Illustration eines Kopfes mit Gehirn, Augen und Sehnerv.© libre de droit/iStock/Getty Images Plus
Wenn das Gehirn keine Reize aus den Augen verarbeiten muss, entwickelt es sich anders als bei sehenden Personen.

Gehirnentwicklung

DAS GEHIRN BLINDER MENSCHEN ORGANISIERT SICH ANDERS

Wie unterscheiden sich die Gehirne blinder Menschen von denen sehender? Die Gehirnentwicklung ist ein komplizierter Prozess, den man bisher nur unzureichend erforscht hat. Jetzt kommt ein Puzzleteilchen dazu.

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In den ersten Lebensjahren macht unser Gehirn enorme VerĂ€nderungen durch. Blind geborenen Personen fehlen die visuellen Reize in dem fĂŒr die Verarbeitung zustĂ€ndigen Hirnareal. Die Gehirnentwicklung als einer der kompliziertesten biologischen Prozesse reagiert darauf mit Umbauten.

Forschende aus Leipzig und Polen verglichen die Gehirne blind geborener Menschen mit denen sehender und stießen auf Unterschiede.

Gehirn Blinder weist Unterschiede auf

Ob sich das Gehirn bei blind geborenen Menschen anders entwickelt, wollten Forschende um Anna-Lena Stroh vom Max-Planck-Institut fĂŒr Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig wissen. In Zusammenarbeit mit polnischen Forschenden untersuchten sie die Gehirne von 40 blind geborenen Personen mit einer speziellen Magnetresonanztomographie und verglichen sie mit denen von sehenden Kontrollpersonen.

Sie fanden heraus, dass der visuelle Kortex dicker erschien. Genauere Untersuchungen ergaben, dass die Nervenfasern hier von einer dĂŒnneren Myelinschicht umgeben waren. Dieser Unterschied kann auch dazu fĂŒhren, dass die Großhirnrinde dicker erscheint, weil die Grenze zwischen grauer und weißer Nervensubstanz anders verlĂ€uft.

Im Detail bedeutet das Folgendes: Das Gehirn blind geborener Menschen organisiert sich im Bereich des visuellen Kortexes anders. Die fĂŒr Tasten und Hören zustĂ€ndigen Bereiche unterschieden sich nicht.

Die Myelinschicht dient als Isolierung und beschleunigt die Impulsweiterleitung. In Bereichen, die sensorische Informationen verarbeiten, ist diese Schicht oft dicker. Im Frontallappen, also einem Hirnareal, das komplexe kognitive Funktionen steuert, herrschen dagegen dĂŒnnere Myelinscheiden vor.

Gehirnentwicklung verlÀuft in Phasen

Wie erwĂ€hnt ist die Gehirnentwicklung ein hochkomplexer Prozess. Im ersten Lebensjahr wĂ€chst die Großhirnrinde um drei Viertel in der OberflĂ€che und rund zwei Drittel in der Dicke. Zudem bildet das Gehirn viel mehr Nervenverbindungen als es benötigt. Wenig genutzte Vernetzungen werden spĂ€ter entfernt. Dieser Prozess heißt Pruning.

Bisher dachte man, dass der dickere visuelle Kortex im Gehirn blinder Menschen auf ein reduziertes Pruning wĂ€hrend der Gehirnentwicklung zurĂŒckzufĂŒhren sei und direkt mit dem Fehlen visueller Reize zusammenhinge. Die neuen Ergebnisse aus hochauflösenden Verfahren zeichnen aber ein anderes Bild.

Im Gehirn blinder Menschen besitzt der visuelle Kortex weniger Myelin als andere sensorische Hirnareale. Er ĂŒbernimmt im Gehirn blind geborener Menschen aber auch andere Funktionen.

So ist er an der Sprachverarbeitung, dem ArbeitsgedĂ€chtnis und der kognitiven Kontrolle beteiligt. WĂ€hrend der Gehirnentwicklung myelinisieren sich die bei Sehenden fĂŒr diese Funktionen zustĂ€ndigen Bereiche aber ebenfalls weniger stark. Das Gehirn blinder Menschen unterscheidet sich also strukturell.

Hinweise auf eine BeeintrĂ€chtigung der Funktion fanden die Forschenden aber nicht. Auch ein gestörtes Pruning im Laufe der Gehirnentwicklung scheint nicht zu bestehen. Der visuelle Kortex im Gehir  blinder Menschen ist also keinesfalls beeintrĂ€chtigt, sondern lediglich anders organisiert.

Quelle: Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

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