Aus der Psychologie
ZWANGSSTÖRUNG – IN GEDANKEN GEFANGEN
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Die Zwangsstörung gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Sie setzt sich unabhängig von der Ursache häufig aus einer Kombination von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zusammen. Die werden bei jeder Form von Zwangsstörung meist als unangenehm und unsinnig erlebt, drängen sich Betroffenen aber wiederholt auf. Die Widerstandsfähigkeit innerhalb einer Zwangsstörung ist ohne Therapie gering.
Bei allen Ursachen und Arten der Zwangsstörung ist vor allem das Gerüst wiedererkennbar, weniger die Symptomatik. Es gibt nicht nur eine Form der Zwangsstörung, denn es existiert eine hohe Individualität im Bereich der Zwänge. Allerdings wurden die häufigsten verzeichnet.
Zwangsstörungen – Form und Ausprägung
Unabhängig von der Ursache taucht plötzlich ein seltsamer Gedanke auf, erscheint regelmäßiger, bis er ganze Handlungen und schließlich die Betroffenen selbst kontrolliert. Schließlich führt man eine Handlung durch, die diesen quälenden Gedanken beruhigt. Jedes Mal, wenn der bedrohliche Gedanke auftaucht, folgt die Handlung – eine langfristige Konditionierung.
Manchmal stehen Zwangsgedanken im Vordergrund, wieder andere sind vor allem durch die Zwangshandlungen geprägt. Diese Zwangsrituale werden als Vorbeugung auf ein objektiv unwahrscheinliches Ereignis erlebt, aber weder als angenehm noch als sinnvolle Handlungen empfunden.
Diese befürchteten Ereignisse beziehen sich meist auf Schaden an den Betroffenen selbst oder das generelle Anrichten von Schaden.
Häufig sind Angst, Anspannung und Ekel vorhanden, die sich beim Versuch, den Gedanken oder die Handlung zu unterdrücken, steigern. Die Zwangshandlung erlöst die Betroffenen letztlich von dieser Anspannung – kurzfristig.
Verschiedene Formen der Zwangsstörung
Welche Gedanken zu Zwangshandlungen führen und wie genau diese Handlungen aussehen, ist höchst individuell. Zwangsstörungen lassen sich aber grob in verschiedene Formen unterteilen.
Reinigungs- und Waschzwänge
Diese Form der Zwangsstörung setzt sich aus extremem Ekel und panischer Angst vor Schmutz, Krankheitserregern oder Körperflüssigkeiten zusammen. Kranke Personen, Abfall oder entsprechende Gegenstände lösen extreme Kontaminationsängste aus, obwohl Betroffene damit nicht in Berührung treten. Allein der Gedanke oder die Information einer kranken Person im Umfeld löst den Zwangsgedanken und das entsprechende Zwangsritual aus.
Stundenlang werden Wohnräume, Gegenstände und der ganze Körper gewaschen. Die Rituale innerhalb dieser Form der Zwangsstörung laufen meistens nach einem bestimmten Plan ab, dessen Unterbrechung zu einem Neustart führt.
Eine markante körperliche Folge dieser Form ist die wunde Haut mit einer gestörten Säureschutzschicht. Ohne Therapie oder Hilfe versuchen Betroffene dieser Form der Zwangsstörung dem Aufwand des Reinigens zu entgehen, indem sie bedrohliche Situationen meiden. Das reduziert soziale Kontakte und den Aufenthalt in der Außenwelt.
Kontrollzwänge
Die Furcht der Betroffenen richtet sich bei dieser Form der Zwangsstörung darauf, durch Unachtsamkeit Schaden oder Fehler anzurichten. Beispielsweise die Wohnung durch eingeschaltet gelassene Geräte abzufackeln oder ein offenes Fenster übersehen zu haben, was Einbrüche erleichtert. Immer wieder werden die entsprechenden Dinge kontrolliert, um den Gedanken zu beruhigen.
Trotz wiederholten Überprüfens stellen sich der Gedanke und die damit einhergehende Anspannung und Angst immer wieder ein.
Der Zeitaufwand, ausgelöst durch diese Form der Zwangsstörung, führt zu Unpünktlichkeit und unberechenbaren Zeitplänen.
Auch auf der Arbeit kann es zum wiederholten Durchführen von Routineaufgaben kommen, um die Angst vor Fehlern zu beruhigen.
Wiederholzwang
Diese Form der Zwangsstörung ist unabhängig von ihrer Ursache vollständig subjektiv. Betroffene führen unter selbstbestimmten Regeln bestimmte Handlungen wie beispielsweise Staubsaugen beliebig oft am Tag – aber eben unnötig – durch.
Wird die Anzahl der festgelegten Wiederholungen nicht eingehalten, entsteht die Angst vor möglichen Katastrophen.
Zahlzwänge
Die Zwangsstörung in dieser Form drängt Betroffene dazu, Fliesen, Bücher oder andere Dinge wiederholt zu zählen. Ein Widerstand führt zu Unwohlsein und Angespanntheit.
