Herz, Muskeln, Nerven
NATRIUMKANALBLOCKER: DAS ALLES KĂNNEN SIE HEUTE â UND DAS VIELLEICHT IN ZUKUNFT
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Mit dem Wort Natriumkanalblocker sind Substanzen gemeint, die spannungsabhĂ€ngige NatriumkanĂ€le inaktivieren. Das fĂŒhrt dazu, dass die Spannung in der betreffenden Zelle sich Ă€ndert â und das hat zahlreiche Effekte.
Bisher kennt man neun verschiedene Typen von NatriumkanÀlen, die sich in Details unterscheiden. Das ermöglicht die Entwicklung selektiver Natriumkanalblocker. Aber der Reihe nach: Wir klÀren, was Natriumkanalblocker heute können, wie sie wirken und was noch kommen könnte.
So funktionieren NatriumkanÀle
Natriumkanalblocker beeinflussen spannungsabhÀngige NatriumkanÀle in Nervenzellen, im Herzen und in der Muskulatur. Wir erinnern uns kurz: Das Aktionspotenzial einer Zelle ist ein elektrischer Impuls, mit dem Informationen weitergeleitet werden. Es besteht aus mehreren Phasen:
- Ruhepotenzial der Zelle (leicht negativ geladen)
- Depolarisation durch Einstrom von Natriumionen in die Zelle
- Repolarisation durch Ausstrom von Kaliumionen aus der Zelle
- Hyperpolarisation (als Sicherung, damit nicht sofort das nĂ€chste Aktionspotenzial weitergeleitet werden kann; soll Ăbererregung verhindern)
- RĂŒckkehr zum Ruhepotenzial
Natriumkanalblocker setzen sich in oder an spannungsabhĂ€ngige NatriumkanĂ€le. Dort blockieren sie diese entweder im offenen oder im geschlossenen Zustand. Alle neun Typen von NatriumkanĂ€len (NaV1.1 bis NaV1.9) bestehen aus einer α- und einer ÎČ-Untereinheit. Die α-Untereinheit wiederum bilden vier DomĂ€nen (DI bis DIV), von denen jede aus sechs miteinander verbundenen Segmenten besteht. Die Segmente S1 bis S4 sind spannungsempfindlich, wĂ€hrend S5 und S6 die zentrale Pore der NatriumkanĂ€le bilden.
Sind Sie noch an Bord? Keine Sorge, das Komplizierte haben wir geschafft! Nur so viel noch: in Segment 4 sitzen vier positiv geladene Arginin-MolekĂŒle, die im Ruhezustand der Zelle nach innen gerichtet sind. Bei Depolarisation klappen sie nach auĂen und die NatriumkanĂ€le öffnen sich. Um sicher nur Natriumionen durchzulassen, besitzen die Porenmodule sogar einen Ionenfilter. Calciumionen sind zu groĂ, Kaliumionen bleiben wegen ihrer konzentrierteren Ladung hĂ€ngen.
So kommen die Blocker in die NatriumkanÀle
Natriumkanalblocker gelangen auf zwei Wegen in den Kanal: zum einen durch kleine LĂŒcken zwischen Porenmodulen und den anderen Segmenten, zum anderen bei offenem Kanal von der intrazellulĂ€ren Seite. Der erste Weg blockiert den Kanal im geschlossenen, der zweite im offenen Zustand. Welcher Arzneistoff welchen Weg nimmt, unterliegt aber wohl keinen festen Regeln. Das macht die Entwicklung neuer Wirkstoffe kompliziert.
Alle Natriumkanalblocker mĂŒssen zum einen lipophil sein, zum anderen aber eine positive Ladung aufnehmen können, um die Pore zu blockieren. Neutrale Wirkstoffe wie Carbamazepin und Lamotrigin scheinen ein Natriumion zu komplexieren, um in die Pore zu gelangen. Kleine, lipophile MolekĂŒle wie Benzocain nutzen die LĂŒcke zwischen den Segmenten und binden an der Pore, nicht darin.
Neues aus der Forschung:
NatriumkanÀle sind unterschiedlich
Es gibt neun Typen von spannungsabhÀngigen NatriumkanÀlen. Sie alle unterscheiden sich in Details und finden sich in verschiedenen Organen:
- NaV1.1, 1.2 und 1.6-Ăbererregung löst epileptische AnfĂ€lle aus.
- NaV1.4 fĂŒhrt zu vermehrter Muskelspannung (Myotonie) bei Ăbererregung (selten).
- NaV1.5 spielt eine Rolle bei Herzrhythmusstörungen.
- NaV1.7 bis 1.9 steuern die Schmerzverarbeitung.
Natriumkanalblocker: beim Zahnarzt und beim Kardiologen im Einsatz
WÀhrend LokalanÀsthetika unselektive Natriumkanalblocker sind, wirken Antiarrhythmika wie Flecainid selektiv auf NaV1.5. Trotzdem stockt die Entwicklung neuer Substanzen gegen Herzrhythmusstörungen wegen potenziell gefÀhrlicher Nebenwirkungen. Das liegt daran, dass am Herzen neben Natrium auch Kalium und Calcium wirken.
Neue Natriumkanalblocker: Stand der Forschung
Ebenso verzeichnet die Forschung bisher kaum Erfolge bei der Entwicklung selektiver Antiepileptika. Bei einer seltenen, angeborenen Form der Epilepsie befindet sich aber ein Wirkstoffkandidat in der frĂŒhen klinischen Phase 3.
Einen Erfolg verzeichnet der selektive Natriumkanalblocker Suzetrigin. Die Substanz erhielt Anfang des Jahres eine Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA. Suzetrigin hemmt NatriumkanÀle vom Typ NaV1.8 und schaltet so Schmerzen zuverlÀssig aus, ohne eine zentrale Wirkung zu besitzen. Somit ist es eine Alternative zu Opioiden.
Erst in den letzten Jahren fanden Forschende mit neuesten Technologien immer Genaueres ĂŒber die verschiedenen NatriumkanĂ€le heraus. Suzetrigin ist möglicherweise erst der Anfang einer Reihe selektiver Natriumkanalblocker, die dann zum Beispiel bei Epilepsie helfen können.
Quelle: Pharmazeutische Zeitung












