Nahaufnahme einer Frau, die mit Fidget-Spielzeug spielt© Jacob Wackerhausen / iStock / Getty Images Plus
Endlich Klarheit: Eine späte ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter eröffnet vielen Betroffenen neue Wege zu mehr Lebensqualität.

Erkenntnis

SPÄTE ADHS-DIAGNOSE: WAS SICH AB 40 ÄNDERT

Eine späte ADHS-Diagnose kann vieles verändern – von der Selbstwahrnehmung über neue Behandlungschancen bis zum Alltag. Was Betroffene und Angehörige über ADHS bei Erwachsenen wissen sollten und wie sich das Leben dadurch wandelt.

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Jahrelang vergesslich, sprunghaft, schnell überfordert – und immer das Gefühl, sich doppelt so sehr anstrengen zu müssen wie alle anderen. Viele Menschen führen das auf ihren Charakter zurück, bevor eine späte ADHS-Diagnose Klarheit bringt. Manche schieben es auf den Stress. Dass dahinter eine neurologische Besonderheit stecken könnte, die einen das ganze Leben begleitet hat, kommt ihnen bis zur späten ADHS-Diagnose unter Umständen gar nicht in den Sinn.

Ebenso wenig ihrem Umfeld. Und ihren Ärzt*innen oft auch nicht, weshalb eine späte ADHS-Diagnose keine Seltenheit ist. Das Thema ADHS bringen viele noch immer fälschlicherweise hauptsächlich mit Kindern in Verbindung. Dabei sind nach Schätzungen von Fachleuten mindestens zwei Millionen Erwachsene in Deutschland betroffen. Gerade für Menschen ab 40 ist eine späte ADHS-Diagnose oft noch besonders schwierig.

Symptome von ADHS bei Erwachsenen erkennen

Das Syndrom hängt mit einem gestörten Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusammen, in der Regel von der Kindheit an. Das bedeutet: Man kann es nicht plötzlich bekommen, auch nicht als Erwachsene*r, was ADHS zu einem lebenslangen Begleiter macht. Bei den betroffenen Erwachsenen zeigt sich ADHS allerdings häufig subtiler als bei betroffenen Kindern und Jugendlichen, heißt es auf dem Portal „gesundheitsinformation.de“.

Erwachsene mit ADHS haben oft Probleme, ihren Alltag oder ihre Arbeit zu organisieren, Termine einzuhalten und sich über längere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren – außer bei Dingen, die sie wirklich interessieren. „Das Schwierigste bei dieser Störung ist diese Prokrastination“, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychotherapie und Psychosomatik: „Ich weiß, was ich tun soll, aber ich kann den ersten Schritt nicht machen. Ich kann nicht anfangen.“ Eine späte ADHS-Diagnose kann hier enorm entlasten.

Emotionale Herausforderungen vor der späten ADHS-Diagnose

Auch Vergesslichkeit, innere Unruhe und Gedankenspringen können typisch sein, bis endlich eine späte ADHS-Diagnose gestellt wird. Dazu komme „eine enorme emotionale Auslenkbarkeit“, so die Fachärztin, Expertin für ADHS bei Erwachsenen und Buchautorin („AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“): „Ich bin schnell gekränkt, reagiere heftig, fühle mich rasch angegriffen.“ Wo Belastungen im Alltag über längere Zeit das Leben beeinträchtigen, ist eine fachärztliche Abklärung für eine späte ADHS-Diagnose ratsam.

Eine späte ADHS-Diagnose erfordert eine ausführliche Anamnese und Beurteilung anhand von Leitlinien durch Fachleute. Dazu zählen etwa Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie, ärztliche Psychotherapeut*innen oder psychologische Psychotherapeut*innen.

Warum die späte ADHS-Diagnose oft ausbleibt

Lange hatte man bei diesem Thema nur Kinder im Blick, weshalb eine späte ADHS-Diagnose heute so häufig vorkommt, so Neuy-Lobkowicz. Dieser Effekt sei bis heute zu spüren, es gebe eine große Diagnose- und Versorgungslücke bei ADHS bei Erwachsenen. Zwar zeigte zuletzt eine Studie, dass mittlerweile deutlich mehr Betroffene in Deutschland eine späte ADHS-Diagnose erhalten als noch vor zehn Jahren.

Dennoch gehen Fachleute von einer hohen Dunkelziffer aus.

Zu den Hürden für eine korrekte späte ADHS-Diagnose gehört unter anderem, dass viele Betroffene seelische Begleiterkrankungen haben. In manchen Fällen werden nur diese behandelt, ohne dass die Ursache etwa für Depressionen ins Auge gefasst wird. Es kann auch vorkommen, dass das Symptombild von ADHS bei Erwachsenen mit zunehmendem Alter mit anderen Erkrankungen verwechselt wird – von Betroffenen wie von Behandler*innen.

