Ein kleines Mädchen mit großer Brille vor einer Tafel. Das Mädchen schaut grübeln, auf der Tafel sind mathematische Formeln, eine Glühbirne, Fragezeichen, ein Regenbogen, Musik, Blumen, ein Fahrrad und ein Nachthimmel aufgemalt.© JNemchinova/iStock/Getty Images Plus
Beim Stichwort Hochbegabung denken wir oft an intelligente Wunderkinder, dabei kann man auch im sozialen oder sportlichen bereich hochbegabt sein.

Neurodiversität

HOCHBEGABUNG – DER MYTHOS UM WUNDER-KINDER

Fällt das Wort „Hochbegabung“ bei Kindern, denken viele an den Überflieger, der schon mit drei Jahren Klavier spielen kann. Oder an das Mathetalent, das komplizierte Rechenaufgaben lösen kann. Doch was hat es mit diesen Klischees auf sich und was bedeutet eine Hochbegabung wirklich für Kinder und ihre Familien?

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Die meisten Menschen besitzen einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) zwischen 85 und 115. Menschen mit einem IQ zwischen 115 und 130 gelten als überdurchschnittlich intelligent und ab einem IQ von mindestens 130 als hochbegabt. Das betrifft etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Ein kleiner Teil der Hochbegabten gilt sogar als höchstbegabt.

Hochbegabung wird – wie der Name schon fast vermuten lässt – genetisch vererbt. Sie wird, sozusagen, an das Kind weitergegeben wie eine Gabe. Dabei sind viele verschiedene Gene beteiligt. Es gibt also nicht das eine „Hochbegabungsgen“. Neben der Genetik spielt die Umwelt, in der das Kind aufwächst, eine entscheidende Rolle bei der Ausprägung einer Hochbegabung.

Ein Definitionsansatz

Wie bei vielen anderen psychologischen Konstrukten auch, gibt es für Hochbegabung keine einheitliche Definition. Das wäre auch zu einfach – zeigt es doch, wie komplex und einzigartig die Neurobiologie eines jeden Menschen ist.

Eine Hochbegabung beschreibt die Fähigkeit – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern –, in einem oder mehreren bestimmten Bereichen Leistungen zu erbringen, die weit über den Leistungsdurchschnitt hinausreichen. Grundsätzlich liegt eine sehr hohe allgemeine Intelligenz vor, weshalb die Begriffe „Hochbegabung“ und „Intelligenz“ oft synonym verwendet werden. Doch genau genommen ist Intelligenz ein einzelner Bereich der Begabung.

Verschiedene Begabungsbereiche können sein:

  • intellektuelle Begabung (allgemeine Intelligenz)
  • mathematische Begabung
  • musikalische oder andere kreative Begabung
  • sportliche Begabung
  • soziale Begabung

Neben der hohen allgemeinen Intelligenz lässt sich eine Hochbegabung auch an einer herausragenden Denk- und Problemlösefähigkeit und einer schnellen Auffassungsgabe sowie einem bemerkenswert guten Gedächtnis erkennen.

Hochbegabung – Wunder-Kinder und Talente?

Als Kind eine Hochbegabung zu haben, bedeutet nicht automatisch, erfolgreich in Schule oder im späteren Lebensweg zu sein. Hochbegabte sind zwar grundsätzlich dazu fähig, Höchstleistungen in den entsprechenden Begabungsbereichen zu erzielen.

Doch ob diese wirklich erreicht werden, hängt davon ab, ob sich eine Hochbegabung beim Kind frei entfalten kann, und dabei wiederum kommen viele verschiedene Faktoren zum Tragen.

Faktoren für die Ausprägung einer Begabung

  • Förderung durch Eltern, Kita und Schule
  • Akzeptanz im sozialen Umfeld (Geschwister, Mitschüler)
  • Motivation, Leistungsbereitschaft, Ausdauer
  • Übung, Training, Weiterentwicklung

Hochbegabung und ADHS bei Kindern

Eine Kombination aus Hochbegabung und ADHS bei Kindern ist grundsätzlich möglich, kommt aber nur sehr selten vor. Stattdessen wird (vor allem im Schulkontext) Hochbegabung mit ADHS verwechselt. Das liegt daran, dass einige Kompensationsstrategien von Kindern mit einer nicht erkannten Hochbegabung manchmal den Symptomen einer ADHS ähneln können.

Das macht sich zum Beispiel bemerkbar in Form von Konzentrationseinbußen bei Wiederholungsaufgaben und Routinetätigkeiten. Sowohl Kinder mit Hochbegabung als auch jene mit ADHS fühlen sich dabei schnell unterfordert beziehungsweise gelangweilt.

Das lässt sich daran erkennen, dass ihre Motivation und Leistungsbereitschaft sinken, was häufig als ADHS-Symptom fehlgedeutet wird.

„Kinder, die nicht genügend intellektuellen Input bekommen oder nicht ausgelastet sind, geraten in einen Zustand der Unterforderung.“

Sabrina Henning, Psychologin bei der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind

Gleichzeitig kann sich die Unterforderung bei einer Hochbegabung als Lebhaftigkeit oder als starker sozialer Rückzug beim Kind äußern, was ebenfalls als ADHS fehlinterpretiert wird. Auch Unruhe, Störverhalten im Unterricht und Impulsivität können bei einer Hochbegabung und ADHS gleichermaßen auftreten.

