Frau mit Smartphone in der Hand, aus dem kleiner K-Chatbot steigt© Techa Tungateja / iStock / Getty Images Plus
Immer erreichbar, aber kein Ersatz für eine echte Therapie: Chatbots werden als erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen immer beliebter.

Künstliche Intelligenz

KI BEI PSYCHISCHEN PROBLEMEN: HILFE DURCH CHATBOTS?

Wenn es um KI bei psychischen Problemen geht, wenden sich viele Menschen an Chatbots. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind lang. Expert*innen erklären, in welchem Umfang die Tools helfen können und wo sie an ihre Grenzen stoßen.

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Fehlende Therapieplätze, lange Wartezeiten und die Frage: Passt es menschlich überhaupt? Wer psychologische Hilfe sucht, ist in Deutschland häufig mit Hürden konfrontiert. Da wirken Chatbots wie Gemini, Claude oder ChatGPT für manche wie ein verständnisvoller Zuhörer für die Hosentasche, weshalb KI bei psychischen Problemen immer häufiger genutzt wird.

Studien zeigen, dass viele, insbesondere jüngere Menschen KI mittlerweile als Gesprächspartner sehen. Sie suchen Rat bei ihr und sprechen mit ihr über Sorgen oder sogar Erkrankungen. Doch wie hilfreich ist KI bei psychischen Problemen wirklich?

Warum KI bei psychischen Sorgen so beliebt ist

Wer einen Therapieplatz sucht, muss in Deutschland durchschnittlich 20 Wochen warten, sagt Christiane Eichenberg, Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Die Psychologin und Autorin des Buches „Künstliche Intelligenz und Psychotherapie“ weiß aber auch, dass die Versorgungslücke längst nicht der alleinige Grund für den Einsatz von KI bei psychischen Problemen ist.

„Sie stehen rund um die Uhr zur Verfügung und sind vorurteilsfrei. Wir können mit ihnen kommunizieren, ohne Angst vor Bewertungen und Stigmata haben zu müssen.“ Außerdem erleichtere das Gespräch mit einer Maschine vielen Leuten die Selbstöffnung. „Man hat weniger das Gefühl, gut dastehen zu müssen und kann Gefühle wie Traurigkeit intensiver ausdrücken“, so Eichenberg über den Nutzen der KI bei psychischen Problemen.

Digitale Anwendungen für die mentale Gesundheit

Manche wenden sich mit ihrem Alltagsstress, Gefühlen oder Ängsten an allgemeine Chatbots. Es gibt aber auch Anwendungen, die speziell mit Fokus auf die mentale Gesundheit entwickelt wurden, um KI bei psychischen Problemen gezielt einzusetzen. Diese sollen Nutzer*innen dabei helfen, ihre Emotionen zu reflektieren, Ängste zu überwinden oder Stress zu bewältigen. Im Gegensatz zu allgemeinen Chatbots sind diese Programme häufig wissenschaftlich evaluiert.

Sie arbeiten auf Basis eines klinisch validierten Behandlungsprotokolls, was insbesondere für sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) gilt. Die Programme bieten etwa Mini-Therapien an, stellen konkrete Trainingsaufgaben oder führen regelmäßige Stimmungsabfragen durch. „Die Effekte sind laut Studienlage vergleichbar mit denen einer Psychotherapie, wenn die Systeme vier bis acht Wochen genutzt wurden“, sagt Eichenberg. Wie stabil diese Effekte durch KI bei psychischen Problemen sind, sei jedoch unklar.

Wirksamkeit von Chatbots in der Praxis

Ein aufmerksamer, zugewandter und stets verfügbarer Zuhörer: „Für die meisten von uns ist das erst mal attraktiv“, sagt Kevin Hilbert, Professor für Klinische Psychologie an der Health and Medical University Erfurt. Erste Studien legen nahe, dass der Einsatz von KI bei leichten psychischen Problemen wirksamer ist als gar nichts zu tun. Gerade dann könnten die Systeme helfen, indem sie die Gedanken sortieren und bei der Reflexion unterstützen.

„Erste Studien zeigten auch recht gute Ergebnisse, wenn es um Ängste, hohen Stress oder beginnende depressive Symptome geht“, so Hilbert. Insgesamt sei die Studienlage jedoch noch nicht ausreichend, um abschließende Aussagen zu treffen. Spezialisierte therapeutische Chatbots ließen sich laut Eichenberg besonders sinnvoll als Überbrückung einer Wartezeit oder als Ergänzung zur klassischen Therapie nutzen, was das Potenzial von KI bei psychischen Problemen unterstreicht.

Wo die künstliche Intelligenz an Grenzen stößt

„Die Bots sind kein Ersatz für Psychotherapie“, stellt Eichenberg klar. Vor allem, weil es ihnen an Intersubjektivität fehle, also der gegenseitigen Reaktion, Irritation und Begrenzung. „Da der Nutzer für ein technisches System keine persönliche Bedeutung hat, fehlt die für korrigierende emotionale Erfahrungen essenzielle Validierung durch ein menschliches Gegenüber.“ Auch seien Chatbots nicht in der Lage, differenzierte Diagnostik zu machen, weshalb KI bei psychischen Problemen ihre Grenzen hat.

Fehlantworten sind eines der größten und bekanntesten Risiken von Chatbots.

Sie sind laut Hilbert nicht immer gut darin, Sicherheitsvorkehrungen umzusetzen, etwa bei Suizidalität oder Risikoverhalten. Außerdem haben Bots die Eigenschaft, ihre Nutzer*innen tendenziell zu bestätigen. Das berge vor allem bei Menschen mit wahnhaften Gedanken das Risiko, dass sich das wahnhafte Erleben früher und stärker herausbilde.

Gefahr von Abhängigkeit und Scheinsicherheit

Christiane Eichenberg weist zudem auf die Gefahr einer Überbenutzung oder sogar emotionalen Abhängigkeit hin. Daneben kann auch eine Scheinsicherheit entstehen, in der sich Nutzer*innen wiegen, wenn sie meinen, durch den Einsatz von KI bei psychischen Problemen ausreichend versorgt zu sein. „Hier besteht das Risiko, dass ich meine Probleme verschleppe, statt reale Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Nicht zuletzt seien Datenschutzprobleme ein potenzielles Risiko.

Wer wieder stärker mit realen Menschen in Kontakt kommen will, müsse zunächst die intensive Nutzung der KI reduzieren. Im Bereich allgemeiner Alltagsprobleme empfiehlt Hilbert, Entscheidungen wieder vermehrt selbst zu treffen. Christiane Eichenberg setzt auf eine gute Balance zwischen KI und eigenem Kopf. „Algorithmen können unterstützen, sollten aber die eigene Reflexion ergänzen, statt zu ersetzen.“ So bleibt KI bei psychischen Problemen ein Hilfsmittel, aber kein Heilsbringer.

Quelle: dpa

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