Ein Mann in den Dreißigern sitzt vor dem aufgeklappten Laptop, schaut auf sein Handy und spielt dabei mit einem Bleistift herum.© SeventyFour/iStock/Getty Images Plus
Bei Erwachsenen zeigt sich die ADHS-typische Unruhe eher innerlich oder durch kleine Bewegungen, die Konzentrationsprobleme stehen im Vordergrund.

Neurodiversität

ADHS – WENN AUFMERKSAMKEIT ZUR DAUERBAUSTELLE WIRD

ADHS ist mehr als eine Kinderkrankheit. Eckart von Hirschhausen hat es. Jan Ullrich, Bill Gates und Emma Watson haben es auch. Es wird sogar diskutiert, ob Albert Einstein, Vincent van Gogh oder Leonardo da Vinci es gehabt haben könnten.

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ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) ist die weltweit häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen, deren Symptome bis ins Erwachsenenalter hineinreichen. Während Jungen oft als Zappelphilipp tituliert werden, erfüllen Mädchen häufig das Klischee einer Träumerliese. Doch die psychische Störung ist mehr als die bloße Hyperaktivität oder Unaufmerksamkeit. Vor allem bei Erwachsenen kann der Leidensdruck hoch sein, denn eine ADHS verwächst sich nicht, wie lange angenommen.

„ADHS und Autismus erfahren in den sozialen Medien aktuell einen Hype“, sagt die Psychiaterin Alexandra Philipsen. Das ist einerseits positiv, weil das Bewusstsein für ADHS und deren Symptome in der Bevölkerung steigt. Andererseits birgt das aber das Risiko für Fehlinformationen. Vorsicht ist vor allem bei manchen Selbsttests aus dem Internet geboten. Sie dienen nicht zur Selbstdiagnose, können höchstens richtungsweisend und selbst dann noch irreführend sein.

ADHS im Sinne der Neurodiversität

Viele Menschen, insbesondere Erwachsene, weisen Verhaltensweisen, Denkmuster und Sichtweisen auf, die einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ähneln, ohne aber daran erkrankt zu sein. Krankhaft sind diese Anzeichen erst dann, wenn sie zu einer deutlichen Beeinträchtigung des Alltags führen.

Eine Grenze zwischen normal, neurodivers und krank ist nicht leicht zu ziehen. Wo diese Grenze verläuft ist zusätzlich geprägt von gesellschaftlichen Normen.

ADHS-Symptome nach ICD-11

Die ICD-11 (internationales Klassifikationssystem der Krankheiten) definiert die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung als neuromentale Entwicklungsstörung. Sie ist gekennzeichnet durch verschiedene Entwicklungsschwierigkeiten. Das heißt, die Entwicklung entspricht nicht dem Alter, Entwicklungsstand und der Intelligenz der Betroffenen.

Die ADHS-Symptome führen bei Kindern, aber auch bei betroffenen Erwachsenen zu Einschränkungen im schulischen, beruflichen oder sozialen Funktionsbereich. Die zwei Hauptsymptome sind Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität und Impulsivität.

Unaufmerksamkeit

  • Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit aufrechterhalten und steuern zu können
  • Probleme, Handlungen zu planen oder zu organisieren
  • Beeinträchtigung exekutiver Funktionen (geistige Prozesse zur Kontrolle und Steuerung von Gefühlen und Verhalten)
  • Schnelle Ablenkbarkeit durch innere und äußere Reize
  • Verlust der Aufmerksamkeit bei längeren Aufgaben oder Gesprächen
  • Mangelnde Sorgfalt, keine Detailgenauigkeit, Flüchtigkeitsfehler
  • Ausgeprägte Alltagsvergesslichkeit
  • Probleme im Zeitmanagement

Hyperaktivität & Impulsivität

  • Motorische Unruhe (Bewegungsdrang, sich innerlich getrieben fühlen)
  • Impulsives Verhalten und Entscheidungen
  • Zappeln, Fußwippen, nicht stillsitzen oder sich ruhig beschäftigen können
  • Hohes Redebedürfnis, impulsives Antworten (noch bevor die Frage zu Ende gestellt wurde)
  • Hineinplatzen in Gespräche oder Aktivitäten
  • Nicht abwarten können, bis man an der Reihe ist (zum Beispiel in Warteschlangen oder Gesprächen)
  • Riskante Verhaltensweisen

Weitere Symptome einer ADHS

Andere Symptome, die im Rahmen einer ADHS auftreten können, sind zum Beispiel eine schlechte Regulation der Emotionen, Reizbarkeit, geringe Frustrationstoleranz und auch Stimmungsschwankungen.

Insbesondere Erwachsene mit ADHS haben Probleme beim Initiieren und Beenden von Aufgaben. Außerdem fällt es ihnen schwer, Termine einzuhalten. Sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen mit ADHS ist es typisch, dass ihre Motivation von Reizen und Belohnung abhängig ist. Je aufregender die Aufgabe oder je höher die Belohnung, desto größer ist die Motivation.

