Ein Charcuterie-Board mit SchimmelkÀse, Trockenobst und Mandeln, daneben vier GlÀser Rotwein© Olga Yastremska/iStock/Getty Images Plus
Wer sensibel auf exogenes Histamin reagiert, sollte sich zu dieser Soiree besser seine eigenen Snacks mitbringen.

Neurotransmitter in Balance

HISTAMIN – BOTENSTOFF MIT ZWEI GESICHTERN

Tomaten, Rotwein, KĂ€se – und danach Kopfschmerzen oder Hautreaktionen. Betroffene sind sicher: „Ich habe eine Allergie.“ Doch der Allergietest bleibt negativ. Was stimmt also nicht? Die Antwort liegt oft in einem MissverstĂ€ndnis: Histamin ist nicht gleich Histamin.

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Viele Menschen setzen Histamin automatisch mit einer Allergie gleich. Kein Wunder, denn die Symptome fĂŒhlen sich nahezu identisch an: Juckreiz, Rötung, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Magen-Darm-Beschwerden oder allgemeines Unwohlsein.

Medizinisch betrachtet gibt es jedoch zwei völlig unterschiedliche Wege, ĂŒber die Histamin im Körper wirksam wird. Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen endogenem und exogenem Histamin.

Endogenes Histamin: Die Histamin-Reaktion bei Allergie

Bei einer klassischen Allergie produziert der Körper Histamin selbst. Dieses sogenannte endogene Histamin wird in Mastzellen gespeichert und bei Kontakt mit einem Allergen – etwa Pollen, Tierhaaren oder bestimmten Nahrungsmitteln – freigesetzt. Das Immunsystem hĂ€lt den eigentlich harmlosen Stoff fĂŒr gefĂ€hrlich und startet eine Abwehrreaktion.

Das ausgeschĂŒttete Histamin sorgt dann fĂŒr die typischen Allergie-Symptome wie

  • Niesen,
  • trĂ€nende Augen,
  • HautausschlĂ€ge oder
  • Atemnot.

In diesem Fall ist Histamin also ein Teil einer echten Immunreaktion, weshalb Antihistaminika bei einer Allergie in der Regel gut wirken.

Exogenes Histamin: Histamin aus Lebensmitteln

Ganz anders verhĂ€lt es sich beim exogenen Histamin. Hier stammt das Histamin nicht aus dem eigenen Immunsystem aufgrund einer Allergie, sondern wird ĂŒber die Nahrung aufgenommen. Zum Beispiel durch gereiften KĂ€se, Rotwein, Salami, Sauerkraut oder Fisch.

Dieses Histamin gelangt von außen in den Körper und mĂŒsste normalerweise im Darm durch das Enzym Diaminoxidase (DAO) abgebaut werden. Wenn dieser Abbau jedoch nicht ausreichend funktioniert, reichert sich das Histamin im Körper an und löst Symptome aus, die sich anfĂŒhlen wie eine Allergie. Der entscheidende Unterschied: Es liegt keine Allergie vor, der Allergietest bleibt negativ und das Immunsystem ist nicht beteiligt.

Histamin entsteht vor allem in Lebensmitteln, die reifen, fermentieren oder lange gelagert werden. Je lÀnger das Produkt verarbeitet oder aufbewahrt wird, desto höher kann der Histamingehalt ausfallen.

Medikamente rund ums Histamin: Antihistaminika, H2-Blocker und DAO

Je nachdem, ob Histamin aus einer Allergie stammt oder ĂŒber die Nahrung aufgenommen wird, kommen unterschiedliche Medikamente infrage.

Bei einer klassischen Allergie sind Medikamente aus der Gruppe der H1-Antihistaminika die Therapie der ersten Wahl.

Diese Medikamente wie Cetirizin, Loratadin oder Desloratadin blockieren die H1-Histamin-Rezeptoren und lindern typische Allergiesymptome wie Juckreiz, Niesen, Rötung oder trÀnende Augen meist zuverlÀssig.

Bei ausgeprĂ€gten Magenbeschwerden wie Sodbrennen oder Magenschmerzen können zusĂ€tzlich Medikamente aus der Gruppe der H2-Blocker wie Famotidin sinnvoll sein. Diese Medikamente hemmen die histaminabhĂ€ngige MagensĂ€ureproduktion. ErgĂ€nzend werden teils Medikamente in Form von DAO-PrĂ€paraten eingesetzt, die das Enzym Diaminoxidase zufĂŒhren, um aufgenommenes Histamin im Darm besser abzubauen. Die Wirksamkeit dieser Medikamente ist individuell unterschiedlich.

Wichtig ist: Keine dieser Medikamente ersetzt eine gezielte Diagnostik oder eine angepasste ErnÀhrung. Sie können jedoch helfen, um Beschwerden im Alltag besser zu kontrollieren.

Histaminreiche Lebensmittel – das sind die Hauptquellen

  • Gereifte KĂ€sesorten (z. B. Emmentaler, Parmesan, Camembert)
  • Wurstwaren (Salami, Schinken, Mett)
  • Hefeprodukte und Essig
  • GerĂ€ucherter, eingelegter oder nicht ganz frischer Fisch
  • Alkoholische GetrĂ€nke, vor allem Rotwein, Sekt und Bier
  • Schokolade
  • NĂŒsse
  • Tomaten, Spinat, Auberginen

Quellen:
Thomas Herdegen: „Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie“, Thieme Verlag, 3. Auflage 2013.
Comas-BastĂ© O, SĂĄnchez-PĂ©rez S, Veciana-NoguĂ©s MT, Latorre-Moratalla M, Vidal-Carou MDC: „Histamine Intolerance: The Current State of the Art”, Biomolecules, 14. August 2020. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7463562/
Schnedl WJ, Schenk M, Lackner S, Enko D, Mangge H, Forster F.: „Diamine oxidase supplementation improves symptoms in patients with histamine intolerance”, Food Science and Biotechnology, 24. Mai 2019. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6859183/
Jackson, K.; Busse, W.; Gálvez-Martín, P.; Terradillos, A.; Martínez-Puig, D.: „Evidence for Dietary Management of Histamine Intolerance”, International Journal of Molecular Sciences, 20. September 2025. https://www.mdpi.com/1422-0067/26/18/9198
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/061-030
https://www.allergieinformationsdienst.de/krankheitsbilder/histamin-intoleranz

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