Essstörungen
SO BEEINFLUSSEN SICH MIKROBIOM UND ANOREXIE
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Magersucht oder Anorexia nervosa ist lebensbedrohlich: Fünfmal höher ist die Sterblichkeit vor allem von Mädchen und jungen Frauen im Vergleich zur gleichaltrigen Bevölkerung ohne diese Erkrankung. Gerade mit (extremen) Untergewicht steigt das Risiko noch einmal an. Es wäre daher falsch, einfach zu sagen: Esst mehr, ihr lieben Frauen.
Glücklicherweise schauen Forschende genauer hin: Warum der Körper Hungersignale nicht mehr richtig wahrnimmt und wie sich eine derartig extreme Stoffwechsellage entwickeln kann, sind schon länger zentrale Fragen rund um Anorexie. Im Mittelpunkt: Das Mikrobiom und dessen Zusammensetzung der Darmbakterien.
Mikrobiom und Anorexie: kausale Zusammenhänge?
Bereits vergangene Studien belegen den Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Anorexie: Wird das Mikrobiom von Proband*innen mit Anorexie auf keimfreie Mäuse übertragen, nahmen diese weniger zu und reagierten zunehmend ängstlich.
„Diese Ergebnisse legen nahe, dass Darmbakterien nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch Verhalten und Emotionen beeinflussen können und damit möglicherweise zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen“,
erläutert Professor Dr. med. Hans-Christoph Friederich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM). Konkret entdeckten die Forschenden, dass im Hypothalamus mehr appetitzügelnde Gene exprimiert wurden.
Magersucht: Mehr als Verzicht auf Nahrung
Damit ist klar: Magersucht ist nicht allein psychisch erklärbar. Biologische Veränderungen, auch am Mikrobiom, verstärken bei Anorexie Ängste und starre Denkmuster. Friederich betont: „Magersucht ist keine Willensschwäche“. Darmbakterien und deren Stoffwechselprodukte stehen mit Magersucht in Zusammenhang.
Magersucht ist also ein komplexes Krankheitsgeschehen. Sowohl die Psyche als auch der Körper geraten bei Menschen mit Anorexie und verändertem Mikrobiom in Schieflage. Hunger- und Sättigungsgefühl gehen nicht mit den biologischen Bedürfnissen des Körpers einher:
Trotz teils erheblichen Energiebedarfs stockt die Signalkaskade und das Essverlangen bleibt aus.
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Gehirn ignoriert Energiemangel
„Der Körper signalisiert zwar Energiemangel, doch das Gehirn reagiert nicht mehr angemessen darauf. Der Essantrieb ist selbst dann vermindert, wenn das Untergewicht bereits lebensbedrohlich ist“,
sagt Friederich. Das passiert biologisch in einem Körper mit Magersucht:
- Drosselung des Stoffwechsels, damit der Körper überlebt
- Absenken der Körpertemperatur – Achtung: Unter 34,5 Grad geht der Körper in einen kritischen Zustand über!
- Absenkung des Ruhepulses auf unter 40 Schlägen pro Minute; systolischer Blutdruck unter 80 mmHg – Achtung: Dadurch sind Herz-Kreislauf und Immunsystem funktional beeinträchtigt!
Wie tilgen Darmbakterien das Hungergefühl?
In einer vergangenen Studie an Menschen mit Magersucht untersuchten dänische Forschende den Zusammenhang von Mikrobiom und Anorexie anhand von Blut- und Stuhlproben und verglich sie mit Proben gesunder Frauen.
Im Blut der Probandinnen mit Magersucht entdeckte das Team viele Stoffwechselprodukte, die das Sättigungsgefühl fördern. Das Darm-Mikrobiom von Frauen mit Anorexie zeigte eine Dysbiose der Darmbakterien:
- Reduzierte Anteile der Darmbakterien Roseburia intestinalis und Roseburia inulinivorans (Arten, die aktive Stoffwechselprodukte, sogenannte short-chain fatty acids wie Acetat, Lactat oder Butyrat produzieren)
- Mehr Laktobazillen
- Erhöhte Chlostridien-Anteile
Neben den Darmbakterienzeigte auch das Virom Abweichungen: Die Stuhlproben enthielten auffällig viele Lactococcus-Phagen, also spezielle Viren, die ausschließlich Bakterien befallen. In diesem Fall das Bakterium Lactococcus lactis. In der Folge nimmt die Zahl dieser Bakterien im Mikrobiom bei Frauen mit Anorexie ab.
Die Forschenden beobachteten, dass als Folge dieses veränderten Mikrobioms der Probandinnen mit Anorexie wichtige Botenstoffe wie Dopamin, Glutamat und Tryptophan vermehrt abgebaut werden. Das wirkt sich stark auf die Gehirnfunktion und Stimmung aus.
Die veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien zeigt also nicht nur direkte Auswirkungen auf die Nahrungsverwertung, sondern auch auf neuronale Prozesse.
Quellen:
https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/zentrum-fuer-innere-medizin-medizin-klinik/klinik-fuer-allgemeine-innere-medizin-und-psychosomatik/forschung/forschungsschwerpunkte/projektbeschreibungen/darm-mikrobiom-profil-als-diagnostischer-marker-bei-anorexia-nervosa/
Fan, Y., Støving, R.K., Berreira Ibraim, S. et al.: „The gut microbiota contributes to the pathogenesis of anorexia nervosa in humans and mice“, Nature Microbiology, 17. April 2023. https://www.nature.com/articles/s41564-023-01355-5
https://www.dgpm.de/presse/presseinformationen/anorexia-nervosa-am-limit-wenn-untergewicht-zur-lebensbedrohlichen-grenze-wird/
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/42836-magersucht-mikrobiom-macht-mit












