Vater und Sohn unter dem Küchentisch: Der Sohn hat Cornflakes verschüttet. Beide räumen gemeinsam auf.© familylifestyle/iStock/Getty Images Plus
Wenn die Koordination zwischen Augen und Motorik eingeschränkt ist, wirkt das nach außen oft wie Ungeschicklichkeit. Verständnis und Nachsicht sind hier gefragt.

Neurodiversität

DYSPRAXIE BEI KINDERN – WENN BEWEGUNGEN AUSSER KONTROLLE GERATEN

Ungeschicklichkeit, Tollpatschigkeit und unkontrollierte Bewegungen. Was, wenn mehr dahintersteckt? Manchen Kindern fällt es schwerer, Bewegungsabläufe zu verinnerlichen, als anderen. Erfahren Sie hier, warum es wichtig ist, Dyspraxie bei Kindern frühzeitig zu erkennen.

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Haben Sie schon mal etwas vom „Syndrom des ungeschickten Kindes“ gehört? So wird Dyspraxie umgangssprachlich genannt. Doch die Bezeichnung ist nicht nur irreführend, sondern auch negativ behaftet. Genau genommen handelt es sich um eine angeborene neurobiologische Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen.

In Deutschland leben circa fünf bis sechs Prozent aller Kinder mit Dyspraxie. Weil die Entwicklungsstörung recht unbekannt ist, werden die Symptome oft als reine Ungeschicklichkeit fehlinterpretiert. Doch das kann schlimme Folgen für die betroffenen Kinder haben. Dabei lassen sich die motorischen Funktionen trainieren und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben stärken.

Dyspraxie – eine Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen

Es handelt sich um eine neurobiologische Besonderheit des Gehirns. Sie wird als sogenannte Teilleistungsstörung definiert, also eine Lernschwäche, die sich auf einzelne Fähigkeiten bezieht. In diesem Fall betrifft die Entwicklungsstörung die Motorik der Kinder.

Die Intelligenz ist bei einer Dyspraxie nicht beeinträchtigt. Die Gehirne der Kinder funktionieren einfach etwas anders, was zu einer gestörten Körperwahrnehmung und einer gestörten Verarbeitung bewegungsbezogener Informationen führt. Und das zeigt sich dann in einer beeinträchtigten Motorik.

Betroffenen fällt es schwer, Bewegungen zu planen, zu koordinieren und auszuführen. Sie können sich den Handlungsablauf zwar vorstellen. Aaufgrund der Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen können sie ihn aber nur eingeschränkt oder gar nicht umsetzen.

Welche Ursachen liegen einer Dyspraxie zugrunde?

Die genauen Ursachen dieser Entwicklungsstörung sind bisher noch nicht vollständig geklärt. „Was wir wissen ist, dass in den Gehirnen dieser Kinder die neuronale Vernetzung zwischen den Bereichen, in denen die Motorik organisiert ist und in denen das Sehzentrum liegt, ungenügend ist.“, sagt der auf Dyspraxie spezialisierte Kinderpsychiater Professor Dr. Michael Schulte-Markwort.

Es wird angenommen, dass diese Vernetzung in der fetalen Entwicklung ab einem bestimmten Punkt stagniert. So kommt es zu einem Rückstand der Entwicklung der motorischen Funktionen. Diese Entwicklungsstörung besteht ab der Geburt und dauert ein Leben lang an.


Dyspraxie im Neurodiversitäts-Spektrum
Dyspraxie ist eine Form der Neurodiversität. Erst wenn die Symptome die Lebensqualität – speziell die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – stark einschränken, bekommt sie einen krankhaften Charakter. In diesem Fall kann die Beantragung eines Grades der Behinderung oder eines Pflegegrades angemessen sein.

Wie genau wird Dyspraxie diagnostiziert?

Kinder und ihre Eltern müssen oft einen langen Weg zur Diagnose gehen. Neben einer sorgfältigen Anamnese muss eine intensive klinische Beobachtung stattfinden. Dabei kommen verschiedene standardisierte Testverfahren zum Einsatz. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten und Therapeuten ist für eine Diagnose der Entwicklungsstörung unerlässlich.

Wichtig ist auch eine ausführliche Differentialdiagnostik. Dabei wird geschaut, ob neben der Dyspraxie weitere Entwicklungsstörungen wie ADHS, ASS, Legasthenie oder Dyskalkulie vorliegen.

Die Vielfalt der Symptome einer Dyspraxie und mögliche Überlappungen zu anderen Entwicklungsstörungen macht die Diagnostik so komplex und aufwendig. Eine frühzeitige Abklärung der Symptome ermöglicht den Kindern, ihre motorischen Funktionen effektiv zu trainieren.

