Selbstbestimmung
LEBEN MIT INKONTINENZ
Seite 1/1 10 Minuten
Inkontinenz bezeichnet jeden unkontrollierten Verlust von Urin oder Stuhl, der die Betroffenen sozial, mental oder hygienisch beeinträchtigt. Das bedeutet: Betroffene können ihre Ausscheidungen weder halten noch kontrolliert (komplett) abgeben. Und: Sie leiden darunter. Rund acht bis zehn Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Inkontinenz. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn trotz zahlreicher Kampagnen und Aufklärungsangebote sind die menschlichen Ausscheidungen weiterhin ein Tabuthema.
Viele denken, dass Inkontinenz Teil des natürlichen Alterungsprozesses sei, schämen sich, darüber zu sprechen und greifen lieber zur Packung Windeln in der Drogerie als Hilfsangebote anzunehmen. Das ist verständlich, aber nicht der richtige Weg – viele Formen der Inkontinenz sind behandelbar. Und Hygieneprodukte müssen individuell und passgenau ausgesucht werden, um Betroffene wirklich zu unterstützen. Hier kommen Sie als Hilfsmittelexpert*in in der Apotheke ins Spiel.
Formen der Inkontinenz
Grundsätzlich lässt sich in Stuhl- und Harninkontinenz unterscheiden. Auch wenn Harninkontinenz anteilsmäßig häufiger auftritt, ist Stuhlinkontinenz für schätzungsweise jede*n dritte*n geriatrischen und psychiatrischen Patient*in von Bedeutung.
Frauen trifft es etwas häufiger. Das liegt unter anderem an einem vorbelasteten Beckenboden: durch Schwangerschaft, Geburtstraumata oder eine vergangene Operation. In den meisten Fällen verletzte sich der Schließmuskel bei einer Geburt und macht Jahre später Probleme. Neben solchen muskulären Störungen gibt es weitere Ursachen für eine Stuhlinkontinenz:
- Neurologische Grunderkrankungen wie demenzielles Syndrom, Schlaganfall oder Multiple Sklerose,
- sensorische Verluste in der Analregion, beispielsweise durch Operationen, und
- eine gestörte rektale Speicherfunktion, wenn also der obere Bereich des Mastdarms den Kot nicht mehr richtig speichern kann – das tritt beispielsweise nach Darmoperationen, bei Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn auf.
Je nachdem, wie viel Stuhl unwillentlich abgeht, lassen sich unterschiedliche Schweregrade festlegen, wobei zunächst kleinere Stuhlmengen mit Darmwinden abgehen, später flüssiger Stuhl und letztlich fester Stuhl nicht mehr gehalten werden kann.
Ihr Tipp fĂĽr Kund*innen mit Stuhlinkontinenz
Bereits eine Ernährungsumstellung kann Entlastung bringen! Liegt eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung vor, wird diese in vielen Fällen von den Krankenkassen bezuschusst oder komplett finanziert. Das Ziel: ein weicher, doch geformter Stuhl, denn dieser kann besser gehalten werden. Dabei unterstützen eine ballaststoffreiche Ernährung, Flohsamenschalen, Reizstoffe wie Koffein und Alkohol sind zu meiden. Empfehlen Sie außerdem, ein Stuhltagebuch bei Inkontinenz zu führen.
Weniger Aufwand. Mehr Wirkung.
Diagnose: Harninkontinenz
Ihnen fallen direkt ein paar Stammkund*innen ein, die immer mal wieder eine Packung Einlagen oder Windeln kaufen, aber nie ein Rezept vorlegen? Vielleicht liegt eine behandlungsbedürftige Harninkontinenz vor. Ein sensibles Thema, aber wichtig für die Therapie: Sprechen Sie Ihre Kund*innen behutsam darauf an, denn eine exakte ärztliche Diagnose führt zu einer passgenauen Therapie. In vielen Fällen lassen sich so die Symptome einer Inkontinenz reduzieren. Zum Beispiel, wenn sich die Inkontinenz als Symptom einer Grunderkrankung einstellt.
Inkontinenz nach der Geburt
Bei einer Geburt vollführt der weibliche Körper eine Höchstleistung. Das gelingt nur dank der flexiblen Muskulatur des Beckenbodens. Hier liegt aber auch das Problem: Die Beckenbodenmuskulatur wird unter der Geburt so stark gedehnt, dass der Beckenboden einige Wochen braucht, um wieder voll funktionsfähig zu sein. Daher erleben viele Frauen im Wochenbett eine Harninkontinenz. In einigen Fällen, vor allem nach mehreren Geburten, kann diese Inkontinenz anhalten. Daher legen Sie jeder Frau Beckenbodentraining im Rahmen der Rückbildungsgymnastik ans Herz. Im besten Fall beginnt das regelmäßige Training bereits in der Schwangerschaft und wird lebenslang fortgeführt.
