Ein Kind macht Matheaufgaben. Es sind viele Fehler rot angestrichen, einige Zahlen sind falsch geschrieben und Grundrechenarten wurden verwechselt.© Tatyana Cheremukhina/iStock/Getty Images Plus
Bei einer Dyskalkulie kann das Gehirn unter anderem die Ziffersymbole den Zahlenwerten nicht richtig zuordnen.

NeurodiversitÀt

DYSKALKULIE – WENN ZAHLEN ZUM PROBLEM WERDEN

Eine Dyskalkulie ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz. Sie macht sich bereits im Kindesalter bemerkbar und wÀchst sich nicht aus, weshalb sie meist bis ins Erwachsenenalter besteht. Geeignete Kompensationsstrategien helfen, die Dyskalkulie im Alltag, in der Schule oder im Beruf zu hÀndeln.

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Die Begriffe MatheschwĂ€che oder Rechenstörung werden synonym zu Dyskalkulie verwendet. Drei bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind betroffen, MĂ€dchen hĂ€ufiger als Jungen. Ihnen fehlt das VerstĂ€ndnis fĂŒr Zahlen- und Mengenangaben. FĂŒr sie ergeben Zahlen keinen Sinn, sondern stellen lediglich ein Symbol ohne Bedeutung dar.

Dyskalkulie zĂ€hlt zur NeurodiversitĂ€t, da sie teils erblich bedingt ist und bestimmte Hirnareale anders entwickelt sind als bei neurotypischen Menschen. Eine solche MatheschwĂ€che kann einzeln oder in Kombination mit anderen Lern- oder Entwicklungsstörungen wie Legasthenie oder ADHS auftreten. Hauptsymptom einer MatheschwĂ€che ist die BeeintrĂ€chtigung des mathematischen Denkens.

Was genau ist eine Dyskalkulie?

GrundsĂ€tzlich sind nicht alle Matheprobleme auf eine Dyskalkulie zurĂŒckzufĂŒhren. Betroffene haben erhebliche Schwierigkeiten, grundlegende Rechenfertigkeiten zu erlernen.

Das betrifft beispielsweise Basiskompetenzen (VerstĂ€ndnis fĂŒr Zahlen und Mengen) und Grundrechenarten.

Symptome einer Dyskalkulie

Die Symptome einer Dyskalkulie sind vielfĂ€ltig und bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgeprĂ€gt. Die ersten Symptome fallen schon im Kindergartenalter auf, wenn ein Kind Probleme damit hat, Zahlen und Mengen zu vergleichen, GegenstĂ€nde zu zĂ€hlen oder das SchĂ€tzen schwerfĂ€llt.

Doch erst im Grundschulalter zeigt sich die Dyskalkulie mit deutlicheren Symptomen. Zentral sind Probleme mit den Grundrechenarten. Kinder mit MatheschwĂ€che verwechseln die Rechenzeichen und verstehen die Rechenschritte nicht. Statt Lösungswege zu finden, lernen sie diese auswendig oder lösen die Aufgaben zĂ€hlend statt rechnend.

Kinder mit Dyskalkulie benötigen außerdem ungewöhnlich viel Zeit fĂŒr das Lösen von Aufgaben und haben Schwierigkeiten, auf das richtige Ergebnis zu kommen.Weitere Symptome werden deutlich, wenn das mathematische Können unter dem Klassendurchschnitt liegt und der Anschluss an den Unterricht verloren geht. Im weiteren Schulverlauf zeigen sich die Probleme der Dyskalkulie auch in anderen FĂ€chern, die ein mathematischen VerstĂ€ndnis voraussetzen, zum Beispiel Physik oder Chemie.

Die Herausforderungen einer MatheschwĂ€che betreffen nicht nur den schulischen Kontext. HĂ€ufige Zahlendreher, Probleme beim Ablesen der Uhrzeit oder beim Umgang mit Geld und auch beim EinschĂ€tzen von LĂ€ngenmaßen und Gewichten weisen auf Symptome einer Dyskalkulie hin.

Wichtig: Die Symptome einer Dyskalkulie lassen sich nicht einfach durch hĂ€ufiges Üben beheben.

Psychosomatische Symptome einer MatheschwÀche

  • Kinder mit Dyskalkulie schĂ€men sich fĂŒr ihre vermeintliche SchwĂ€che und entwickeln SchuldgefĂŒhle, Unlust und Missmut.
  • Sie sind traurig und mutlos, teils zeigen sie auch depressive Symptome.
  • Das seelische Wohlbefinden der Kinder leidet, denn sie verlieren das Vertrauen in sich selbst und ihre Motivation.
  • Kinder mit Dyskalkulie zeigen oft Angstsymptome in Bezug auf Mathe, PrĂŒfungen oder Schule allgemein.
  • Es kommt zu VerhaltensauffĂ€lligkeiten wie sozialem RĂŒckzug, Aggression oder Vermeidung von allem, was mit Mathe zu tun hat.
  • Kinder, die an einer Dyskalkulie leiden, fĂŒhlen sich permanent angespannt und gestresst. Daraus folgen körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Ängstlichkeit.
  • Auch ihr SelbstwertgefĂŒhl leidet erheblich unter der MatheschwĂ€che.

