFORDERUNG WIRD

Für Menschen mit Legasthenie ist das geschriebene Wort oft eine leere Hülse, die sie nur schwer mit Bedeutung füllen können. Welche Herausforderungen bringt eine Legasthenie mit sich und wie können Betroffene den Alltag trotzdem meistern?

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Fällt es Ihnen auch manchmal schwer, komplizierte Wörter vorzulesen? Oder vergessen Sie manchmal den Anfang des gefĂĽhlt kilometerlangen Satzes, den Sie gerade lesen? Dann geht es Ihnen wie vielen Menschen. Doch nach ein paar Versuchen, mit voller Konzentration und etwas Durchhaltevermögen, gelingt es Ihnen sicher, das Wort oder den Satz erfolgreich zu lesen.

Bei Menschen mit Legasthenie ist das nicht der Fall. Trotz größter Anstrengung, vielen Ăśbens und hoher Willenskraft bleiben die Worte fĂĽr sie nahezu unergrĂĽndlich. Buchstaben werden als zusammenhangslose Symbole wahrgenommen. Der Begriff Legasthenie wurde erstmals im Jahre 1916 vom ungarischen Psychologen und Psychiater Paul Ranschburg geprägt. Doch was genau ist eine Legasthenie?

Begrifflichkeiten

Schauen wir uns zunächst die Begrifflichkeiten an, um ein einheitliches Bild zu schaffen. Legasthenie ist der Fachausdruck und bietet in der Umgangssprache Raum für viele Synonyme.

Synonyme Begriffe

  • Legasthenie
  • Lese-Rechtschreib-Störung
  • Lese-Rechtschreib-Schwäche
  • LRS
  • Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten

Legasthenie – ein Definitionsansatz

Legasthenie ist eine Lese- und/oder Rechtschreib-Schwäche (LRS). Betroffene Kinder haben erhebliche Schwierigkeiten, das Lesen und/oder Schreiben zu lernen. Sie verstehen Schrift oft nur als eine Art Code bestehend aus zusammenhangslos aneinandergereihten Zeichen.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert die Legasthenie im Rahmen der ICD-10 als permanent auftretende, auffällige Schwierigkeiten beim Lesen und in der Rechtschreibung. Die Symptome der Legasthenie dürfen dabei nicht zurückzuführen sein auf das Entwicklungsalter des Kindes, eine unter dem Durchschnitt liegende Intelligenz, mangelnde Bildung, psychische Erkrankung oder Hirnschädigung.

Unterteilung einer LRS nach ICD-10

  • Lese-Rechtschreib-Schwäche: Bei dieser Form von Legasthenie sind die Fähigkeiten sowohl im Lesen als auch in der Rechtschreibung deutlich beeinträchtigt.
  • Isolierte Rechtschreibschwäche: Hier treten die Schwierigkeiten im Bereich des Buchstabierens auf. AuĂźerdem fällt es schwer, Wörter korrekt auszuschreiben. Die Lesefertigkeiten sind nicht betroffen.
  • Isolierte Leseschwäche: Aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass auch eine Leseschwäche isoliert auftreten kann. Während in der ICD-10 noch keine gĂĽltige Definition existiert, wurde sie in die Entwurfsfassung der ICD-11 aufgenommen.

Symptome einer Legasthenie

Je nach Art der Legasthenie können die Symptome das Lesen und/oder das Schreiben betreffen.

Kindern mit LRS fällt das Erlernen von lesen und schreiben besonders schwer. Sie haben Schwierigkeiten, Schrift als zusammenhängende Worte wahrzunehmen und umgekehrt das gesprochene Wort in Schrift umzusetzen.

Die Legasthenie zeigt sich vor allem im fehlerhaften Vorlesen und als häufige Rechtschreibfehler.

Kinder mit Legasthenie lesen auffallend langsam und verstehen oft nicht richtig, was sie lesen. Im Unterricht fallen die Symptome einer LRS schnell auf. Die Kinder haben Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen. Sie schneiden bei Diktaten schlecht ab, aber auch bei Tests und Klausuren sämtlicher anderer Unterrichtsfächer. Eine LRS erschwert das Verstehen der Aufgabenstellungen und auch das schriftliche Beantworten dieser.

