Eine Frau hÀlt eine Kapsel und den Beipackzettel in der Hand. Sie zieht die Augenbrauen sehr kritisch hoch.© AntonioGuillem/iStock/Getty Images Plus
Ein langer Beipackzettel macht vielen Kund*innen Angst – dabei heißt „lang“ nicht „hohes Risiko“.

Meistverordnete Medikamente

(KEINE) ANGST VOR NEBENWIRKUNGEN: DAS SAGT DER BEIPACKZETTEL WIRKLICH

Nebenwirkungen von Medikamenten sind ein hÀufiges Thema in der Apotheke. Viele Anwendende haben Angst davor, wenn sie den Beipackzettel lesen. Warum das meist auf einem MissverstÀndnis beruht und welche Nebenwirkungen am hÀufigsten auftreten, lesen Sie hier.

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PTA in der öffentlichen Apotheke kennen ihn: den Wunsch nach einem Medikament ohne Nebenwirkungen. Doch diese können bekanntermaßen nahezu bei jedem Arzneimittel auftreten. WĂ€hrend unerwĂŒnschte Effekte meist leicht und vorĂŒbergehend sind, irritiert die Kunden oft die schiere Zahl der im Beipackzettel aufgefĂŒhrten möglichen Nebenwirkungen. Auch die HĂ€ufigkeit interpretieren viele Menschen falsch.

Hier kommt ein Überblick ĂŒber die Nebenwirkungen der 50 meistverordneten Medikamente in Deutschland und auch darĂŒber, wie hĂ€ufig sie sind. Und es gibt noch einen anschaulichen Vergleich fĂŒr verunsicherte Anwendende.

Nebenwirkungen meist leicht und vorĂŒbergehend

46 dokumentierte Nebenwirkungen finden sich im Durchschnitt bei jedem der 50 untersuchten Medikamente. Wir wissen: Nur, wenn die Nebenwirkungen sicher auf die Anwendung des Wirkstoffes zurĂŒckzufĂŒhren sind, mĂŒssen sie im Beipackzettel aufgefĂŒhrt werden.

Insgesamt umfassten die Untersuchungen 500 Nebenwirkungen und ihre HĂ€ufigkeit. Viele hĂ€ufige unerwĂŒnschte Effekte sind nur leicht und vergehen schnell wieder. Die hĂ€ufigsten im Beipackzettel genannten sind:

  • Durchfall (bei 48 Medikamenten)
  • Kopfschmerzen (46)
  • Übelkeit (45)
  • Schwindel und Erbrechen (je 39)
  • Verstopfung (36)
  • Hautausschlag (35)
  • Juckreiz (31)

Es folgen Haarausfall bei 23, MuskelkrĂ€mpfe, Mundtrockenheit und MĂŒdigkeit bei je 22, Bauchschmerzen bei 21 und Sehstörungen bei 20 PrĂ€paraten.

All diese Nebenwirkungen verschwinden entweder bei Gewöhnung an den Wirkstoff oder nach dem Absetzen völlig.

Was sind schwere Nebenwirkungen?

Insgesamt 40 Nebenwirkungen schwererer AusprĂ€gung fanden sich in den untersuchten Beipackzetteln. 24 Nennungen von schweren Hautreaktionen, 19 starke Überempfindlichkeitsreaktionen und 18 schwere allergische Reaktionen fĂŒhren das Feld hier an.

BauchspeicheldrĂŒsen-, Leber- und schwere NierenentzĂŒndungen fanden sich in jeweils sieben Beipackzetteln, Herzinfarkt, Nierenversagen und schwere LeberschĂ€den in je sechs.

Langer Beipackzettel? Keine Panik

Zwischen den einzelnen Medikamentengruppen bestehen deutliche Unterschiede im Hinblick auf die Zahl der dokumentierten Nebenwirkungen. Die meisten Nebenwirkungen, nÀmlich 80 bis 87, weisen Beipackzettel von PrÀparaten mit dem Wirkstoff Ramipril auf. Das ist der höchste Wert in der Untersuchung.

Knapp auf dem zweiten Platz liegt ein weiterer ACE-Hemmer: Enalapril. Am anderen Ende der Skala befinden sich Medikamente mit Vitamin D3, bei denen es im Durchschnitt 12 Nebenwirkungen in den Beipackzettel schafften. Bei SchilddrĂŒsenmedikamenten sind es 17, bei Metformin rund 20.

Wenn der Beipackzettel eine lange Liste möglicher Nebenwirkungen enthĂ€lt, werden viele Anwendende nervös. Das liegt daran, dass sie diese zahlreichen möglichen Effekte als Indikator fĂŒr ein Risiko bei der Einnahme sehen. Dem ist aber gar nicht so. Vielmehr kommt es darauf an, wie breit ein Arzneistoff im Körper wirkt.

Je mehr verschiedene Bereiche des Körpers die Substanz beeinflusst, desto zahlreicher können auch unerwĂŒnschte Wirkungen sein. Bei ACE-Hemmern, die auf das gesamte GefĂ€ĂŸsystem wirken, sind also auch mehr mögliche Nebenwirkungen die logische Folge.

Viele verschiedene Nebenwirkungen heißt nicht hohes Risiko

Verunsicherte Kunden kann man aber generell beruhigen. In Deutschland werden Arzneimittel vor einer Zulassung sehr streng geprĂŒft. Befindet sich ein Medikament auf dem Markt, kann man von einem guten Nutzen-Risiko-VerhĂ€ltnis ausgehen.  

Das schreibt Apothekerin Dr. Ina Lucas in ihrer Kolumne „Der gute Rat der Apothekerin“. Sie weiß auch, dass viele Menschen die HĂ€ufigkeitsangaben im Beipackzettel schlicht falsch einschĂ€tzen.

Bei Nebenwirkungen HĂ€ufigkeit richtig deuten

Jede Nebenwirkung muss mit einer HĂ€ufigkeitsangabe versehen werden. Diese ist standardisiert und reicht von „sehr hĂ€ufig“ bei mindestens einem von zehn Behandelten bis zu „sehr selten“ bei einem von 10000. Anders ausgedrĂŒckt heißt das: von 10 bis 0,01 Prozent.

Apothekerin Lucas weiß, dass das oft einen falschen Eindruck macht, „denn die Angaben zur HĂ€ufigkeit in der Packungsbeilage sind andere als im alltĂ€glichen Sprachgebrauch.“ Sie gibt ein konkretes Beispiel: Wenn der Nachbar „sehr hĂ€ufig“ Nudeln esse, verstĂŒnde man darunter so etwas wie jeden zweiten Tag. Das wĂ€ren 50 Prozent. Eine „sehr hĂ€ufige“ Nebenwirkung trete aber bei neun von zehn Behandelten gar nicht auf.

Welche und wie viele Nebenwirkungen tatsÀchlich auftreten, hat mit vielen Faktoren zu tun. Dazu zÀhlen Alter, Begleitmedikamente, Grunderkrankungen, Dosis, Einnahmedauer und viele individuelle Besonderheiten.

Wenn am HV wegen der Nebenwirkungen im Beipackzettel Verunsicherung aufkommt, kann Ihre Beratung helfen.

Quellen:
https://www.formelskin.de/wirkstoffe/haeufige-und-seltene-nebenwirkungen
https://www.abendblatt.de/ratgeber-wissen/article409733113/medikamente-was-nebenwirkungen-im-beipackzettel-bedeuten.html

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