Abbildung des Magen-Darm-Traktes.© peterschreiber.media / Anastasia Malachi / iStock / Getty Images
Eine multinationale Studie stÀrkt die Annahme, dass funktionelle Magen-Darm-Beschwerden weit verbreitet sind.

Verdauungstrakt

SCHMERZEN IM DARM ERNST NEHMEN

Wenig Wissen, wenig Empathie – zu schnell werden Menschen mit funktionellen Magen- und Darmschmerzen in die Ecke der psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen gestellt. Dabei leiden sie unter einem massiven Verlust an LebensqualitĂ€t. Eine genaue Diagnose ist wichtig, wenn Schmerzen im Darm den Alltag belasten.

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Stellen Sie sich vor, Sie mĂŒssten jeden Tag DiĂ€t halten, auf alles achten, was Sie zu sich nehmen, dazu auf Alkohol und Coffein verzichten, verarbeitete Lebensmittel meiden – und Sie wĂŒrden sich trotzdem schlecht fĂŒhlen. So ergeht es hĂ€ufig Menschen mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden. Keine Routineuntersuchung konnte bislang einen organischen Grund fĂŒr die Schmerzen im Darm liefern. Diverse Kameras zeigen keine biochemischen VerĂ€nderungen des Magen-Darm-Traktes und Lebensmittel-UnvertrĂ€glichkeiten können bei diesen Schmerzen im Darm zumeist auch ausgeschlossen werden.

Die viszeralen Schmerzen im Darm fĂŒhlen sich dumpf an, sind schwer zu lokalisieren und werden hĂ€ufig von Übelkeit, SchweißausbrĂŒchen, Flatulenzen, Diarrhö oder Obstipation, sogar von Erbrechen begleitet. Aber auch von plötzlich auftretenden, lokal abgrenzbaren stechenden oder brennenden Schmerzen im Darm berichten Betroffene. Die stĂ€ndigen Arztbesuche und der Eindruck, sich fĂŒr seine Magen- und Darmschmerzen rechtfertigen zu mĂŒssen, sind fĂŒr Betroffene zusĂ€tzlich belastend.

Magen- und Darmschmerzen als Ausschlussdiagnose

Mit den neuen Rom-IV-Kriterien 2016 werden erstmalig auch Beschwerden thematisiert, die mit Störungen der Darm-Hirn-Achse einhergehen oder auf ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren beruhen. Krankheiten wie Reizdarm, Reizmagen oder funktionelle Obstipation werden demnach umfassender betrachtet, die Definition verbessert. Dennoch bleiben Magen- und Darmschmerzen am Ende oft eine Ausschlussdiagnose.

Rom-IV-Kriterien
Bei den Rom-IV-Kriterien handelt es sich um Diagnosekriterien fĂŒr funktionelle gastrointestinale Störungen, wie unklare Schmerzen im Darm. Sie wurden 2016 von der Rome Foundation veröffentlicht und lösten die bis dahin geltenden Rom-III-Kriterien ab.

Denn die Symptome funktioneller und organischer Ursachen Ă€hneln sich oder ĂŒberlappen zum Teil. So mĂŒssen im Vorfeld von diagnostizierten Magen- und Darmschmerzen unter anderem chronisch-entzĂŒndliche Darmerkrankungen, NahrungsmittelunvertrĂ€glichkeiten, Zöliakie oder Krebserkrankungen ausgeschlossen werden.

Auch möglicherweise beteiligte Organe wie Leber oder Galle mĂŒssen sich einem Screening unterziehen. Zudem können auch Mischformen vorliegen, eine Person kann also unter funktionellen Schmerzen im Darm leiden und gleichzeitig eine chronisch-entzĂŒndliche Darmerkrankung haben.

Hohe Dunkelziffer bei Schmerzen im Darm

Eine multinationale Studie stĂ€rkt die Annahme, dass funktionelle Magen- und Darmschmerzen weit verbreitet sind, zumindest im westlichen Teil der Welt. Es wird aber eine deutlich höhere PrĂ€valenz vermutet – Scham, Eigentherapie oder auch Fehldiagnostik können GrĂŒnde fĂŒr unerkannte Schmerzen im Darm sein. 

