Hustende Frau im Bett© Albert Shakirov / iStock / Getty Images Plus
Meist treten die Beschwerden des Postnasal-Drip-Syndroms nachts im Liegen auf und rauben Betroffenen den Schlaf.

Mukoziliäre Clearance

WAS IST DAS POSTNASAL-DRIP-SYNDROM UND WAS HILFT WIRKLICH?

Postnasal-Drip -Syndrom? Was soll denn das sein? Was kompliziert klingt, kennen viele Menschen: Schleim aus der Nase tropft in den Rachen und kann schrecklich nerven. Ein trockener Hals, nächtlicher Hustenreiz und sogar chronischer Husten können die Folgen sein. Aber was genau passiert denn da?

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Unter Postnasal-Drip-Syndrom versteht man eine übermäßige Ansammlung von Schleim in der Nase und den Nebenhöhlen, was zu Problemen im Rachenbereich führt. Es kann ganz viele unterschiedliche Auslöser haben. Diese zu finden, gestaltet sich manchmal auch gar nicht so einfach. Nicht jeder Schnupfen verursacht auch ein Postnasal-Drip-Syndrom.

Bei der Beratung in der Apotheke kommt es darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Nur dann können PTA sicher entscheiden, ob ein Arzt hinzugezogen werden muss. Hier kommen die Hintergründe, was ein Postnasal-Drip-Syndrom genau ist und was man dagegen tun kann.

Postnasal-Drip-Syndrom: Schnupfen wird zu Husten

Das Postnasal-Drip-Syndrom entsteht durch veränderte Schleimproduktion in Nase und Nebenhöhlen. Das Sekret staut sich und tropft in den Rachenraum. Viele Betroffene berichten über nächtlichen Hustenreiz oder Halsschmerzen, ein dauerndes Kloßgefühl im Hals, Räusperzwang, Heiserkeit und auch Mundgeruch. Oft bestehen die Beschwerden eines Postnasal-Drip-Syndroms über Wochen oder Monate. Ursachen für das Problem gibt es reichlich, was die Diagnose und Behandlung nicht einfacher macht.

Ein weiteres Problem: die Dauerbelastung der Schleimhaut in den Atemwegen begünstigt Infektionen der Bronchien. So kann sich der Schnupfen in einen ausgewachsenen Husten verwandeln, der sogar chronisch werden kann. Das wiederum erhöht das Risiko für einen sogenannten Etagenwechsel: ein unbehandeltes Postnasal-Drip-Syndrom kann zu Asthma werden.

Berichten Betroffene in der Apotheke also über Symptome, die über Wochen anhalten, sollte ein Arzt sich die Sache ansehen. Die Ursachen für die veränderte Schleimproduktion und den gestörten Sekretabtransport können aber sehr unterschiedlich sein.

Das alles kann das Postnasal-Drip-Syndrom auslösen

Die vermehrte Schleimbildung stellt lediglich ein Symptom dar. Das Postnasal-Drip-Syndrom ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern Folge einer gestörten Selbstreinigung der Schleimhaut in den Atemwegen. Dahinter können zahlreiche Ursachen stecken:

  • Allergien
  • Infekte
  • Hormonelle Veränderungen, zB. Schwangerschaft
  • Reflux von Magensäure
  • Trockenheit durch Kälte, Heizungsluft oder Klimaanlagen
  • Reizungen durch Chemikalien oder Lebensmittel wie Chili und Co

Dass sich das Postnasal-Drip-Syndrom entwickeln kann, hängt mit dem Aufbau unserer Atemwege zusammen. Auch wenn wir sprachlich zwischen „oberen“ und „unteren“ Atemwegen unterscheiden, trifft das für die Schleimhaut nicht zu. Diese kleidet unsere kompletten Atemwege einheitlich aus, und zwar von den Nebenhöhlen bis hinunter in die Bronchien. Lediglich die Dicke der Zellschicht nimmt in den kleinen Verästelungen der Bronchien ab.

Für den Schutz unserer Atemwege besitzen wir ein ausgeklügeltes System, das sich selbst reinigen kann. Es transportiert Fremdstoffe wie Krankheitserreger, Staub und Schadstoffe zuverlässig nach draußen.

Mukoziliäre Clearance: das Förderband nach draußen

Die mukoziliäre Clearance unserer Atemwege funktioniert wie eine Art Förderband. Bei Postnasal-Drip-Syndrom ist sie gestört, und das spüren Betroffene deutlich. Aber wie genau funktioniert die Selbstreinigung der Atemwege?