Ordnungszwang
Bei dieser Form der Zwangsstörung geht es nicht nur um den zwanghaften Drang nach ordentlichen Wohnräumen, sondern auch um bestimmte Anordnungen innerhalb dieser Ordnung. Konservendosen beispielsweise müssen auf eine bestimmte Art geordnet sein.
Zwangsgedanken
Um die Zwangsgedanken hinter den verschiedenen Formen der Zwangsstörung zu verstehen, muss man sich an den Ursprung erinnern. Diese Gedanken entstehen unabhängig ihrer Ursache aus der Angst heraus, Schaden auszuteilen.
So werden manche Betroffenen von Gedanken gequält wie beispielsweise:
- Angst vor dem Entsorgen wertvoller Gegenstände à Sammelzwang
- Angst, pädophil zu sein
- extreme Zweifel (ist das wirklich meine Wohnung?)
- Angst, ein Verbrechen begangen zu haben ohne Erinnerung daran
- Angst, Krankheiten zu entwickeln
- Angst, sich selbst oder nahestehende Personen zu verletzen oder töten
Ursachen der Zwangsstörung
Es gibt drei mögliche Bereiche für die Ursache einer Zwangsstörung. Dabei können auch mehrere dieser Faktoren gleichzeitig als Ursache die Entwicklung der Krankheit auslösen.
Ursache in der Vererbung
Erbliche Faktoren werden als Ursache eher gering eingeschätzt. Es ist verzeichnet, dass das Risiko für Kinder, an einer Zwangsstörung zu erkranken, erhöht ist, wenn einer oder beide Elternteile an einer Zwangsstörung erkrankt sind. Gleichzeitig bleiben aber auch viele Mitglieder belasteter Familien gesund.
Hinzu kommt, dass Kinder auch ohne einen genetischen Faktor Verhalten oder eben die Zwangsstörung durch das gemeinsame Leben übernehmen, was nicht mehr als genetische Ursache zählt.
Ursache in der Neurobiologie
Eine neurobiologische Ursache der Zwangsstörung sind gestörte Regelkreise zwischen Frontalhirn und den Basalganglien. Studien zu dieser neurologischen Ursachen der Zwangsstörung verzeichnen, dass Steuerungsimpulse vom Frontalhirn nicht wirksam durch die Basalganglien gefiltert werden. Dadurch können einmal begonnene Gedanken und Handlungen weder gesteuert noch beendet werden.
Zu wenig Serotonin als Ursache einer Zwangsstörung heißt einerseits, dass der Einfluss des Botenstoffs auf die erwähnten Schaltkreise fehlt. Andererseits fehlt die Impuls- und Emotionskontrolle sowie die Angstverarbeitung, was die Zwangsstörung nährt.
Zusätzlich zu Serotoninmangel als Ursache der Zwangsstörung erfahren die Betroffenen beim Durchführen der Zwangshandlung Erleichterung. Dadurch wird das Belohnungssystem aktiviert. Der geringer vorhandene Botenstoff Serotonin wird also durch diese herbeigeführte Aktivierung unterbewusst ausgeglichen.
Ursache im Umfeld
Erziehungsstile, in denen Fehlern ein hoher Wert beigemessen wurde und die heftige Reaktionen hervorbrachten, aber auch einschneidende Erlebnisse und Trauma können eine Ursache für die Zwangsstörung sein.
Besonders die Zwänge, die erneute schlimme Dinge verhindern sollen, sind nach einem Trauma schwierig allein zu besiegen.
Therapie von Zwangsstörungen
Ohne eine Therapie ist das Risiko erhöht, dass eine Zwangsstörung unabhängig ihrer Ursache chronisch wird. Die Therapien teilen sich in medikamentöse und Psychotherapien auf, wobei diese meist zusammenarbeiten.
Zwangsstörungen treten auch komorbid auf, beispielsweise zu Depressionen oder Angststörungen, wobei die Therapie und auch die Medikation an diesen Umstand individuell angepasst werden.
- Medikamentöse Therapie: Durch die Medikamente wird unabhängig der Ursache nicht die Zwangsstörung geheilt, sondern die Symptomatik gelindert. SSRI wie Sertralin, Paroxetin oder Fluvoxamin senken einerseits die Anspannung, während gleichzeitig die neurobiologische Komponente angesprochen wird.
- Psychotherapie: Innerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie wird erlernt, die Triggersituation durchzuführen, ohne dem Zwang nachzugeben.
Quellen:
Mathias Berger: „Psychische Erkrankungen“, Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 6. Auflage 2018.
Ulrich Voderholzer: „Therapie psychischer Erkrankungen – State of the Art 2022“, Urban & Fischer, 17. Auflage 2021.
https://www.schoen-klinik.de/zwangsstoerungen
https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/zwang/ursachen/
https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/bitstream/handle/20.500.11811/5594/3444.pdf?sequence=1
https://kontrollzwang.de/therapiemoeglichkeiten-bei-kontrollzwang/