Verwechslungsgefahr bei ADHS bei Erwachsenen

Wenn Menschen mit Anfang 50 vergesslicher werden, sich nicht konzentrieren können und sich ausgebrannt fühlen, denkt man vielleicht an eine beginnende Demenz statt an eine späte ADHS-Diagnose. „Aber viele von ihnen haben eine neurologische Besonderheit, die man gut behandeln kann“, sagt Neuy-Lobkowicz. Zur mangelnden Diagnostik trägt nicht zuletzt bei, dass manche Erwachsene mit ADHS ihre Symptome lange kaschieren können.

Gerade betroffene Frauen passen sich oft stark an, bisweilen bis zum Burnout, und bekommen häufig erst eine späte ADHS-Diagnose.

Wie bemerkt man mit über 40, dass man sein Leben lang betroffen war und dringend eine späte ADHS-Diagnose braucht? „Das ist schwierig, weil es keine erworbene Störung ist – man kommt damit zur Welt und hat keinen Vergleich, weil man sich ja nie anders erlebt hat“, räumt Astrid Neuy-Lobkowicz ein.

Eigene Symptome für die späte ADHS-Diagnose deuten

Sie empfiehlt, sich vor einer späten ADHS-Diagnose gezielt bestimmte Fragen zu stellen, etwa zu Problemen mit der Konzentration oder der Organisation. Auch rasche Stimmungsschwankungen und die Tendenz, alles auf den letzten Drücker zu machen, können Hinweise auf ADHS bei Erwachsenen sein. „Wenn das Gefühl entsteht, dass das zutrifft: erst lesen – aber bitte nicht nur im Internet, wo 50 Prozent der Inhalte falsch sind“, rät die Fachärztin.

Stattdessen empfiehlt sie Bücher oder andere geprüfte Quellen, etwa Internetauftritte von Fachgruppen wie das Portal adhs.info vom Zentralen ADHS-Netz. Auch viele Krankenkassen bieten Informationen zu ADHS bei Erwachsenen an. Der nächste Schritt führt dann für die späte Diagnose zum Facharzt oder zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Der Weg zur späten ADHS-Diagnose beim Facharzt

Hier lohnt es sich, gezielt nach Erfahrung mit ADHS bei Erwachsenen zu fragen – nicht alle Praxen bieten das an. Bei Menschen über 50 empfiehlt Neuy-Lobkowicz zusätzlich eine internistische Abklärung, bevor nach der späten ADHS-Diagnose etwa mit einer Medikation begonnen wird. Einen passenden Facharzt oder eine passende Fachärztin für die Diagnostik zu finden, bleibt schwierig. „Viele Psychiater trauen sich nicht an ältere Patientinnen und Patienten heran“, so Neuy-Lobkowicz.

Man müsse nachfragen und hartnäckig bleiben.

Im nächsten Schritt könne man Selbsthilfegruppen für Erwachsene aufsuchen, zum Beispiel über die Plattform „adhs-deutschland.de“. Für die späte ADHS-Diagnose werden in der sogenannten Exploration zum Beispiel aktuelle Probleme, Belastungen und einzelne Symptome genau erfragt und die Lebensgeschichte erhoben. Unter Umständen werden auch Partner*innen, Eltern oder Bekannte einbezogen.

Neue Lebensqualität durch die späte ADHS-Diagnose

Eine späte ADHS-Diagnose ändert zunächst nichts an der Vergangenheit. Aber sie verändert, wie man auf sie blickt. „Viele Patienten sind allein schon mit dem Wissen unglaublich entlastet“, sagt Neuy-Lobkowicz. Nicht jeder Erwachsene mit ADHS braucht zwingend eine Therapie. Wo der Leidensdruck groß ist, kann eine individuell abgestimmte Kombination aus Psychoedukation, kognitiver Verhaltenstherapie und medikamentöser Unterstützung erfolgreich sein.

„Wenn die späte ADHS-Diagnose stimmt und die Medikation passt, können wir Menschen auch mit 60 oder 70 noch einmal neu auf die Beine stellen“, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz. Auch im familiären Umfeld kann sich nach einer späten ADHS-Diagnose etwas lösen, da die Besonderheit genetisch veranlagt ist. Manche Konflikte, die sich über Jahre aufgestaut haben, bekommen auf einmal eine Erklärung. Und Betroffene können „jetzt lernen, anderen eine Art Gebrauchsanweisung zu geben“, so Neuy-Lobkowicz.

Quelle: dpa

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