Verwechslungsgefahr mit Hochsensibilität und Autismus-Spektrum-Störungen

  • Reizoffenheit beziehungsweise. Reizüberflutung, starker Gerechtigkeitssinn und eine gute Beobachtungsgabe könnten mit Hochsensibilität verwechselt werden.
  • Wohingegen intensives Ausleben von speziellen Interessen, eine hohe Detailgenauigkeit und der Hang zu Ordnung und Sortieren mit Autismus-Spektrum-Störungen verwechselt werden könnten.

Hochbegabung im Neurodiversitätsspektrum

Im Sinne der Neurodiversität ist Hochbegabung eine Varianz der neurobiologischen Entwicklung und somit keine Krankheit, die diagnostiziert werden muss. Betrachtet man Intelligenz als Spektrum, wird das deutlich: Jedes Gehirn ist anders und so auch die Intelligenz – von geringer ausgeprägt über durchschnittlich bis hochbegabt.

Diese Vielfalt ist wichtig und richtig und hat keinen Einfluss auf den Wert eines Menschen.

Wie lässt sich erkennen, ob ein Kind eine Hochbegabung hat?

Auch wenn es sich nicht um eine Krankheit handelt, ist es wichtig, eine Hochbegabung bei Kindern möglichst frühzeitig zu erkennen. Nur so kann ihnen die entsprechende Förderung und Unterstützung zuteilwerden, damit sie sich frei entfalten und ihr Begabungspotenzial voll ausschöpfen können.

Das Problem: Ähnlich wie bei ADHS ist eine Hochbegabung bei Kindern nicht immer klar zu erkennen und wird manchmal erst im Erwachsenenalter festgestellt. Warum? Weil jede Begabung höchst individuell ist. Nicht jedes Anzeichen muss bei jedem Kind gleichermaßen vorliegen.

Manchmal ist eine Hochbegabung nicht sichtbar, weil zum Beispiel das Umfeld das Ausleben nicht zulässt und sie ist deswegen nicht zu erkennen.

Einige besondere Merkmale, anhand derer sich eine Hochbegabung erkennen lässt

  • Sprachvermögen der (Klein-)Kinder: wie kleine Erwachsene, Überspringen der Babysprache, klare und vollständige Sätze
  • Wissensdurst, teilweise selbst Beibringen von Rechnen oder Lesen
  • Fragen, die aufeinander aufbauen zu Themen, die eher altersuntypisch sind, z.B. Fragen nach dem Sinn des Lebens
  • stark ausgeprägtes Erinnerungsvermögen
  • hohe Auffassungsgabe
  • schnelles Erkennen und Verstehen komplexer Zusammenhänge
  • manchmal geringes Schlafbedürfnis
  • (unreflektierte) Entscheidungen von Autoritäten werden hinterfragt
  • spielen und unterhalten eher mit älteren Kindern oder Erwachsenen
  • stark ausgeprägte Fantasie

Intelligenztests – sinnvoll oder nicht?

Um eine Hochbegabung bei Kindern zu erkennen, kommen normierte und standardisierte IQ-Tests zum Einsatz. Sie lassen valide Aussagen zu, ob eine solche vorliegt oder nicht. Wichtig dabei ist, dass sie von Fachpersonal (wie Psychologen und Psychologinnen) durchgeführt, ausgewertet und interpretiert werden.

Ein IQ-Test kann bis zu 600 Euro kosten. Nur in begründeten Fällen (zum Beispiel bei Verhaltensauffälligkeiten in der Schule) werden die Kosten von Krankenkassen übernommen.

Ein IQ-Test ist ab etwa drei Jahren zuverlässig, um eine Hochbegabung bei einem Kind erkennen zu können. Die soziale oder emotionale Intelligenz wird dabei nicht erfasst, weshalb zusätzlich Gespräche mit den Eltern und gegebenenfalls mit anderen Bezugspersonen stattfinden.

Auch Beobachtungen des sozialen und emotionalen Verhaltens spielen eine wichtige Rolle.

Warum ist es wichtig, Hochbegabung bei Kindern zu erkennen?

Eine nicht erkannte Hochbegabung bei Kindern kann zu Frust und Spannungszuständen bis hin zu psychosomatischen Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen führen. Auch für die Eltern ist es bedeutsam eine Hochbegabung zu erkennen. Eltern von hochbegabten Kindern…

  • fehlt oft das Fachwissen
  • fürchten sozialen Druck und Ausgrenzung
  • haben Angst, durch ihre Kinder überfordert zu werden

Das Erkennen einer Hochbegabung hilft, den Kindern – aber auch den Eltern – die passende Unterstützung zukommen zu lassen.

Quellen:
https://www.tuebingerinstitut-hb.de/was-versteht-man-unter-Hochbegabung.html
https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/intelligenzquotient
https://www.ardalpha.de/wissen/psychologie/intelligenz-iq-test-hochbegabt-intelligenztest-100.html
https://www.mensa.de/ggmbh/wifo/iq/
https://www.begabtenzentrum.de/Hochbegabung/
https://dghk.de/wie-eltern-Hochbegabung-erkennen/
https://www.hochbegabten-homepage.de/Hochbegabung_bei_Kindern.html
https://www.begabungslotse.de/glossar/intelligenztest
https://www.ADHSpedia.de/wiki/Hochbegabung_und_ADHS

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