Verdacht einer MatheschwĂ€che – und nun?

Um die Gesundheit des Kindes nicht zu gefĂ€hrden, ist es wichtig, den Verdacht einer MatheschwĂ€che ernst zu nehmen und ihn abzuklĂ€ren. Untersuchungen geben Klarheit ĂŒber den Entwicklungsstand des mathematischen Denkens. Außerdem lĂ€sst sich so der Grad der Dyskalkulie beurteilen sowie die Art und der Umfang notwendiger Hilfen einschĂ€tzen.

Wo können Betroffene einer MatheschwÀche Hilfe bekommen?

Lerntherapeutische Zentren bieten kostenlose telefonische BeratungsgesprĂ€che an. Sie ermöglichen ein erstes Abtasten, ob vorliegende Symptome auf eine Dyskalkulie zurĂŒckzufĂŒhren sind oder nicht.

Das Zentrum fĂŒr angewandte Lernforschung als gemeinnĂŒtzige GmbH bietet unentgeltliche Hilfe fĂŒr Kinder und Eltern an. Dazu stehen Systemfragebögen auf der Webseite zur VerfĂŒgung.

Diagnose einer MatheschwÀche

Der erste Schritt sind GesprĂ€che mit den Lehrern ĂŒber den schulischen Leistungsstand des Kindes. Die FachkrĂ€fte können eventuelle SchwĂ€chen des Kindes konkret benennen und fachlich einschĂ€tzen.

NĂ€chste Anlaufstelle sind Kinder- und JugendĂ€rzte. Sie können eine MatheschwĂ€che als Teilleistungsstörung im Rahmen von FrĂŒherkennungsuntersuchungen beurteilen. Allerdings ist ihr Untersuchungs- und Handlungsspielraum begrenzt. „Symptomfragebögen, die nach dem Defizit- und Problemstand der Kinder fragen, sind dann sinnvoll“, sagt Dr. med. Wolfram Hartmann, PrĂ€sident des Berufsverbands der Kinder- und JugendĂ€rzte.

„Symptomfragebögen, die nach dem Defizit- und Problemstand der Kinder fragen, sind dann sinnvoll.“

Ein Dyskalkulie-Kurztest als erste Orientierung gibt einen Überblick ĂŒber die hĂ€ufigsten Symptome einer Dyskalkulie. Eine ausfĂŒhrliche Diagnose bieten Beratungsstellen fĂŒr Dyskalkulie an. Dazu werden standardisierte und wissenschaftlich evaluierte Rechen- und Intelligenztests durchgefĂŒhrt. Außerdem können dort andere Lern- oder Entwicklungsstörungen, zum Beispiel Legasthenie oder AD(H)S, abgeklĂ€rt werden.

Therapie einer MatheschwÀche

Eine effektive Therapie sollte wissenschaftlich fundiert und individuell auf den Betroffenen abgestimmt sein. Sie sollte als Einzelsitzungen mit einer Dauer von mindestens 45 Minuten stattfinden und sÀmtliche Symptome, die im Rahmen der Dyskalkulie auftreten können, einbeziehen.

Zu einer erfolgreichen Therapie gehört auch eine regelmĂ€ĂŸige Verlaufsdiagnostik, mit der der individuelle Leistungsstand jĂ€hrlich ĂŒberprĂŒft wird. Dabei ist eine interdisziplinĂ€re Zusammenarbeit zwischen Lerntherapeuten, Schulpsychologen, Lehrern und Eltern essenziell fĂŒr den Erfolg der Therapie.

Ziel der Therapie ist es, das mathematische VerstÀndnis zu fördern und somit die Handlungsautonomie der Betroffenen im alltÀglichen, schulischen und beruflichen Kontext zu stÀrken.

KostenĂŒbernahme

In der Regel mĂŒssen die Kosten der Therapie selbst getragen werden.

Das Jugendamt ĂŒbernimmt die Kosten, wenn die MatheschwĂ€che die seelische Gesundheit des Kindes gefĂ€hrdet oder bereits beeintrĂ€chtigt.

In AusnahmefĂ€llen kann eine KostenĂŒbernahme ĂŒber das Bildungs- und Teilhabepaket beantragt werden.

Schulische Fördermaßnahmen

Schulische Fördermaßnahmen sind eine weitere wichtige SĂ€ule der Therapie. Sie unterscheiden sich zwischen den einzelnen BundeslĂ€ndern jedoch stark. Die Diagnose der MatheschwĂ€che ermöglicht einen Nachteilsausgleich oder Notenschutz fĂŒr die Betroffenen.

„In der Förderung zeigt sich oft, dass die Kinder andere Rechenwege besser nachvollziehen können. Deswegen sollte man sie auch auf Umwegen zum Ziel kommen lassen.“
– Annette Höinghaus, Sprecherin des Bundesverbands Legasthenie & Dyskalkulie

Was können Eltern tun?

  • Deutlich machen, dass die MatheschwĂ€che nichts mit der allgemeinen Intelligenz zu tun hat
  • Das Selbstvertrauen des Kindes steigern
  • RĂŒckhalt und VerstĂ€ndnis innerhalb der Familie
  • Reduzierung von Stress und Druck
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