Der Schulalltag kann fĂĽr Kinder mit Legasthenie eine groĂźe Herausforderung darstellen.

Diagnose einer Legasthenie

Aus diesem Grund kann die ausführliche Diagnostik einer LRS sehr hilfreich sein.Denn nur so ist der Zugang zu geeigneter Unterstützung möglich. Um eine LRS festzustellen, werden umfangreiche Tests durchgeführt. Das kann durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder auch Kinder- und Jugendpsychotherapeuten geschehen.

Die entsprechende medizinische S3-Leitlinie ermöglicht eine einheitliche Diagnostik der Legasthenie sowie eine passgenaue Therapie unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Evidenz.

Ausschlaggebend fĂĽr die Diagnose einer Legasthenie ist, dass die Fertigkeiten im Lesen und/oder Schreiben deutlich unter dem Niveau gleichaltriger Kinder, des durchschnittlichen Klassenstands oder der alterstypischen Intelligenz liegen.

Wichtige Kriterien, die im Rahmen der Diagnostik einer LRS getestet werden sollten, sind die Schulleistungen und der Lernstand, auĂźerdem die Gesamtentwicklung des Kindes und die äuĂźeren Rahmenbedingungen.

Wie kann auf LRS getestet werden?

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. führt auf seiner Webseite sämtliche Testverfahren auf, die dem höchsten wissenschaftlichen und standardisiertem Niveau entsprechen. Die Tests unterscheiden sich je nach Alters- und Klassenstufe.

Sie können auch im Schulkontext angewendet werden, wenn der Verdacht auf LRS bei einem Kind besteht.

LRS: Test-Möglichkeiten

Es gibt verschiedene Test-Verfahren, mit deren Hilfe eine LRS festgestellt werden kann.

  • Lese-Tests
  • Rechtschreib-Tests
  • Kombination aus beiden Test-Verfahren
  • Tests zur Feststellung einer LRS bei mehrsprachigen Kindern

Welche UnterstĂĽtzung steht den betroffenen Familien zur VerfĂĽgung?

Wie bei Dyskalkulie auch, gestalten die einzelnen Bundesländer die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Legasthenie-Förderung selbst. Das betrifft zum Beispiel den individuellen Förderunterricht, Nachteilsausgleich und Notenschutz und die ganzheitliche außerschulische Förderung.

Was können Eltern tun?

Eltern von Kindern mit LRS erleben die Situation oft als belastend. Sie nehmen wahr, wie ihr Kind sich immer wieder durch schulische Herausforderungen kämpft und Misserfolge hinnehmen muss. Sie leiden regelrecht mit ihrem Kind mit. Die Eltern wollen helfen, wissen aber oft nicht wie.

Eine niedrigschwellige Anlaufstelle kann der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. sein. Dieser gemeinnützige Selbsthilfeverband bietet ein kostenloses Beratungstelefon sowie E-Mail-Kontakt für Betroffene und Angehörige an.

Hilfreiche Tipps fĂĽr Eltern betroffener Kinder

  • Dem Kind aufzeigen, dass viele Menschen – auch Erwachsene – von Legasthenie betroffen sind
  • Deutlich machen, dass die Legasthenie nichts mit der allgemeinen Intelligenz zu tun hat
  • Volle UnterstĂĽtzung annehmen – innerhalb der Familie, mit Therapeuten und Lehrkräften
  • Druck minimieren und Ă„ngste nehmen
  • Misserfolge akzeptieren, aber nicht dramatisieren – Fokus auf die Erfolge
  • Schwächen der Kinder akzeptieren und die Stärken unterstĂĽtzen
  • FĂĽr ausreichend Freiräume sorgen, um die Stärken entfalten zu können (Hobbys, Sport, Musik, Freunde treffen usw.)
  • Lernmotivation steigern und belohnen
  • Legasthenie nicht zum Hauptthema der Familie machen – Ăśben nicht ĂĽbertreiben, Pausen gönnen
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