Neurotransmitter in Balance
GLĂśCK AUF REZEPT? SEROTONIN UND MEDIKAMENTE, DIE UNSERE STIMMUNG BEEINFLUSSEN
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Serotonin ist ein zentraler Botenstoff im Gehirn, der maßgeblich an der Regulation von Stimmung, Antrieb, Schlaf und emotionaler Stabilität beteiligt ist. Serotonin im Gehirn ist wie der innere Stimmungsregler.
Es hilft dabei, Gelassenheit, Zufriedenheit, inneren Halt und Schlaf zu steuern. Wenn genug Serotonin unterwegs ist, fühlen sich negative Aspekte emotional gedämpft an. Probleme sind da, aber sie erschlagen einen nicht.
Ist das Serotonin-System aus dem Takt, fehlt dem Gehirn diese beruhigende Grundmelodie. Gedanken werden negativer, kreisender und schwerer. Gefühle schwanken stärker oder sind schwerer zu spüren, man fühlt sich leer. Dinge, die früher okay waren, wirken plötzlich anstrengend, sinnlos oder überwältigend – ein Kernmechanismus von Depressionen. Antidepressiva können helfen, das Serotonin im Gehirn zu regulieren. Das Gehirn lernt wieder, stabile Stimmungs- und Gedankenmuster aufzubauen und negative Kreisläufe zu durchbrechen.
SSRI könnten das Immunsystem aktivieren und Krebsabwehr verbessern
Neue Forschung der University of California, Los Angeles zeigt, dass gängige Antidepressiva wie SSRI nicht nur auf das Gehirn wirken, sondern auch das Immunsystem stärken und Tumorzellen besser bekämpfen können – zumindest in Tier- und Zellmodellen. Diese Erkenntnis stützt die Theorie eines ganzheitlichen Systems: Glückliches Gehirn – glücklicher Körper.
Es werden neue Wege eröffnet, Serotoninrezeptoren über das Gehirn hinaus zu nutzen. Die Serotonin-Modulation könnte in einem breiteren biologischen Kontext stehen, da sie systemisch wirkt.
„Es hat sich herausgestellt, dass SSRI nicht nur unser Gehirn glücklicher machen, sondern auch unsere T-Zellen – selbst wenn diese Tumoren bekämpfen.“
Dr. Lili Yang, UCLA
Fun Facts zum Gehirn:
Welche Antidepressiva beeinflussen den Serotoninhaushalt?
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI, hemmen gezielt den Serotonin-Transporter (SERT) an der präsynaptischen Nervenzelle. Dadurch wird Serotonin nach seiner Freisetzung langsamer wieder in die Nervenzelle aufgenommen. Die Folge ist eine erhöhte Verfügbarkeit von Serotonin im synaptischen Spalt, wodurch die serotonerge Signalübertragung verstärkt wird.
Langfristig führt dies zu neuroplastischen Anpassungen, unter anderem zu einer veränderten Empfindlichkeit von Serotoninrezeptoren im Gehirn. Diese Anpassungsprozesse erklären, warum die Wirkung oft erst nach mehreren Wochen eintritt. Arzneistoffe aus der Klasse der SSRI sind zum Beispiel Citalopram, Escitalopram und Sertralin.
SNRI, also Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie Venlafaxin oder Duloxetin, blockieren sowohl den Serotonin-Transporter (SERT) als auch den Noradrenalin-Transporter (NET). Dadurch steigt die Konzentration beider Neurotransmitter im synaptischen Spalt.
Neben der stimmungsaufhellenden Wirkung von Serotonin beeinflusst Noradrenalin insbesondere Antrieb, Aufmerksamkeit und Stressverarbeitung. Aus diesem Grund werden SNRI häufig bei Depressionen mit ausgeprägter Erschöpfung, Antriebslosigkeit oder chronischen Schmerzen eingesetzt.
Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Doxepin)hemmen ebenfalls die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin, allerdings weniger selektiv als SSRI und SNRI. Zusätzlich binden sie an weitere Rezeptorsysteme und beeinflussen so unter anderem die Histaminfreisetzung, muskarinerge und adrenerge Rezeptoren.
Diese unspezifische Rezeptorbindung erklärt sowohl ihre therapeutische Wirksamkeit als auch das erhöhte Nebenwirkungsprofil (z. B. Müdigkeit, Mundtrockenheit, Gewichtszunahme). Trotzdem haben trizyklische Antidepressiva weiterhin einen festen Stellenwert, etwa bei chronischen Schmerzen, Migräneprophylaxe oder therapieresistenten Depressionen.
Fun Facts ĂĽber Serotonin
- Der größte Teil von Serotonin sitzt nicht im Gehirn. Rund 90 Prozent des Serotonins befindet sich im Darm – dort steuert es unter anderem die Verdauung. Das Gehirn nutzt nur einen kleinen Teil.
- Sonnenlicht beeinflusst den Serotoninspiegel. Helligkeit fördert die Serotoninproduktion – ein Grund, warum Lichtmangel im Winter die Stimmung drücken kann.
- Serotonin ist die Vorstufe von Melatonin. Aus Serotonin wird nachts das Schlafhormon Melatonin gebildet. Tagsüber wenig Serotonin kann daher auch den Schlaf stören.
- Serotonin wirkt auch auf Selbstvertrauen und Dominanz. Studien zeigen: Serotonin beeinflusst, wie sicher, ruhig und sozial stabil wir uns fühlen – nicht nur unsere Stimmung.
Quellen:
Dörks M, Hoffmann F, Jobski K.: „Antidepressant drug use and regional prescribing patterns in Germany: results from a large population-based study”, International Clinical Psychopharmacology, 1. September 2022. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35143440/
Alvarez-Valadez K, Kroemer G, Djavaheri-Mergny M.: „Selective serotonin reuptake inhibitors enhance cancer immunosurveillance by pleiotropic mechanisms”, Oncoimmunology, 30. September 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12489990/
Tomasz Guzel, Dagmara Mirowska-Guzel: „The Role of Serotonin Neurotransmission in Gastrointestinal Tract and Pharmacotherapy”, Molecules, 12. Februar 2022. https://www.mdpi.com/1420-3049/27/5/1680
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8639368/
Thomas Herdegen: „Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie“, Thieme Verlag, 3. Auflage 2013.