In unserer Schleimhaut befinden sich unterschiedliche Zelltypen. Zum einen sind das zilientragende Zellen, die, wie der Name sagt, Zilien besitzen. Das sind kleine Flimmerhärchen, die stets Richtung Ausgang fächern. Die Becherzellen produzieren den Schleim, der unsere Atemwege lückenlos auskleidet. Außerdem besitzen wir noch andere Typen von Zellen, zum Beispiel Nervenzellen, die Husten- oder Niesreflex auslösen, und sogenannte neuroendrokrine Zellen, die Botenstoffe abgeben, wenn sie chemisch oder mechanisch gereizt werden. Im unteren Bereich der Atemwege sitzen noch Keulenzellen, die ein glycoproteinreiches Sekret abgeben.

Um die mukoziliäre Clearance zu verstehen, muss man wissen, dass der Schleim in den Atemwegen aus zwei Schichten besteht. Die untere Solphase, in der die Zilien sich bewegen, ist flüssig. Darüber liegt die Gelphase, welche fester ist und wie ein klebriger Fliegenfänger alles anzieht, was uns stören könnte: Fremdkörper, Viren, Bakterien und Schadstoffe. Ein Stoff namens Surfactant ermöglicht ein Gleiten der Gelphase auf der Solphase und setzt die Oberflächenspannung der Gelphase herab. Das sorgt für die besondere „Klebrigkeit“. Die Zilien bewegen die Solphase. Das befördert die Gelphase mitsamt den gebundenen Störenfrieden in Richtung Ausgang, also zu den Nasenlöchern oder zum Rachenraum, wo sie geschluckt, abgehustet oder in ein Taschentuch geschneuzt wird. Die mukoziliäre Clearance ist also ein sehr ausgefeiltes System. Bringt sie etwas aus dem Gleichgewicht, gibt es Probleme, und zum Beispiel das Postnasal-Drip-Syndrom kann entstehen.

Was stört die mukoziliäre Clearance und was kann man tun?

Eine intakte mukoziliäre Clearance ist unsere erste Verteidigungslinie der unspezifischen Immunabwehr. Durch einen Infekt, Trockenheit oder Reizungen steigt zunächst die Viskosität der Gelphase. Die Bewegung der Zilien in der Solphase reicht dann nicht mehr aus, um das zähe Sekret zu bewegen. Es staut sich, und sein Gewicht reizt unter der Schleimhaut liegende Rezeptoren. Es ist also gar nicht unbedingt die Menge, sondern die Zähigkeit des Sekrets bei gestörter mukoziliärer Clearance, die Husten verursacht und bei Dauerreizung auch das Postnasal-Drip-Syndrom.

Hustenrezeptoren besitzen wir übrigens auf der gesamten Schleimhaut, auch in der Nase, den Nebenhöhlen, der Luftröhre, sogar im Innenohr und im Herzbeutel! Besonders dicht sitzen sie aber in Rachen und Kehlkopf. Sie leiten ihr Signal an den Vagus- und Trigeminusnerv weiter, was das Hustenzentrum im Hirnstamm stimuliert. Eine koordinierte Bewegung von Zwerchfell, Stimmritze, Bauch-, Atmungs- und Kehlkopfmuskeln lässt Luft explosionsartig entweichen: ein Hustenstoß, der den zähen Schleim aus den Atemwegen schleudert.

Das Problem: jeder Hustenstoß reizt die Schleimhaut und stört die mukoziliäre Clearance weiter. Bildet sich also dauerhaft zu viel zähes Sekret, kann das anhaltenden Hustenreiz auslösen: das Postnasal-Drip-Syndrom. Bestehen die Probleme über mehr als zwei Wochen, sollte der Arzt sich das ansehen.

Wann muss das Postnasal-Drip-Syndrom behandelt werden?

