Ein Teenager Junge liegt auf einem Sofa und spielt mit einem bunten Fidget Toy.© Prostock-Studio / iStock / Getty Images Plus
Entscheidend fĂŒr die Steigerung der KreativitĂ€t sind ein ausgewogenes Maß an Stimulation und Aufmerksamkeit sowie Phasen entspannten TagtrĂ€umens.

NeurodiversitÀt

SIND MENSCHEN MIT ADHS KREATIVER?

Typische ADHS-Symptome sind in der Regel Aufmerksamkeitsdefizite, HyperaktivitĂ€t oder ImpulsivitĂ€t, doch Menschen mit ADHS sollen auch kreativer sein als neurotypische Menschen. Besonders eine bestimmte FĂ€higkeit soll die kreative LeistungsfĂ€higkeit dabei begĂŒnstigen.

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Macht ADHS also wirklich kreativer? Han Fang von der Radboud UniversitĂ€t in den Niederlanden und sein Forschungsteam haben untersucht, ob Menschen mit ADHS kreativer sind als neurotypische Menschen. Dabei haben 750 Proband*innen mit und ohne ADHS eine ganze Reihe von psychologischen Tests absolviert. Eine der Aufgaben bestand darin, fĂŒr ein Objekt möglichst viele alternative Einsatzzwecke zu finden.

In einem weiteren Test bewerteten die Forschenden die kreative Leistung. DarĂŒber hinaus ermittelten Fang und sein Team die Neigung zum TagtrĂ€umen und Mind Wandering sowie die AusprĂ€gung der ADHS.

Diese FĂ€higkeit macht Menschen mit ADHS kreativer

Die Ergebnisse des Experiments zeigen, dass Menschen mit ADHS in den KreativitĂ€tstests besser abschnitten als die neurotypischen Kontrollpersonen. Macht ADHS also wirklich kreativer? Und wieso? Fang berichtet:

„Wir haben festgestellt, dass Menschen mit stĂ€rkeren ADHS-Symptomen wie Aufmerksamkeitsdefiziten, HyperaktivitĂ€t oder ImpulsivitĂ€t, bei den kreativen Leistungen besser abschneiden“.

Vor allem die fĂŒr ADHS typische FĂ€higkeit, Gedanken abschweifen zu lassen, wirkt sich laut dem Forschungsteam positiv auf die KreativitĂ€t aus. Diese FĂ€higkeit gilt demnach als ein wesentlicher Faktor fĂŒr kreative LeistungsfĂ€higkeit.

Fang erklĂ€rt, dass dabei zwischen zwei unterschiedlichen Arten des TagtrĂ€umens unterschieden werden muss. Die erste ist der Konzentrationsverlust, bei dem die Gedanken unwillkĂŒrlich von Thema zu Thema springen. Der zweite ist der bewusste Zustand des Abschweifens , der es ermöglicht, in Gedanken andere Wege zu gehen. ADHS-Symptome, wie Gedanken schweifen lassen, scheint dabei das Denken „outside the box“ – und somit die KreativitĂ€t –  zu begĂŒnstigen.

„FrĂŒhere Studien haben schon Hinweise darauf geliefert, dass ADHS und KreativitĂ€t ĂŒber dieses Abschweifen miteinander verknĂŒpft sind“, sagt Fang. Diese VerknĂŒpfung wurde durch die Tests nun bestĂ€tigt.

Woher kommt KreativitÀt eigentlich?

KreativitĂ€t ist ein grundlegender Bestandteil des Menschseins und gilt als zentrale Voraussetzung fĂŒr Innovation und Fortschritt. Fest steht, dass dafĂŒr verschiedene Hirnregionen zusammenspielen mĂŒssen.

Unter KreativitÀt wird die FÀhigkeit verstanden, Lösungswege zu finden, die innovativ, problemsensitiv, originell und ungewöhnlich sind. Menschen mit divergenten Denkmustern neigen eher zu kreativer und innovativer Problemlösung als lineare Denkende.

Dabei hilft besonders die FĂ€higkeit des „Mind Wandering“, bei dem die Gedanken bewusst abschweifen. Divergentes Denken ist hĂ€ufig ein Symptom von ADHS, muss es aber nicht zwangslĂ€ufig sein.