Denn zwar stellt Inkontinenz laut WHO eine Krankheit dar, im Sinne, dass sie behandlungsbedürftig ist, um die Lebensqualität Betroffener aufrechtzuerhalten. Doch trägt sie medizinisch betrachtet eher den Charakter eines Symptom-Komplexes und weniger einer eigenständigen Erkrankung. Diese Formen der Harninkontinenz können auftreten:
Form | Belastungs- oder Stress-Inkontinenz | Drang-Inkontinenz | Misch-Inkontinenz | Ăśberlauf-Inkontinenz | Reflex- oder neurogene Inkontinenz |
Symptome | Urin geht unwillkürlich unter Belastungen wie Niesen, Husten, Lachen oder sportlicher Aktivität ab | Imperativer Harndrang (auch, wenn sich wenig Urin in Blase befindet) und schwallartiger Harnverlust Urin in der Blase befindet | Merkmale einer Belastungs- und Drang-Inkontinenz | Unkontrolliertes Überlaufen der Blase in Form; Tröpfeln mit ständigem Harndrang | Nicht spürbarer Verlust der Kontinenz, d.h. weder Harndrang, noch Beginn oder Ende der Miktion sind spürbar |
Mögliche Ursachen | Harnröhrenschließmuskel schließt nicht mehr ausreichend, häufig in Kombination mit schwacher Beckenbodenmuskulatur | Neurologische Grunderkrankungen, Blasensteine, Tumore, (chronische) Harnwegsentzündungen | Ähnliche Ursachen wie Belastungs- und Drang-Inkontinenz | Blockade der Harnwege durch z.B. Harnsteine, vergrößerte Prostata; Schwache Blasenmuskulatur durch Grunderkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus | Das Gehirn kann die Blasenmuskulatur nicht ansteuern, z.B. durch Grunderkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson, Rückenmarksschädigung oder Spina bifida |
weitere Faktoren | Schwangerschaft, Geburt, hormonelle Umstellung in den Wechseljahren | Bei Frauen begünstigt durch hormonelle Umstellung in den Wechseljahren, bei Männern durch Prostatahyperplasie | Zweithäufigste Form der Inkontinenz bei Frauen; häufig nach der Menopause | Männer häufiger betroffen | Kinder, Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen |
Inkontinenz-Produkte in der Apotheke: Von Vorlagen bis Windeln
Für die Apotheke relevant sind vor allem Hilfsmittel aus der Kategorie „aufsaugende Inkontinenz-Produkte“. Sie finden sie im Hilfsmittelverzeichnis unter der Produktgruppe 15 „Inkontinenzhilfen“. Das Ziel: Urin und Stuhlgang werden aufgefangen und gebunden, sodass die Haut im Genitalbereich nicht dauerhaft befeuchtet ist und unangenehme Gerüche vermieden werden. Dafür bestehen die Inkontinenz-Produkte aus einem weichen Innenvlies, unterschiedlichen Schichten aufsaugender Materialien und einer feuchtigkeitsdichten Außenschicht.
Liegt eine Hilfsmittelverordnung über die Versorgung mit aufsaugender Inkontinenz vor, wird der Monatsbedarf Ihres Kunden (in der Regel innerhalb einer bestimmten Pauschale) von der Krankenkasse bezahlt – vorausgesetzt, sie besitzen einen Liefervertrag.
Dabei gibt es nicht das eine Inkontinenz-Produkt für Ihre Kund*innen, der individuelle Bedarf entscheidet. Häufig werden verschiedene Artikel kombiniert, beispielsweise ein leichteres für den Tag mit einem saugfähigeren Inkontinenz-Produkt für die Nacht – die Anforderungen können sich auch nach dem Gesundheitszustand richten oder auch im Urlaub auf Reisen anders ausfallen als in den eigenen vier Wänden. Ihre Beratung ist daher zu jedem Zeitpunkt wichtig und kann bei jeder Hilfsmittelabgabe erforderlich sein. Gemeinsam mit Ihren Kund*innen können Sie wählen zwischen:
- Vorlagen und anatomisch geformten Vorlagen
- Netzhosen, um Vorlagen zu fixieren
- Inkontinenzhosen
- Inkontinenzwindelhosen (solche mit Klebestreifen)
- Inkontinenzunterhosen ohne Verschlusssystem („Pants“)
Hautprobleme bei Inkontinenz
Die Inkontinenz-assoziierte Dermatitis (IAD) tritt dann auf, wenn der Intimbereich lange Kontakt mit Urin oder Stuhl hat. Die anhaltende Feuchtigkeit schadet der Hautbarriere und weicht diese auf. Der hohe pH-Wert von Stuhl und Urin greift den Säureschutzmantel der Haut zusätzlich an. Unterwäsche oder (falsch sitzende) Inkontinenz-Produkte können reiben. Die Folge: Die Haut brennt, juckt, ist gerötet und schmerzt. Je nach Entzündungsgrad können auch Hautpusteln oder offene, nässende Wunden auftreten.
