LÀchelnde Àltere Frau mit Down-Syndrom© Aiman Dairabaeva / iStock / Getty Images Plus
Menschen mit Down-Syndrom erkranken hÀufiger an Alzheimer.

Welt-Down-Syndrom-Tag

WARUM MENSCHEN MIT DOWN-SYNDROM FAST IMMER ALZHEIMER BEKOMMEN

Fast jeder Mensch mit Down-Syndrom bekommt auch Alzheimer – das liegt an den Genen. Trotzdem sind die Strukturen in Deutschland darauf nicht eingestellt. Was nicht nur Betroffene dazu wissen sollten.

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Menschen mit Down-Syndrom bekommen aufgrund ihrer genetischen Besonderheit nahezu ausnahmslos Alzheimer â€“ und das viel frĂŒher als Betroffene im Rest der Bevölkerung. Dennoch sind die Strukturen in Deutschland darauf nicht eingestellt.

Das hat gravierende Folgen fĂŒr Menschen mit Down-Syndrom, die zusĂ€tzlich an Alzheimer erkranken, sowie fĂŒr ihre Angehörigen, die Behindertenhilfe und Pflegeheime. Ein Überblick.

Was ist das Down-Syndrom?

Beim Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, ist das Chromosom 21 in den Körperzellen dreifach statt zweifach vorhanden. Diese angeborene, zufĂ€llige VerĂ€nderung ist keine Krankheit, geht aber oft mit gesundheitlichen und individuell unterschiedlichen kognitiven EinschrĂ€nkungen einher. Auch körperliche Merkmale wie mandelförmige Augen sind fĂŒr das Down-Syndrom charakteristisch.

Durch frĂŒhzeitige Therapien können viele Menschen mit Down-Syndrom heute ein weitgehend selbststĂ€ndiges Leben fĂŒhren. Dennoch spielt Alzheimer bei vielen Betroffenen im spĂ€teren Leben eine zentrale Rolle.

Warum Menschen mit Down-Syndrom Alzheimer bekommen

„Das Alzheimerrisiko ist bei Menschen mit Down-Syndrom extrem erhöht, im Prinzip bekommen alle Alzheimer“, schildert Johannes Levin. Er leitet am LMU-UniversitĂ€tsklinikum in MĂŒnchen die deutschlandweit einzige Spezialambulanz zum Thema Down-Syndrom und Alzheimer.

Dem Experten zufolge bleiben einzig diejenigen Menschen mit Down-Syndrom, bei denen das 21. Chromosom nur teilweise in dreifacher AusfĂŒhrung vorliegt, manchmal von Alzheimer verschont. Der Grund: „Auf dem Chromosom 21 liegt das codierende Gen fĂŒr das Amyloid-VorlĂ€uferprotein. Das wiederum ist das Ausgangsmaterial fĂŒr Alzheimerplaque“, erklĂ€rt Levin. Dieses Baumaterial ist bei Down-Syndrom also in grĂ¶ĂŸerer Menge vorhanden – und begĂŒnstigt die Entstehung von Alzheimer.

FĂŒr Menschen mit Down-Syndrom liegt das Risiko, an Alzheimer zu erkranken bei ĂŒber 90 Prozent.

Die Plaques gelten als Voraussetzung fĂŒr den Prozess, der zum Absterben von Nervenzellen fĂŒhrt. „Und dann geht es unausweichlich los“, betont Levin.

Im Unterschied zu Alzheimer bei anderen Betroffenen beginnt die Demenz bei Menschen mit Down-Syndrom allerdings deutlich frĂŒher, teilweise schon in den Dreißigern.

„Das mittlere Erkrankungsalter ist 51“, erlĂ€utert Levin. Von da an geht es fĂŒr viele Menschen mit Down-Syndrom und Alzheimer steil bergab: Zehn Jahre spĂ€ter sind ĂŒber 95 Prozent der Betroffenen tot. Ursache ist meist die Alzheimer-Erkrankung, auch wenn auf dem Totenschein letztlich LungenentzĂŒndung oder Harnwegsinfekt steht.