Mind Wandering und Hyperfokus

WĂ€hrend lineare Denkende logischer und analytischer denken, sind divergente Denkende in ihren Gedanken also sprunghafter und zufĂ€lliger. Insbesondere Menschen mit ADHS sollen dabei zwischen einem tranceĂ€hnlichen Zustand des „Mind Wandering“ und einem Hyperfokus wechseln können, was sie unter anderem kreativer werden lassen kann.

Der Wissenschaftler Russell Barkley bezeichnet im Zusammenhang mit ADHS den Hyperfokus als einen nicht selektiv steuerbaren, stimulusabhÀngigen und dem Flow Àhnlichen Zustand erhöhter Konzentration.
Es wird vermutet, dass der Wechsel zwischen Hyperfokus und „Mind Wandering“ eine verstĂ€rkte Rolle fĂŒr die KreativitĂ€t spielt. Diese beiden ZustĂ€nde des Denkens gelten als typische ADHS-Symptome.

Kann man auch ohne ADHS kreativer werden?

Es gibt also eine Verbindung zwischen Menschen mit ADHS, die aufgrund ihrer Divergenz kreativer und innovativer denken können als Menschen mit linearem Denkmuster. Doch können Menschen ohne ADHS ihre KreativitĂ€t trotzdem fördern? Erste AnsĂ€tze zur Steigerung der KreativitĂ€t liegen bereits vor. So untersuchte eine Studie aus dem Jahr 2020 den Zusammenhang zwischen AchtsamkeitsĂŒbungen und KreativitĂ€t. Die Autor*innen kamen zu dem Ergebnis, dass regelmĂ€ĂŸige sogenannte „mind-wandering activities“, bei denen durch Brainstorming neue Ideen entstehen, die KreativitĂ€t erhöhen können.

In der Studie heißt es, dass ein bewusstes Umherschweifen der Gedanken neue Ideen oder unerwartete Verbindungen hervorbringen kann. Diese FĂ€higkeit lĂ€sst sich trainieren und erlernen, sodass es auch ohne ADHS möglich ist, kreativer zu werden.

Entscheidend fĂŒr die Steigerung der KreativitĂ€t sind wohl ein ausgewogenes Maß an Stimulation und Aufmerksamkeit sowie Phasen entspannten TagtrĂ€umens. Sogar von einem kurzen Nickerchen kann man kreativer aufwachen als zuvor – auch ganz ohne ADHS.

Berufe fĂŒr ADHS und hohe KreativitĂ€t

Der Neurowissenschaftler Klaus-Peter Lesch von der UniversitĂ€t WĂŒrzburg betont das besondere Potenzial von divergentem Denken. Das Abschweifen der Gedanken sei eine zentrale Ressource, auf der die außergewöhnliche KreativitĂ€t hochfunktionaler Menschen mit ADHS beruhe, so Lesch.

Dies könne Menschen mit ADHS nicht nur kreativer machen, sondern auch zu einem besonderen Gewinn fĂŒr die Gesellschaft.

Kreative Berufe

Die folgende Auswahl von Berufsfeldern kann fĂŒr Menschen mit ADHS oder ADHS-Ă€hnlichen Symptomen empfehlenswert sein:

  • Mediengestaltung
  • Gaming
  • Design
  • Schauspiel
  • Raumaustattung
  • Journalismus
  • Marketing

Fest steht, dass die Forschungsergebnisse von Han Fang zu einem wĂŒnschenswerten Perspektivwechsel beitragen: Weg von einem defizitorientierten Blick auf ADHS hin zur Anerkennung der besonderen StĂ€rken, wie KreativitĂ€t, die mit dieser neurologischen Besonderheit verbunden sein können.

Und diesmal können neurotypische Menschen sogar etwas von ADHS Denkstrukturen lernen und sich darin ĂŒben, kreativer zu denken und somit zu innovativen Lösungen zu kommen.

https://www.scinexx.de/news/psychologie/sind-menschen-mit-adhs-kreativer/
https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2024/08/hirnforschung-wo-entsteht-unsere-kreativitaet/
https://www.ausbildung.de/berufe/themen/adhs-berufe/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33126147/

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