Kein Sättigungsgefühl
SO STARK VERÄNDERT ADIPOSITAS UNSER GEHIRN
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Viele Menschen mit Adipositas oder Übergewicht bekommen immer dasselbe zu hören: „Sie müssen sich einfach mehr anstrengen! Es ist alles eine Frage der Disziplin, dann wird das schon!“ Schuldgefühle, Scham und Ausgrenzung kennen wohl alle Betroffenen. Aber was, wenn sie gar nicht selbst schuld daran sind, dass sie zu viel essen? Die Forschung zeigt: Adipositas ist kein rein körperliches Problem.
Bei Adipositas verändert sich vieles im Körper: Hormone, Stoffwechsel, Leistungsfähigkeit. Aber auch das Gehirn bleibt nicht dasselbe. Neue Behandlungsansätze werden dringend gebraucht.
Adipositas, Stoffwechsel und Signalverarbeitung
Adipositas beeinflusst nicht nur unseren Körper, sondern führt zu deutlichen Veränderungen im Gehirn. Das zeigen aktuelle Studien, meint Ruth Hanßen, Fachärztin für Innere Medizin und Endokrinologie an der Uniklinik Köln. Adipositas stört die Signalverarbeitung im Gehirn. Das beeinflusst Verhalten, Motivation und Denkprozesse, so Hanßen.
Dieser zentrale Aspekt von Adipositas rücke erst allmählich in den Fokus. Stoffwechselveränderungen wie eine Insulinresistenz sind dagegen schon lange bekannt. Sie führen zu zahlreichen Folgeerkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Adipositas verändert unser Belohnungssystem
Dass Adipositas vor allem das Belohnungssystem im Gehirn beeinflusst, führt dazu, dass Betroffene die Signale ihres Körpers nicht mehr richtig interpretieren. Im gesunden Zustand hilft das Belohnungssystem, unsere Bedürfnisse mit unserem Verhalten abzustimmen. Dieser Mechanismus ist bei Adipositas gestört, vor allem die dopaminergen mesolimbischen Nervenbahnen geraten aus dem Takt.
Die Folge: Betroffene können ihre Bereitschaft, sich für eine Belohnung anzustrengen, nicht mehr so gut an ihre aktuellen Bedürfnisse anpassen. Adipositas programmiert das Gehirn regelrecht um im Hinblick auf das Sättigungsgefühl und das Verhalten bei Belohnung, schlussfolgert Hanßen.
Ungewöhnliches zum Abnehmen:
Kein Sättigungsgefühl bei Fast Food & Co.
Dass Betroffene kein Sättigungsgefühl spüren, liegt also an Veränderungen im dopaminergen Belohnungssystem. Hanßen zufolge kann auch der Konsum hochverarbeiteter, zucker- und fetthaltiger Lebensmittel dazu beitragen. Werden diese, nicht nur bei Adipositas, im Übermaß zugeführt, führen sie möglicherweise zu Antriebslosigkeit und Leistungsabfall.
Auch zahlreiche weitere Studien belegen, dass stark verarbeitete Lebensmittel das Gehirn nachteilig beeinflussen. Der „Suchtfaktor“ von Nahrungsmitteln wie Chips, Süßigkeiten und Fast Food überlagert dann die Signale des Körpers und trägt dazu bei, dass kein Sättigungsgefühl mehr wahrgenommen wird.
Zuviel davon wirkt sich auf den Hippocampus aus, eine Hirnstruktur, die auch unseren Appetit regelt. Nach nur einer Woche einer an Zucker und gesättigten Fettsäuren reichen Ernährung aßen Probanden auch dann weiter, wenn sie eigentlich satt waren. Die Erkenntnisse könnten nicht nur Betroffenen von Adipositas nützen. Bisherige Studien weisen aber methodische Lücken auf und müssen daher noch ergänzt werden, betont Hanßen.
Therapie bei Adipositas muss sich ändern
Für die Therapie bei Adipositas bedeuten die neuen Erkenntnisse möglicherweise deutliche Änderungen in der Zukunft. Denkbare Ursachen für die neuronalen Veränderungen sind vielfältig: hormonelle Einflüsse, Entzündungsprozesse oder auch Insulinresistenz. Insulin wirkt im Gehirn nämlich auch als Neuromodulator. Veränderungen in seiner Wirkung, etwa bei Adipositas, können den Hippocampus beeinflussen.
Insulin wirkt im Gehirn nämlich auch als Neuromodulator.
Für die Therapie bei Adipositas heißt das: Klassische Verhaltens-Maßnahmen wie Diät und Bewegung stoßen an ihre Grenzen, weil die Schaltkreise im Gehirn dauerhaft verändert sind. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie fordert einen Paradigmenwechsel für die Therapie bei Adipositas weg von rein körperorientierten Maßnahmen hin zu ganzheitlichen Konzepten, die auch das Gehirn berücksichtigen.
Adipositas ist also bei Weitem keine reine Gewichtsfrage. Millionen Betroffene könnten von einer umfassenderen Therapie bei Adipositas profitieren, indem ihre Erkrankung im Ganzen behandelt und nicht nur auf körperliche Faktoren beschränkt wird.
Quellen:
https://www.n-tv.de/wissen/Wie-umprogrammiert-Adipositas-veraendert-das-Gehirn-Hungergefuehl-verschwindet-nicht-id30189021.html
Richard J. Stevenson, Heather M. Francis, Tuki Attuquayefio, Dolly Gupta, Martin R. Yeomans, Megan J. Oaten, Terry Davidson: „Hippocampal-dependent appetitive control is impaired by experimental exposure to a Western-style diet”, Royal Society Open Science, 1. Februar 2020. https://doi.org/10.1098/rsos.191338