Die Diagnostik

Die Diagnostik von Alzheimer bei Down-Syndrom ist schwierig. Experten raten daher dazu, schon in jungen Jahren – zwischen 20 und 30 – entsprechende Tests durchzufĂŒhren. So können VerĂ€nderungen spĂ€ter besser erkannt werden, wenn sich erste Anzeichen von Alzheimer bei Menschen mit Down-Syndrom zeigen. Denn auch andere Krankheiten können Symptome verursachen, die zunĂ€chst wie Alzheimer wirken. Gerade bei Menschen mit Down-Syndrom ist es deshalb wichtig, VerĂ€nderungen im Verlauf frĂŒhzeitig zu erkennen.

Das Problem: Die Spezialambulanz in MĂŒnchen ist eine der wenigen Anlaufstellen fĂŒr Menschen mit Down-Syndrom, bei denen ein Risiko fĂŒr Alzheimer besteht. Sie kann nicht einmal ein Prozent der bundesweit geschĂ€tzt 50000 Menschen mit Down-Syndrom betreuen. Alternativ können Bezugspersonen auf einen online verfĂŒgbaren Fragebogen zurĂŒckgreifen. Dieser sollte idealerweise jĂ€hrlich ausgefĂŒllt werden, um mögliche VerĂ€nderungen frĂŒhzeitig zu erkennen.

Denn bei Menschen mit Down-Syndrom fallen typische Symptome von Alzheimer, etwa Vergesslichkeit oder rÀumliche Desorientierung, hÀufig spÀter auf.

Die Folgen fĂŒr Betreuung und Pflege

Viele Menschen mit Down-Syndrom leben auch als Erwachsene noch bei ihren Eltern. Wenn zusĂ€tzlich Alzheimer auftritt, haben diese Angehörigen oft selbst schon ein höheres Alter und mĂŒssen mit Symptomen wie nĂ€chtlicher AktivitĂ€t, Verwirrtheit oder AggressivitĂ€t umgehen. „Das sind ganz prekĂ€re Lebenssituationen“, berichtet Christina Kuhn von „Demenz Support Stuttgart – Zentrum fĂŒr Informationstransfer“.

Auch in anderen Wohnformen geraten Menschen mit Down-Syndrom, die an Alzheimer erkranken, hĂ€ufig in schwierige Situationen. In ambulant betreuten Wohngruppen etwa bekommen Angehörige laut Kuhn „oft die Pistole auf die Brust gesetzt:

„Das geht nicht mehr, der Pflegeaufwand ist zu groß“.“

Selbst in Wohnheimen fĂŒr Menschen mit Down-Syndrom fehlt hĂ€ufig Personal fĂŒr Bewohner, die zusĂ€tzlich Alzheimer entwickeln. Denn viele Einrichtungen sind darauf ausgelegt, dass die Bewohner tagsĂŒber in WerkstĂ€tten arbeiten.

Letztlich landen viele Betroffene mit Down-Syndrom und Alzheimer deshalb in normalen Pflegeheimen. Diese sind jedoch meist nicht darauf eingestellt, dass ein körperlich krĂ€ftiger 50-JĂ€hriger mit Down-Syndrom und Alzheimer zwischen hochbetagten PflegebedĂŒrftigen lebt.

Medikamente und strukturelle Gewalt

Die Folge: Viele Menschen mit Down-Syndrom und Alzheimer werden mit Medikamenten ruhiggestellt. „Menschen mit Down-Syndrom erhalten in Deutschland sehr viel weniger klassische Demenzmedikamente gegen Alzheimer, aber sehr viel mehr Tranquilizer und Psychose-Medikamente“, sagt Levin.

Das sei oft nicht böswillig gemeint, zeige jedoch deutlich, dass das System fĂŒr Menschen mit Down-Syndrom und Alzheimer nicht ausreichend vorbereitet sei. Ein weiteres Problem ist strukturelle Gewalt, die durch den Pflegenotstand begĂŒnstigt wird.

Gerade Menschen mit Down-Syndrom, die zusĂ€tzlich Alzheimer entwickeln, sind davon betroffen. „Es gilt immer noch das Recht auf Selbstbestimmung!“, betont die psychologische Beraterin Gabriela Koslowski.

Quelle: dpa

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