Die Gefahren einer unentdeckten Dyspraxie

Wenn die Symptome als Faulheit oder Unwillen missverstanden werden, kann das bei den betroffenen Kindern Scham und Selbstzweifel auslösen. Sie können das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten verlieren. Hänseleien, Ausgrenzung, sozialer Rückzug sowie ständige Misserfolge bei alltäglichen Handlungen begünstigen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Für die gesunde Entwicklung der Kinder ist eine frühe Diagnose deshalb sehr wichtig.

Welche Symptome sind typisch für Dyspraxie bei Kindern?

  • Eingeschränkte Grob- und Feinmotorik
  • Fehlerhafte Augen-Hand-Koordination
  • Schwierigkeiten, Arme und Beine gleichzeitig zu bewegen
  • Unwillkürliche Bewegungen
  • Entgleisende Gesichtszüge

Symptome der Dyspraxie – fehlinterpretiert im Kleinkindalter

  • Unsicherer Gang, unbeholfene Bewegungen, häufiges Stolpern
  • Balancieren, Hüpfen oder Klettern fallen schwer.
  • Werfen, Fangen, Malen oder Basteln gelingen weniger gut.
  • Besteck kann nicht richtig gehalten werden.
  • An- und Ausziehen (speziell das Auf- oder Zuknöpfen und Öffnen und Schließen von Reißverschlüssen) bereitet Schwierigkeiten.

Symptome der Dyspraxie werden deutlicher in der Schule

  • Langsames Bearbeiten von Aufgaben
  • Unleserliche Handschrift
  • Bewegungsabläufe im Sportunterricht gelingen nicht ausreichend gut.

Symptome der Dyspraxie beeinflussen den Alltag der Kinder.

  • An- und Ausziehen
  • Zähneputzen
  • Essen mit Besteck
  • Im Raum orientieren
  • Aufgaben organisieren
  • Spielen

Und was ist mit Symptomen im Erwachsenenalter?

Da Dyspraxie ein Leben lang besteht, sind auch Erwachsene von bestimmten Symptomen betroffen. Im Berufsleben kann es schwerfallen, Formulare auszufüllen, Arbeitsmaterialien zu benutzen, Geräte zu bedienen oder Aufgaben zu organisieren.

Wie das Umfeld bei Dyspraxie unterstützen kann

Ganz oben auf der Liste steht Akzeptanz der Entwicklungsstörung und deren Symptome. Gezieltes Training stärkt die motorischen Funktionen und damit die Selbstwirksamkeit sowie das Selbstvertrauen. Dabei kann auch das Umfeld betroffenen Kinder helfen.

Es gibt viele Beratungsstellen, die fundiertes Wissen über Dyspraxie anbieten. Das hilft dem Umfeld der betroffenen Kinder, die Symptome richtig zu deuten. Fatal wäre es, den Kindern Nachlässigkeit oder Dummheit zu unterstellen. Im Gegenteil:

„Den Kindern kann man tatsächlich am besten durch Nachsicht helfen.“
Professor Michael Schulte-Markwort, auf Dyspraxie spezialisierter Kinder-Psychiater

Möglichkeiten der Unterstützung

  • Trost und Lob schenken
  • Klare Tagesstrukturen
  • Individueller Nachteilsausgleich in der Schule:
    • Aufgaben in kleine Schritte zerlegen
    • Geeignete Hilfsmittel anbieten
    • Kindern mit Dyspraxie weniger Aufgaben in derselben Zeit erteilen (alle werden zeitgleich fertig und niemand fühlt sich ausgegrenzt)
    • Form der Aufgabe anpassen, zum Beispiel mündlich statt schriftlich
  • Flexible Arbeitsmodelle
  • Offene Kommunikation
  • Klare Arbeitsanweisungen
  • Ergonomische Tastaturen und Spracherkennungssoftware

Wichtig zu wissen für Eltern und Familie

Für Eltern ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Dyspraxie kein Intelligenzproblem und auch kein Erziehungsfehler ist. Aufgrund der Entwicklungsstörung funktionieren die Gehirne der Kinder einfach anders, was die motorischen Funktionen beeinträchtigt und entsprechende Symptome hervorruft. Mit Geduld und Verständnis sowie Routinen ist ihnen am besten geholfen.

Therapiemöglichkeiten

  • Ergotherapie
  • Physiotherapie
  • Logopädie
  • Psychotherapie
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