Rendering eines Gehirns, das von Pizza, einem Donut, einem Burger, Pommes frites und Popcorn umgeben ist© Tingting Ji/iStock/Getty Images Plus
Hochverarbeitete Lebensmittel verändern das Gehirn.

Kein Sättigungsgefühl

SO STARK VERÄNDERT ADIPOSITAS UNSER GEHIRN

Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, betrifft ein Viertel der Deutschen, Tendenz steigend. Viele von ihnen leiden stark unter Schuldgefühlen und schämen sich für mangelnde Disziplin. Aber immer mehr zeigt die Forschung: Adipositas verändert auch unser Gehirn.

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Viele Menschen mit Adipositas oder Ăśbergewicht bekommen immer dasselbe zu hören: „Sie mĂĽssen sich einfach mehr anstrengen! Es ist alles eine Frage der Disziplin, dann wird das schon!“ SchuldgefĂĽhle, Scham und Ausgrenzung kennen wohl alle Betroffenen. Aber was, wenn sie gar nicht selbst schuld daran sind, dass sie zu viel essen? Die Forschung zeigt: Adipositas ist kein rein körperliches Problem.

Bei Adipositas verändert sich vieles im Körper: Hormone, Stoffwechsel, Leistungsfähigkeit. Aber auch das Gehirn bleibt nicht dasselbe. Neue Behandlungsansätze werden dringend gebraucht.

Adipositas, Stoffwechsel und Signalverarbeitung

Adipositas beeinflusst nicht nur unseren Körper, sondern führt zu deutlichen Veränderungen im Gehirn. Das zeigen aktuelle Studien, meint Ruth Hanßen, Fachärztin für Innere Medizin und Endokrinologie an der Uniklinik Köln. Adipositas stört die Signalverarbeitung im Gehirn. Das beeinflusst Verhalten, Motivation und Denkprozesse, so Hanßen.

Dieser zentrale Aspekt von Adipositas rĂĽcke erst allmählich in den Fokus. Stoffwechselveränderungen wie eine Insulinresistenz sind dagegen schon lange bekannt. Sie fĂĽhren zu zahlreichen Folgeerkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Adipositas verändert unser Belohnungssystem

Dass Adipositas vor allem das Belohnungssystem im Gehirn beeinflusst, fĂĽhrt dazu, dass Betroffene die Signale ihres Körpers nicht mehr richtig interpretieren. Im gesunden Zustand hilft das Belohnungssystem, unsere BedĂĽrfnisse mit unserem Verhalten abzustimmen. Dieser Mechanismus ist bei Adipositas gestört, vor allem die dopaminergen mesolimbischen Nervenbahnen geraten aus dem Takt.

Die Folge: Betroffene können ihre Bereitschaft, sich fĂĽr eine Belohnung anzustrengen, nicht mehr so gut an ihre aktuellen BedĂĽrfnisse anpassen. Adipositas programmiert das Gehirn regelrecht um im Hinblick auf das SättigungsgefĂĽhl und das Verhalten bei Belohnung, schlussfolgert HanĂźen.

Kein Sättigungsgefühl bei Fast Food & Co.

Dass Betroffene kein Sättigungsgefühl spüren, liegt also an Veränderungen im dopaminergen Belohnungssystem. Hanßen zufolge kann auch der Konsum hochverarbeiteter, zucker- und fetthaltiger Lebensmittel dazu beitragen. Werden diese, nicht nur bei Adipositas, im Übermaß zugeführt, führen sie möglicherweise zu Antriebslosigkeit und Leistungsabfall.

Auch zahlreiche weitere Studien belegen, dass stark verarbeitete Lebensmittel das Gehirn nachteilig beeinflussen. Der „Suchtfaktor“ von Nahrungsmitteln wie Chips, SĂĽĂźigkeiten und Fast Food ĂĽberlagert dann die Signale des Körpers und trägt dazu bei, dass kein SättigungsgefĂĽhl mehr wahrgenommen wird.

Zuviel davon wirkt sich auf den Hippocampus aus, eine Hirnstruktur, die auch unseren Appetit regelt. Nach nur einer Woche einer an Zucker und gesättigten Fettsäuren reichen Ernährung aĂźen Probanden auch dann weiter, wenn sie eigentlich satt waren. Die Erkenntnisse könnten nicht nur Betroffenen von Adipositas nĂĽtzen. Bisherige Studien weisen aber methodische LĂĽcken auf und mĂĽssen daher noch ergänzt werden, betont HanĂźen.

Therapie bei Adipositas muss sich ändern

Für die Therapie bei Adipositas bedeuten die neuen Erkenntnisse möglicherweise deutliche Änderungen in der Zukunft. Denkbare Ursachen für die neuronalen Veränderungen sind vielfältig: hormonelle Einflüsse, Entzündungsprozesse oder auch Insulinresistenz. Insulin wirkt im Gehirn nämlich auch als Neuromodulator. Veränderungen in seiner Wirkung, etwa bei Adipositas, können den Hippocampus beeinflussen.

Insulin wirkt im Gehirn nämlich auch als Neuromodulator.

FĂĽr die Therapie bei Adipositas heiĂźt das: Klassische Verhaltens-MaĂźnahmen wie Diät und Bewegung stoĂźen an ihre Grenzen, weil die Schaltkreise im Gehirn dauerhaft verändert sind. Die Deutsche Gesellschaft fĂĽr Endokrinologie fordert einen Paradigmenwechsel fĂĽr die Therapie bei Adipositas weg von rein körperorientierten MaĂźnahmen hin zu ganzheitlichen Konzepten, die auch das Gehirn berĂĽcksichtigen.

Adipositas ist also bei Weitem keine reine Gewichtsfrage. Millionen Betroffene könnten von einer umfassenderen Therapie bei Adipositas profitieren, indem ihre Erkrankung im Ganzen behandelt und nicht nur auf körperliche Faktoren beschränkt wird.

Quellen:
https://www.n-tv.de/wissen/Wie-umprogrammiert-Adipositas-veraendert-das-Gehirn-Hungergefuehl-verschwindet-nicht-id30189021.html
Richard J. Stevenson, Heather M. Francis, Tuki Attuquayefio, Dolly Gupta, Martin R. Yeomans, Megan J. Oaten, Terry Davidson: „Hippocampal-dependent appetitive control is impaired by experimental exposure to a Western-style diet”, Royal Society Open Science, 1. Februar 2020. https://doi.org/10.1098/rsos.191338

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