Das Postnasal-Drip-Syndrom kann über Wochen bestehen. Je nach Schweregrad der Beschwerden und nach Alter und Konstitution der betroffenen Person gibt es ein paar wichtige Fragen im Beratungsgespräch. Grundsätzlich gilt: ein akuter Husten sollte generell nicht länger als zwei Wochen unbehandelt bleiben. Hohes Fieber, Atemnot, Nachtschweiß, Gewichtsverlust sowie Blut oder Schaum im Auswurf sind Warnzeichen, die unbedingt ärztlich abgeklärt gehören. Auch Säuglinge und ältere Personen sowie Schwangere gehören in ärztliche Behandlung. Ältere Menschen besitzen weniger Zilien, Säuglinge sehr kleine Atemwegsdurchmesser. Beides kann schneller Probleme verursachen, weshalb ein Arztbesuch empfohlen ist. Gleiches gilt bei Verdacht auf einen Fremdkörper oder auf schwerere Infekte wie Influenza oder Lungenentzündung. Die Einnahme potenziell lungentoxischer (Amiodaron, Methotrexat) oder Husten verstärkender (ACE-Hemmer, Betablocker) Medikamente spricht ebenfalls für einen Arztbesuch.

Grundsätzlich sollte das Postnasal-Drip-Syndrom immer ernst genommen und möglichst schnell wirksam behandelt werden. Sonst besteht die Gefahr, dass die gestörte mukoziliäre Clearance die Atemwege empfindlich gegen Infektionen macht. Das zähe Sekret und die mechanische Belastung der Schleimhaut durch den Husten erhöhen zudem die Gefahr für Bronchitis und sogar Asthma. Gerade ältere oder immungeschwächte Personen sind hier gefährdet. Zudem stört der Husten den Schlaf und beeinträchtigt die Lebensqualität deutlich.

Was tun gegen Postnasal-Drip-Syndrom?

Nicht jede Störung der mukoziliären Clearance löst gleich ein Postnasal-Drip-Syndrom aus. Ist es aber diagnostiziert, richtet sich die Behandlung nach der gefundenen Ursache. Ein Infekt heilt oft folgenlos aus, und dann verschwinden auch die nervigen Beschwerden wieder. Kurzfristig kann der Sekretabfluss durch abschwellende Nasensprays verbessert werden, bis der Infekt abgeklungen ist. Produkte mit Myrtol oder Cineol zur Schleimlösung unterstützen die mukoziliäre Clearance und wirken antibakteriell.

Das Ziel jeder Therapie eines Postnasal-Drip-Syndroms ist, den Hustenreiz zu stoppen. Durch einen Allergietest lassen sich potenzielle Auslöser für die gestörte mukoziliäre Clearance finden, ein Antihistaminikum oder gegebenenfalls ein Cortison-Nasenspray hilft dann meist schnell. Nasenduschen spülen Allergene aus. Luftbefeuchter und eine Erhöhung der Trinkmenge unterstützen die mukoziliäre Clearance und senken die Viskosität der Gelphase.

Steckt ein Reflux von Magensäure hinter dem Postnasal-Drip-Syndrom, helfen Antacida und gegebenenfalls kurzzeitig Protonenpumpenhemmer. Eine Hochlagerung des Kopfes beim Schlafen kann den Reflux und die Ansammlung von Sekret im Rachen verringern und so Erleichterung bringen.

Bei Schwangeren steckt oft eine hormonell bedingte Durchblutungssteigerung der Nasenschleimhaut hinter verstopfter Nase und gestörter mukoziliärer Clearance. Wenn die Probleme länger bestehen, kann sich so auch ein Postnasal-Drip-Syndrom bilden. Hier helfen Nasenduschen, Luftbefeuchtung und nach Absprache mit dem Gynäkologen gegebenenfalls kurzzeitig abschwellende Wirkstoffe.

Wir fassen also zusammen: das Postnasal-Drip-Syndrom entsteht durch gestörte mukoziliäre Clearance der Atemwege und einen gestörten Sekretabfluss. Während es zum einen ganz schön nerven kann, kann es zum anderen auch das Infektionsrisiko erhöhen und Asthma begünstigen. Die Behandlung richtet sich nach der gefundenen Ursache. Im Beratungsgespräch können PTA mit Betroffenen von Postnasal-Drip-Syndrom klären, ob ein Arztbesuch nötig ist.

Quellen:

pharmazeutische-zeitung.de/quaelend-laestig-mit-vielen-ursachen-145472/seite/alle/?cHash=892e26fea911faf7e4fb729a4a1aa0a4

flexikon.doccheck.com/de/Postnasal-Drip-Syndrom

flexikon.doccheck.com/de/Respiratorisches_Epithel

health.harvard.edu/staying-healthy/treatments-for-post-nasal-drip

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