Man geht davon aus, dass knapp 40 Prozent der Bevölkerung von funktionellen Magen-Darm-Beschwerden betroffen sind, vorwiegend Frauen.

Denn gastrointestinale Störungen können auch Symptome anderer gesundheitlicher Probleme wie beispielsweise chronischer Schmerzen sein. Oder psychischer Natur sein. Ebenso können Depressionen oder Angststörungen Begleiterscheinungen funktioneller Schmerzen im Darm sein. Bestehen mehrere Faktoren gleichzeitig ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum nebeneinander, eröffnet sich fĂŒr Heilberufler*innen ein klassisches Henne-Ei-Problem bei der Beurteilung der Magen- und Darmschmerzen. Und auch Betroffene wissen bei ihren Schmerzen im Darm hĂ€ufig nicht mehr, was zuerst da war.

Psychische Aspekte bei Magen- und Darmschmerzen

Zudem legitimieren viele Therapeut*innen Krankheitsbilder weiterhin erst dann, wenn eine pathologische Ursache erkennbar ist. Der Rest sei psychosomatisch. Und nicht schwerwiegend. TatsĂ€chlich besteht bei funktionellen Magen- und Darmschmerzen keine akute Gesundheitsgefahr, auch wenn Langzeitfolgen je nach Schwere der Symptomatik schwer abzuschĂ€tzen sind. So können bei anhaltenden Gastritiden Ulcera auftreten, Obstipation zu HĂ€morrhoidalbeschwerden fĂŒhren oder einen Medikamentenabusus mit sich bringen.

Außerdem wird hĂ€ufig die leidende LebensqualitĂ€t außer Acht gelassen: Arbeiten, Urlaubsreisen, Restaurantbesuche – wichtige soziale Komponenten des Lebens, die fĂŒr Betroffene nur eingeschrĂ€nkt oder gar nicht zu genießen sind.

Schmerzen im Darm mindern LebensqualitÀt

Jahr fĂŒr Jahr kommen neue Erkenntnisse hinzu, doch warum es genau zu Schmerzen kommt und diese anhalten, teilweise sogar trotz Therapie, ist weiterhin unklar. Man geht mittlerweile von einem multifaktoriellen Geschehen aus: Es können körperliche und/oder psychosoziale EinflĂŒsse vorliegen und daraus resultierende Lerneffekte:

  • Hypothese 1: HypersensibilitĂ€t Es wĂ€re beispielsweise denkbar, dass ein Reizdarmpatient in der Vergangenheit mal einen heftigen Magen-Darm-Infekt erlitt und es dadurch zu kleinen VerĂ€nderungen an der Darmwand gekommen ist. Mit der Zeit fĂŒhlen sich Darmbewegungen, die vorher nicht gespĂŒrt wurden, plötzlich unangenehm an oder schmerzhaft. Diese neue HypersensibilitĂ€t ist ein ErklĂ€rungsansatz fĂŒr funktionelle Magen-Darm-Beschwerden, die Schmerzschwelle ist herabgesenkt, die Schmerzverarbeitung im Gehirn verĂ€ndert.
  • Hypothese 2: Bauch-Hirn-Achse Aus Hypothese 1 kann man folgern, dass Bauch und Hirn folglich miteinander kommunizieren. Die Existenz dieser Darm-Hirn-Achse stellt einen weiteren ErklĂ€rungsansatz dar. 
  • Hypothese 3: verĂ€ndertes Mikrobiom In verschiedenen Studien wurde festgestellt, dass Betroffene mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden ĂŒber eine verĂ€nderte mikrobielle Darmbesiedelung verfĂŒgen. Die Zusammensetzung der Besiedelung sowie dessen FunktionalitĂ€t scheinen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf funktioneller Magen- Darm-Beschwerden zu haben.
  • Hypothese 4: DarmverĂ€nderungen Neben Stress, der die Beschwerden verstĂ€rken kann, werden auch eine verringerte Barrierefunktion der Tight Junctions im Darmepithel sowie lokale Immunreaktionen der Mukosa werden diskutiert.