Empfehlen Sie Ihren Inkontinenz-Kund*innen daher, die Haut immer nur sanft zu reinigen. Am besten mit einem weichen Waschlappen und Wasser abtupfen oder pH-hautfreundliche Waschsyndets verwenden. Zur Pflege der Haut sollten schützende Cremes aufgetragen (gibt es speziell zur Pflege des Intimbereichs) und das Inkontinenzprodukt regelmäßig gewechselt werden – nicht erst, wenn es sich „feucht“ anfühlt.
Windeln und Vorlagen: Welche Saugstärke darf`s sein?
Es gibt unzählige Hersteller – am Ende steht Ihr Lager voller Packungen unterschiedlicher Namen und Sie blicken nicht mehr durch. Worauf sollten Sie also bei der Auswahl achten?
1. Wie groß und schwer ist Ihr Kunde/Ihre Kundin? Bei der Auswahl von Windeln oder Pants können Sie sich an der Kleidergröße orientieren – hier ist vor allem der Hüft- und Bauchumfang relevant. Die Windeln sind häufig in XS, S, M, L oder XL unterteilt. Doch wie bei der Kleidung gilt auch hier: Zwischen den Marken können die Größen unterschiedlich ausfallen.
2. Wie viel trinkt die betroffene Person? Hat sie ein Gefühl für die Menge an Urin/Stuhl, die Sie verliert? Auf den Packungen von Inkontinenz-Produkten finden Sie Angaben zu den Saugstärken. Häufig in Form von Tröpfchen (Orientierungshilfe):
- 1 Tropfen: leichte Harninkontinenz; geeignet für wenige Tröpfchen bis zu 100 Milliliter innerhalb weniger Stunden
- 2 Tropfen: mittlere Inkontinenz; Urinmengen bis zu 200 Milliliter, auch größere Harnmengen auf einmal lassen sich auffangen
- 3 Tropfen: starke Inkontinenz; große Urinmengen innerhalb weniger Stunden können sicher gehalten werden; häufig, wenn das Kontrollgefühl nachlässt
- 4 Tropfen: schwere Inkontinenz; dauerhafte Entleerung des gesamten Blaseninhaltes ohne Drang- oder Haltekontrolle
3. Bei Vorlagen kann es sinnvoll sein, auf anatomische Besonderheiten zu achten. So gibt es Vorlagen, die auf Frauen, auf Männer oder Unisex zugeschnitten sind.
4. Liegen Hautprobleme oder Hautkrankheiten vor? Sensible Haut braucht ein extra Augenmerk auf Material, Saugfähigkeit, Passform und Atmungsaktivität.
Nicht nur, aber besonders bei der Erstversorgung ist es sinnvoll, Ihren Kund*innen eine Auswahl verschiedener Windeln und Vorlagen zu zeigen und Proben mitzugeben. Mitunter bedarf es einiger Zeit, bis Windel und Vorlagen bedarfsgerecht ausgewählt wurden – und genau so sollten Sie es auch kommunizieren. Im Zweifel lieber einmal mehr ausprobiert als zuhause angebrochene Packungen zu horten.
Die Beratung zu Inkontinenz-Artikeln bedarf Fingerspitzengefühl, Ausdauer und Know-how. Die Apothekenkammern, unabhängige Fortbildungsportale sowie einige Hersteller bieten daher regelmäßig Seminare und Fortbildungsmöglichkeiten dazu an. Das kann sich nicht nur im Beratungsalltag lohnen, sondern Ihrer Apotheke auch ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen.
Weitere Inkontinenzartikel
Im Gegensatz zu aufsaugenden Inkontinenz-Artikeln wird der Urin mit ableitenden Inkontinenz-Produkten nicht aufgefangen, sondern aus der Blase geleitet. Das geschieht mit Hilfe spezieller Katheter, Urinbeutel oder Urinalkondomen. Alles Hilfsmittel, die gelegentlich auch in der Apotheke gefragt sind. Selten bis gar keinen Kontakt werden Sie vermutlich mit Toilettenhilfen haben. Dazu zählen Sitzerhöhungen, Toilettenstühle oder auch Urinflaschen, die es immobilen Menschen mit Inkontinenz ermöglichen sollen, möglichst lange selbstbestimmt auf Toilette gehen zu können.
Quellen:
https://www.malteser.de/dabei/gesundheit/selbstbestimmt-leben-trotz-harninkontinenz.html
https://www.clarunis.ch/medizinisches-angebot/organe/beckenboden/proktologie/stuhlinkontinenz
https://www.kontinenz-gesellschaft.de/fuer-patienten/info/stuhlinkontinenz/












