Drei schwarze Pillen mit Smileys in pink, gelb und blau vor einem schwarzen Hintergrund© ARMAN HASYIM/iStock/Getty Images Plus
Serotonin macht uns glĂŒcklich – und spielt mit anderen Botenstoffen wie Noradrenalin und Melatonin zusammen.

Neurotransmitter in Balance

GLÜCK AUF REZEPT? SEROTONIN UND MEDIKAMENTE, DIE UNSERE STIMMUNG BEEINFLUSSEN

Der Gebrauch von Antidepressiva ist ĂŒber die letzten Jahre stark gestiegen. Laut Studien nehmen sie hierzulande mindestens fĂŒnf Millionen Menschen ein. Serotonin gilt als GlĂŒcksbote des Gehirns, doch was passiert, wenn Antidepressiva gezielt in dieses empfindliche System eingreifen?

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Serotonin ist ein zentraler Botenstoff im Gehirn, der maßgeblich an der Regulation von Stimmung, Antrieb, Schlaf und emotionaler StabilitĂ€t beteiligt ist. Serotonin im Gehirn ist wie der innere Stimmungsregler.

Es hilft dabei, Gelassenheit, Zufriedenheit, inneren Halt und Schlaf zu steuern. Wenn genug Serotonin unterwegs ist, fĂŒhlen sich negative Aspekte emotional gedĂ€mpft an. Probleme sind da, aber sie erschlagen einen nicht.

Ist das Serotonin-System aus dem Takt, fehlt dem Gehirn diese beruhigende Grundmelodie. Gedanken werden negativer, kreisender und schwerer. GefĂŒhle schwanken stĂ€rker oder sind schwerer zu spĂŒren, man fĂŒhlt sich leer. Dinge, die frĂŒher okay waren, wirken plötzlich anstrengend, sinnlos oder ĂŒberwĂ€ltigend – ein Kernmechanismus von Depressionen. Antidepressiva können helfen, das Serotonin im Gehirn zu regulieren. Das Gehirn lernt wieder, stabile Stimmungs- und Gedankenmuster aufzubauen und negative KreislĂ€ufe zu durchbrechen.

SSRI könnten das Immunsystem aktivieren und Krebsabwehr verbessern

Neue Forschung der University of California, Los Angeles zeigt, dass gĂ€ngige Antidepressiva wie SSRI nicht nur auf das Gehirn wirken, sondern auch das Immunsystem stĂ€rken und Tumorzellen besser bekĂ€mpfen können – zumindest in Tier- und Zellmodellen. Diese Erkenntnis stĂŒtzt die Theorie eines ganzheitlichen Systems: GlĂŒckliches Gehirn – glĂŒcklicher Körper.

Es werden neue Wege eröffnet, Serotoninrezeptoren ĂŒber das Gehirn hinaus zu nutzen. Die Serotonin-Modulation könnte in einem breiteren biologischen Kontext stehen, da sie systemisch wirkt.

„Es hat sich herausgestellt, dass SSRI nicht nur unser Gehirn glĂŒcklicher machen, sondern auch unsere T-Zellen – selbst wenn diese Tumoren bekĂ€mpfen.“
Dr. Lili Yang, UCLA

Welche Antidepressiva beeinflussen den Serotoninhaushalt?

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI, hemmen gezielt den Serotonin-Transporter (SERT) an der prĂ€synaptischen Nervenzelle. Dadurch wird Serotonin nach seiner Freisetzung langsamer wieder in die Nervenzelle aufgenommen. Die Folge ist eine erhöhte VerfĂŒgbarkeit von Serotonin im synaptischen Spalt, wodurch die serotonerge SignalĂŒbertragung verstĂ€rkt wird.

Langfristig fĂŒhrt dies zu neuroplastischen Anpassungen, unter anderem zu einer verĂ€nderten Empfindlichkeit von Serotoninrezeptoren im Gehirn. Diese Anpassungsprozesse erklĂ€ren, warum die Wirkung oft erst nach mehreren Wochen eintritt. Arzneistoffe aus der Klasse der SSRI sind zum Beispiel Citalopram, Escitalopram und Sertralin.

SNRI, also Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie Venlafaxin oder Duloxetin, blockieren sowohl den Serotonin-Transporter (SERT) als auch den Noradrenalin-Transporter (NET). Dadurch steigt die Konzentration beider Neurotransmitter im synaptischen Spalt.

Neben der stimmungsaufhellenden Wirkung von Serotonin beeinflusst Noradrenalin insbesondere Antrieb, Aufmerksamkeit und Stressverarbeitung. Aus diesem Grund werden SNRI hÀufig bei Depressionen mit ausgeprÀgter Erschöpfung, Antriebslosigkeit oder chronischen Schmerzen eingesetzt.

Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Doxepin)hemmen ebenfalls die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin, allerdings weniger selektiv als SSRI und SNRI. ZusÀtzlich binden sie an weitere Rezeptorsysteme und beeinflussen so unter anderem die Histaminfreisetzung, muskarinerge und adrenerge Rezeptoren.

Diese unspezifische Rezeptorbindung erklĂ€rt sowohl ihre therapeutische Wirksamkeit als auch das erhöhte Nebenwirkungsprofil (z. B. MĂŒdigkeit, Mundtrockenheit, Gewichtszunahme). Trotzdem haben trizyklische Antidepressiva weiterhin einen festen Stellenwert, etwa bei chronischen Schmerzen, MigrĂ€neprophylaxe oder therapieresistenten Depressionen.

Fun Facts ĂŒber Serotonin

  • Der grĂ¶ĂŸte Teil von Serotonin sitzt nicht im Gehirn. Rund 90 Prozent des Serotonins befindet sich im Darm – dort steuert es unter anderem die Verdauung. Das Gehirn nutzt nur einen kleinen Teil.
  • Sonnenlicht beeinflusst den Serotoninspiegel. Helligkeit fördert die Serotoninproduktion – ein Grund, warum Lichtmangel im Winter die Stimmung drĂŒcken kann.
  • Serotonin ist die Vorstufe von Melatonin. Aus Serotonin wird nachts das Schlafhormon Melatonin gebildet. TagsĂŒber wenig Serotonin kann daher auch den Schlaf stören.
  • Serotonin wirkt auch auf Selbstvertrauen und Dominanz. Studien zeigen: Serotonin beeinflusst, wie sicher, ruhig und sozial stabil wir uns fĂŒhlen – nicht nur unsere Stimmung.

Quellen:
Dörks M, Hoffmann F, Jobski K.: „Antidepressant drug use and regional prescribing patterns in Germany: results from a large population-based study”, International Clinical Psychopharmacology, 1. September 2022. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35143440/
Alvarez-Valadez K, Kroemer G, Djavaheri-Mergny M.: „Selective serotonin reuptake inhibitors enhance cancer immunosurveillance by pleiotropic mechanisms”, Oncoimmunology, 30. September 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12489990/
Tomasz Guzel, Dagmara Mirowska-Guzel: „The Role of Serotonin Neurotransmission in Gastrointestinal Tract and Pharmacotherapy”, Molecules, 12. Februar 2022. https://www.mdpi.com/1420-3049/27/5/1680
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8639368/
Thomas Herdegen: „Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie“, Thieme Verlag, 3. Auflage 2013.

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