Behandlung von Magen- und Darmschmerzen

Ein multimodales Geschehen bedarf eines ebensolchen Therapieansatzes:

  • ErnĂ€hrungsberatung,
  • Bewegung,
  • Psychoedukation und
  • eine evidenzbasierte symptomorientierte Pharmakotherapie.

Denn auch, wenn sich die Beschwerdebilder ĂŒberlappen, sollten Magen- und Darmschmerzen individuell therapiert werden. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Mikrobiom. DA bei Schmerzen im Darm viel ĂŒber die ErnĂ€hurng gesteuert werden kann.

ErnÀhrungsempfehlungen bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden
Eine ausgewogene Vollkost beziehungsweise eine angepasste Vollkost bildet hĂ€ufig die Basis der ErnĂ€hrung bei Schmerzen im Darm. Das bedeutet, dass keine generellen DiĂ€ten ausgesprochen werden, sondern ausgewogen und vollwertige Speisen verzehrt und lediglich individuell unvertrĂ€gliche Lebensmittel gemieden werden. Ein ErnĂ€hrungstagebuch kann dabei helfen. Die FODMAP-DiĂ€t stellt aktuell die einzige evidenzbasierte Restriktionsempfehlung fĂŒr alle Reizdarm-Typen und funktionellen Magen- und Darmschmerzen dar.

Die Rolle der FODMAP-DiÀt bei Schmerzen im Darm

FODMAP ist die AbkĂŒrzung fĂŒr fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und (and) Polyole. Also Fructose und Galactose, Lactose, Fructane, Inulin und Galacto-Oligosaccharide sowie Sorbit und Mannit. Sie kommen in vielen eigentlich gesunden und ballaststoffreichen Lebensmittel wie Obst, GemĂŒse oder Vollkorn vor. Dennoch zeigt die Praxis, dass viele Betroffene mit Schmerzen im Darm von einer Umstellung profitieren. Langfristig sollten aber immer wieder Toleranzversuche gestartet werden, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.

Sollten Probiotika verwendet werden, dann solche mit klinisch gut untersuchten BakterienstÀmmen in geeignet hoher Dosierung. In den Leitlinien finden sich Empfehlungen einiger Bifido- und Lactobacillus-StÀmme sowie E.coli Nissle 1917.

Die weitere medikamentöse Therapie sollte nur begrenzt, nicht prophylaktisch oder als Dauertherapie eingesetzt werden. Bei Beschwerden sollte aber ebenso wenig gegeizt werden. Menschen mit Obstipation können Laxanzien wie Lactulose, Macrogol oder Bisacodyl einnehmen, dauerhaft auch lösliche Ballaststoffe oder Flohsamenschalen bei ausreichender FlĂŒssigkeitszufuhr.

Stehen BlĂ€hungen im Vordergrund, kann Simeticon helfen. Bei KrĂ€mpfen und Schmerzen im Darm stehen klassische Spasmolytika wie Butylscopolamin, aber auch Phytopharmaka, zum Beispiel hochdosiertes KĂŒmmel- und Pfefferminzöl, zur VerfĂŒgung. DurchfĂ€lle können ebenfalls mit PrĂ€paraten der Selbstmedikation therapiert werden, beispielsweise mit Loperamid. 

Bei einem Reizmagen werden in der Leitlinie lediglich Protonenpumpenhemmer empfohlen, um die SÀureproduktion zu reduzieren. Doch auch Therapieversuche mit spasmolytischen oder tonisierenden Phytopharmaka können Betroffenen Linderung bringen, zum Beispiel eine fixe Kombination mit der Bitteren Schleifenblume als Leitsubstanz oder Kamillenextrakt.

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