Neurodiversität
SIND MENSCHEN MIT ADHS KREATIVER?
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Macht ADHS also wirklich kreativer? Han Fang von der Radboud Universität in den Niederlanden und sein Forschungsteam haben untersucht, ob Menschen mit ADHS kreativer sind als neurotypische Menschen. Dabei haben 750 Proband*innen mit und ohne ADHS eine ganze Reihe von psychologischen Tests absolviert. Eine der Aufgaben bestand darin, für ein Objekt möglichst viele alternative Einsatzzwecke zu finden.
In einem weiteren Test bewerteten die Forschenden die kreative Leistung. Darüber hinaus ermittelten Fang und sein Team die Neigung zum Tagträumen und Mind Wandering sowie die Ausprägung der ADHS.
Diese Fähigkeit macht Menschen mit ADHS kreativer
Die Ergebnisse des Experiments zeigen, dass Menschen mit ADHS in den Kreativitätstests besser abschnitten als die neurotypischen Kontrollpersonen. Macht ADHS also wirklich kreativer? Und wieso? Fang berichtet:
„Wir haben festgestellt, dass Menschen mit stärkeren ADHS-Symptomen wie Aufmerksamkeitsdefiziten, Hyperaktivität oder Impulsivität, bei den kreativen Leistungen besser abschneiden“.
Vor allem die für ADHS typische Fähigkeit, Gedanken abschweifen zu lassen, wirkt sich laut dem Forschungsteam positiv auf die Kreativität aus. Diese Fähigkeit gilt demnach als ein wesentlicher Faktor für kreative Leistungsfähigkeit.
Fang erklärt, dass dabei zwischen zwei unterschiedlichen Arten des Tagträumens unterschieden werden muss. Die erste ist der Konzentrationsverlust, bei dem die Gedanken unwillkürlich von Thema zu Thema springen. Der zweite ist der bewusste Zustand des Abschweifens , der es ermöglicht, in Gedanken andere Wege zu gehen. ADHS-Symptome, wie Gedanken schweifen lassen, scheint dabei das Denken „outside the box“ – und somit die Kreativität – zu begünstigen.
„Frühere Studien haben schon Hinweise darauf geliefert, dass ADHS und Kreativität über dieses Abschweifen miteinander verknüpft sind“, sagt Fang. Diese Verknüpfung wurde durch die Tests nun bestätigt.
Woher kommt Kreativität eigentlich?
Kreativität ist ein grundlegender Bestandteil des Menschseins und gilt als zentrale Voraussetzung für Innovation und Fortschritt. Fest steht, dass dafür verschiedene Hirnregionen zusammenspielen müssen.
Unter Kreativität wird die Fähigkeit verstanden, Lösungswege zu finden, die innovativ, problemsensitiv, originell und ungewöhnlich sind. Menschen mit divergenten Denkmustern neigen eher zu kreativer und innovativer Problemlösung als lineare Denkende.
Dabei hilft besonders die Fähigkeit des „Mind Wandering“, bei dem die Gedanken bewusst abschweifen. Divergentes Denken ist häufig ein Symptom von ADHS, muss es aber nicht zwangsläufig sein.
Mind Wandering und Hyperfokus
Während lineare Denkende logischer und analytischer denken, sind divergente Denkende in ihren Gedanken also sprunghafter und zufälliger. Insbesondere Menschen mit ADHS sollen dabei zwischen einem tranceähnlichen Zustand des „Mind Wandering“ und einem Hyperfokus wechseln können, was sie unter anderem kreativer werden lassen kann.
Der Wissenschaftler Russell Barkley bezeichnet im Zusammenhang mit ADHS den Hyperfokus als einen nicht selektiv steuerbaren, stimulusabhängigen und dem Flow ähnlichen Zustand erhöhter Konzentration.
Es wird vermutet, dass der Wechsel zwischen Hyperfokus und „Mind Wandering“ eine verstärkte Rolle für die Kreativität spielt. Diese beiden Zustände des Denkens gelten als typische ADHS-Symptome.
Pause fĂĽrs Gehirn:
Kann man auch ohne ADHS kreativer werden?
Es gibt also eine Verbindung zwischen Menschen mit ADHS, die aufgrund ihrer Divergenz kreativer und innovativer denken können als Menschen mit linearem Denkmuster. Doch können Menschen ohne ADHS ihre Kreativität trotzdem fördern? Erste Ansätze zur Steigerung der Kreativität liegen bereits vor. So untersuchte eine Studie aus dem Jahr 2020 den Zusammenhang zwischen Achtsamkeitsübungen und Kreativität. Die Autor*innen kamen zu dem Ergebnis, dass regelmäßige sogenannte „mind-wandering activities“, bei denen durch Brainstorming neue Ideen entstehen, die Kreativität erhöhen können.
In der Studie heißt es, dass ein bewusstes Umherschweifen der Gedanken neue Ideen oder unerwartete Verbindungen hervorbringen kann. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren und erlernen, sodass es auch ohne ADHS möglich ist, kreativer zu werden.
Entscheidend für die Steigerung der Kreativität sind wohl ein ausgewogenes Maß an Stimulation und Aufmerksamkeit sowie Phasen entspannten Tagträumens. Sogar von einem kurzen Nickerchen kann man kreativer aufwachen als zuvor – auch ganz ohne ADHS.
Berufe für ADHS und hohe Kreativität
Der Neurowissenschaftler Klaus-Peter Lesch von der Universität Würzburg betont das besondere Potenzial von divergentem Denken. Das Abschweifen der Gedanken sei eine zentrale Ressource, auf der die außergewöhnliche Kreativität hochfunktionaler Menschen mit ADHS beruhe, so Lesch.
Dies könne Menschen mit ADHS nicht nur kreativer machen, sondern auch zu einem besonderen Gewinn für die Gesellschaft.
Kreative Berufe
Die folgende Auswahl von Berufsfeldern kann für Menschen mit ADHS oder ADHS-ähnlichen Symptomen empfehlenswert sein:
- Mediengestaltung
- Gaming
- Design
- Schauspiel
- Raumaustattung
- Journalismus
- Marketing
Fest steht, dass die Forschungsergebnisse von Han Fang zu einem wünschenswerten Perspektivwechsel beitragen: Weg von einem defizitorientierten Blick auf ADHS hin zur Anerkennung der besonderen Stärken, wie Kreativität, die mit dieser neurologischen Besonderheit verbunden sein können.
Und diesmal können neurotypische Menschen sogar etwas von ADHS Denkstrukturen lernen und sich darin üben, kreativer zu denken und somit zu innovativen Lösungen zu kommen.
https://www.scinexx.de/news/psychologie/sind-menschen-mit-adhs-kreativer/
https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2024/08/hirnforschung-wo-entsteht-unsere-kreativitaet/
https://www.ausbildung.de/berufe/themen/adhs-berufe/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33126147/