Die ADHS ist komplex, da sich die einzelnen Symptome auf verschiedene Weise äußern. Nicht alle Symptome treten bei allen Betroffenen oder in jeder Lebensphase gleich auf. Erwachsene mit ADHS weisen oft andersgeartete Symptome auf als Kinder. Das macht die Diagnostik so schwer und die Behandlung so individuell.

Je nachdem, wie und in welchem Ausmaß die Symptome sich bei den Betroffenen zeigen, kann die ADHS nach ICD-11 in drei Typen unterschieden werden:

  • ADHS vom vorwiegend unaufmerksamen Typ
  • ADHS vom vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typ
  • Kombinierte ADHS

Wie wird ADHS diagnostiziert?

Die Diagnose erfolgt auf Grundlage festgelegter Leitlinien, die grundsätzlich für Erwachsene sowie für Kinder gelten. Dazu gehören eine genaue Differenzialdiagnostik und eine umfangreiche Anamnese. Auch  das familiäre und soziale Umfeld des Betroffenen werden dabei einbezogen. Die Untersuchungen werden mit standardisierten Fragebögen und Interviews durchgeführt. Auch psychologische Verfahren wie neuropsychiatrische Testungen kommen zum Einsatz.

Für eine Diagnose müssen mindestens sechs Anzeichen der Hauptsymptome einer ADHS vorhanden sein. Diese müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen und in der frühen Kindheit begonnen haben. Außerdem müssen die Beschwerden in mehreren Lebensbereichen Probleme verursachen sowie das Sozial- oder Berufsleben deutlich beeinträchtigen.

Unterdiagnostizierte Mädchen?

Obwohl Expert*innen davon ausgehen, dass ADHS in einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis auftritt, erhalten Jungen eher eine Diagnose als Mädchen. Das liegt hauptsächlich daran, dass Diagnosekriterien die Symptome von Mädchen nicht ausreichend erfassen. Die Kriterien wurden anhand von Studien erstellt, an denen vorwiegend Jungen teilnahmen. Allerdings zeigt sich die ADHS bei Mädchen oft anders als bei Jungen. Manchmal werden die Symptome bei Mädchen sogar übersehen.

Bei Mädchen tritt häufig ADHS vom vorwiegend unaufmerksamen Typ auf, also ohne Hyperaktivität. Während Jungen extrovertierter und impulsiver sind und dadurch in ihrem Verhalten eher auffallen, sind Mädchen in der Regel in sich gekehrt und weniger aktiv. Sie verlieren sich eher in ausgeprägten Tagträumen und weisen ein auffällig langsames Arbeitstempo auf.

Außerdem wird Mädchen nachgesagt, dass sie ihre Symptome besser maskieren können. Deswegen ist es auch nicht selten, dass die ADHS bei ihnen erst im Jugend-, manchmal sogar erst im Erwachsenenalter nach jahrelangem Leidensdruck festgestellt wird.

Warum Erwachsene mit ADHS oft durchs Raster fallen

Die Symptome äußern sich bei Erwachsenen oft auf andere Weise als bei Kindern. Die Hyperaktivität verlagert sich hin zu innerer Unruhe, die Unaufmerksamkeit bleibt recht konstant. Erwachsene haben meist Schwierigkeiten, ihren Alltag und/oder ihre Arbeit zu strukturieren.

Da die ADHS-Symptome sich bei ihnen eher im Innenleben abspielen, sind sie für das Umfeld weniger offensichtlich und werden lange Zeit übersehen. Erwachsene mit ADHS fühlen sich deshalb oft anders, können sich selbst aber nicht erklären, was mit ihnen vermeintlich nicht stimmt.

Bei vielen Erwachsenen sind die Symptome ihrer ADHS geringer ausgeprägt als in ihrer Kindheit. Das ist einer der Gründe, warum die Betroffenen, die in der Kindheit keine Diagnose erhalten, auch selten im Erwachsenenalter mit ADHS diagnostiziert werden. Dennoch ist ein Anstieg der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen – insbesondere bei Frauen – zu beobachten. Das liegt vermutlich daran, dass die Diagnostik sich verbessert hat und das Bewusstsein der Erwachsenen für ADHS steigt.

Therapie

Nicht jede Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ist behandlungsbedürftig. Eine Therapie ist dann angezeigt, sobald die Symptome die Lebensqualität stark einschränken. Psychoedukation als Grundpfeiler der Therapie zielt darauf ab, dass Betroffene – egal ob Kind oder Erwachsene sowie deren Umfeld – die ADHS besser verstehen. Dabei lernen sie auch, die Schwierigkeiten im Alltag besser in den Griff zu bekommen.

Daneben können auch Medikamente (in erster Linie Methylphenidat) zum Einsatz kommen, meist in Verbindung mit Psychotherapie. Auch Sport kann helfen, die Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle zu verbessern.

Quellen:
https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html
https://www.gesundheitsinformation.de/adhs-bei-erwachsenen.html
https://www.adhspedia.de/wiki/Diagnostik
https://www.adhspedia.de/wiki/Symptome
„Neurodiversität – Vielfalt im Gehirn“, Spektrum Kompakt Ausgabe 22/2023, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, 2023.
„Neurodiversität – Eine neue Sicht auf die Vielfalt unseres Denkens“, Gehirn & Geist Ausgabe 11/2025, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft 2025.

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