Eine Frau mit langen, grauen Haaren nimmt eine Weichkapsel ein.© shurkin_son/iStock/Getty Images Plus
Können Vitamine den Körper jung halten?

Longevity

VITAMINE BEEINFLUSSEN BIOLOGISCHES ALTER

Was bedeutet Altern? FĂĽr manch einen gehören dazu Vergesslichkeit und Falten, aber auch die Rente und mehr Gelassenheit. Biologisch betrachtet bedeutet Altern vor allem epigenetische Veränderung. Forschende möchten das biologische Alter beeinflussen – mit Vitaminen.  

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Epigenetische Muster auf unserer DNA bestimmen, in welchem Ausmaß welche Gene abgelesen werden. Während unsere DNA-Sequenz starr ist, können epigenetische Muster sich verändern: Ernährung, Stress, Umweltfaktoren, Rauchen und Bewegung beeinflussen das Epigenom und damit das biologische Alter.

Für einige dieser Faktoren belegten Untersuchungen bereits, dass sie im Zusammenhang mit Alterungsprozessen und der damit verbundenen Gesundheit stehen. Epigenetische Uhren nennen Forschende diese bereits bekannten Strukturen. Zwei Menschen, die beide genau 80 Jahre alt sind, können unterschiedliche epigenetische Muster tragen. Das wiederum beeinflusst ihr biologisches Alter, sie leben also – so die Theorie – unterschiedlich lang und gesund.

Das biologische Alter beeinflussen: Epigenetische Uhr zurĂĽckdrehen

Wie lassen sich diese epigenetischen Uhren umstellen, damit sie unser biologisches Alter beeinflussen und wir alle länger und vor allem gesünder leben können? Forschende gehen davon aus, dass sich die epigenetischen Uhren zurückdrehen oder zumindest verlangsamen lassen. Und zwar unter anderem mit der Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen.

Ein Team um Sidong Li von der chinesischen Universität fĂĽr Wissenschaft und Technologie in Hefei untersuchte die Daten von knapp 1000 Proband*innen um die 70 Jahre, die entweder ein Multivitamin-Multimineralstoffpräparat, ein Kakao-Präparat (mit angeblichen Gesundheitsvorteilen durch sekundäre Pflanzeninhaltsstoffen) oder ein Placebo einnahmen.

Die Effekte, wie sich das biologische Alter beeinflussen lässt, machten die Forschenden an speziellen, bereits identifizierten epigenetischen Uhren fest.

Je nachdem wie weit diese Uhren fortschritten, beurteilte das Team die jeweilige MaĂźnahme als erfolgreich oder weniger erfolgreich.

Was bringen Vitamine und Co. wirklich?

„Die tägliche Einnahme von Multivitamin-Multimineral-Präparaten über zwei Jahre hinweg hatte einen kleinen, aber signifikanten positiven Effekt auf zwei von fünf epigenetischen Uhren“,

schreiben die Forschenden. Konkret heißen die Uhren PCPhenoAge und PCGrimAge. Die erste Uhr tickte dank Vitaminen pro Jahr etwa 2,6 Monate, die zweite durchschnittlich 1,4 Monate langsamer. Auf die drei weiteren untersuchten Uhren, die ebenfalls das biologische Alter beeinflussen, zeigten sich keine signifikanten Veränderungen.

Etwas stärker ausgeprägt waren diese Effekte bei Proband*innen, die körperlich älter waren als es der Kalender vermuten lieĂź. Hier zeigte sich, dass sich das biologische Alter womöglich durch Vitamine noch stärker beeinflussen lässt: PCGrimAge tickte bei ihnen etwa 2,8 Monate langsamer.

Trend: Longevity und das biologische Alter

Was bedeuten die Ergebnisse nun konkret für den Alltag? Sollten wir alle frühzeitig im Leben mit der Einnahme von Vitaminen beginnen, um unser biologisches Altern zu beeinflussen? Diesen Ansatzpunkt vertreten viele Anhänger der Longevity-Bewegung.

Longevity bedeutet ĂĽbersetzt Langlebigkeit. Das Ziel: Den Alterungsprozess verlangsamen und bis ins hohe Alter fit bleiben. Das lässt sich erreichen durch

  1. eine ausgewogene Ernährung,
  2. regelmäßige Bewegung,
  3. Erholungspausen (Schlaf und Alltagsregeneration),
  4. soziale Kontakte und
  5. Stressmanagement (stabile mentale Gesundheit).

Das sind die fünf Säulen von Longevity. Wer die Säule „Ernährung“ nicht allein über Nahrungsaufnahme bedienen kann, greift auf Nahrungsergänzungsmittel zurück. Trotz der Studienergebnisse, dass sich das biologische Alter beeinflussen lässt (wenn auch geringfügig), ist weiterhin unklar, wie sich die Effekte auf eine gesunde Lebensspanne auswirken.

„Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass Vitaminpräparate das Altern verlangsamen können – und sei es nur geringfügig – hätte das große Auswirkungen auf öffentliche Gesundheitsempfehlungen und Leitlinien“,

schreiben Daniel Belsky und Calen Ryan von der Columbia University in New York in einem begleitenden Kommentar. „Die Daten aus der aktuellen Studie bringen uns einen Schritt weiter in die Richtung solcher Belege, aber Unsicherheiten bleiben bestehen.“

Weitere Studien über den Einfluss von Vitaminen auf das biologische Alter müssen also folgen und das Proband*innen-Kollektiv muss für valide Aussagen ausgeweitet werden – so war zum Beispiel keine*r der Teilnehmenden chronisch krank.

Warten Sie also lieber noch ein wenig, bevor Sie routiniert Multivitamin-Präparate für alle Kund*innen empfehlen.

Quelle: Bild der Wissenschaft

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