Dranbleiben
WIE HILFT SPORT BEI ADHS?
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Wer ADHS hat, kennt innere Anspannung, Unruhe und die Schwierigkeit, etwas anzufangen und durchzuziehen. Und hat vielleicht auch die Erfahrung gemacht, dass Bewegung dabei hilft. Ich auch.
Eine Ărztin hat mir mal gesagt: Eigentlich mĂŒsste ich jeden Tag so viel rennen, als wĂŒrde ich fĂŒr einen Marathon trainieren. Das ist aber manchmal irre fad. Boxen funktioniert fĂŒr mich besser, auch Yoga. Kann das sein, dass verschiedene Sportarten unterschiedlich âwirkenâ bei ADHS? Drei Fragen an Johannes Hennings, Psychiater und Psychotherapeut in MĂŒnchen.
Herr Hennings, Sport soll auch und gerade bei ADHS helfen. Stimmt das wirklich?
Johannes Hennings: Ja, das stimmt. Man kann es eigentlich allgemein ausdrĂŒcken: Bei allen psychischen Erkrankungen oder auch seelischen Leiden ist Sport gĂŒnstig. Abgesehen von den Effekten auf die kardiovaskulĂ€re Fitness trainiert Sport das sogenannte vegetative Nervensystem. Also das System, das fĂŒr die Balance zwischen Stress und Erholung sorgt.
Aber es gibt auch relativ spezifische Effekte im Gehirn: Sport unterstĂŒtzt die sogenannte PlastizitĂ€t der Nervenzellen, und zwar durch die Bereitstellung eines bestimmten Nervenwachstumsfaktors, des BDNF. Der fĂŒhrt dazu, dass Nervenzellen sich neu verbinden, Synapsen vermehrt ausbilden â das ist eine ganz wichtige Voraussetzung, damit das Gehirn sich aus einer psychischen Erkrankung heraus wieder erholen kann.
Dauerhafter Stress blockiert genau diesen Mechanismus, weil das Stresshormon Cortisol die Bildung dieser Wachstumsfaktoren hemmt. Sport senkt die Anspannung, senkt die Stresshormone und macht das Gehirn resilienter. FĂŒr Menschen mit ADHS ist das besonders relevant.
Gibt es Sportarten, die fĂŒr ADHS-Betroffene besonders geeignet sind?
Hennings: So genau ist das noch gar nicht untersucht. Es gibt zwar Studien zu verschiedenen Krankheitsbildern, aber nur wenige Studien, die wirklich verschiedene Sportarten miteinander verglichen haben.
Deshalb kann man nicht einfach sagen: Diese eine Sportart ist die beste.
Aber beim ADHS gibt es eine wichtige Regel: Es muss SpaĂ machen. Das ist generell wichtig, wenn man Sport regelmĂ€Ăig machen will. Bei ADHS ist es aber besonders wichtig, weil Frustrationstoleranz ein Thema ist. Wenn etwas keinen SpaĂ macht, wird es frĂŒher oder spĂ€ter nicht mehr gemacht â und dann hat es auch keinen Effekt mehr.
Es gibt aber Hinweise darauf, dass bestimmte Elemente beim Sport gerade fĂŒr ADHS gĂŒnstige Effekte haben. Eine Ausdauerkomponente ist wichtig, eine Kraftsportkomponente ist wichtig â und alles, was Gleichgewicht und Koordination anspricht. TatsĂ€chlich haben ADHS-Betroffene mit Gleichgewicht und Koordination nicht selten ein Thema.
Beim Mountainbiken hat man zum Beispiel Ausdauer, Kraft, Koordination und Gleichgewicht dabei. Beim Klettern ist das Ă€hnlich. Klettern wird von Menschen mit ADHS sehr hĂ€ufig gemocht, weil es stark fokussierend ist. Es ist sehr entlastend, wenn der Kopf mal ruhig ist fĂŒr einen Moment.
Dazu kommt eine Körperwahrnehmungskomponente: Man ist im Hier und Jetzt. Wenn ich an der Wand hĂ€nge, kann ich nicht gleichzeitig an etwas ganz anderes denken. Bei Yoga ist es Ă€hnlich: Wenn ich eine Gleichgewichtspose mache und dabei an die Schwiegermutter denke, komme ich ins Schwanken. Dieses Training, im Moment zu sein und sich auf den Körper zu fokussieren, kann bei ADHS sehr gĂŒnstig sein. Weil schnelle Langeweile ebenfalls ein Thema ist, muss man ĂŒbrigens nicht bei einer Sache bleiben.
Man kann durchaus immer wieder mal was anderes ausprobieren.
Stichwort Dranbleiben: Das kann schwierig sein. Manche kennen aber auch das Gegenteil, dass sie es fast ĂŒbertreiben. Wie findet man MaĂ und Mitte?
Hennings: Wenn es um gĂŒnstige Effekte geht, sind tĂ€gliche 20 Minuten mindestens das, was am besten ist. Das muss nicht kompliziert sein.
Entscheidend ist: Es muss SpaĂ machen und es muss im Alltag leicht umsetzbar sein.
Alles, was aufwendig ist, wird tendenziell nicht so regelmĂ€Ăig gemacht. Das gilt generell, aber bei ADHS vielleicht noch mal mehr. Wenn ich fĂŒr eine Sportart erst irgendwo hingehen muss, Ausstattung brauche oder eine*n Partner*in organisieren muss, ist die HĂŒrde höher.
Deshalb ist bei der Frage, wie man RegelmĂ€Ăigkeit hinbekommt, wichtig: wenig Ausstattung, möglichst kurze Wege, möglichst wenig Planung. Ideal ist es, Sport in eine Routine einzubauen â zum Beispiel zu einer festen Zeit oder auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause. Es klingt banal, aber es hat einen Effekt, wenn ich die Sporttasche am Abend vorher packe und vor die TĂŒr stelle. Sonst denke ich vielleicht: Morgen könnte ich Sport machen. Und dann ist es wieder aus dem Kopf und wird nicht gemacht.
Problematisch kann Sport werden, wenn es vor allem um Kick, Thrill und extreme Reize geht. Alles, was kickt, alles, was mit viel Adrenalin verbunden ist, hat gerade bei ADHS tendenziell ein Suchtpotenzial. Das kann eine Art Selbstmedikation sein: Adrenalin kann kurzfristig dort etwas ausgleichen, wo Dopamin zu wenig ist.
Aber auf Dauer ist zu viel Adrenalin nicht gĂŒnstig, auch fĂŒrs Herz-Kreislauf-System nicht.
Man sieht bei unbehandelten ADHS-Betroffenen hĂ€ufiger sehr kickorientierte oder extreme Sportarten: Bungee-Jumping, Downhill-Mountainbiken, extremes Klettern. Es gibt aber auch Menschen, die sehr exzessiv laufen oder Rad fahren und sich dabei richtig auszehren. Das ist dann manchmal ein Ausdruck davon, wie stark das ADHS ausgeprĂ€gt ist: Wenn sie das nicht machen, halten sie die innere und Ă€uĂere Unruhe kaum aus. Wenn man ADHS leitliniengerecht behandelt, geht dieses exzessive Verhalten oft von allein zurĂŒck.
Zur Person: Privatdozent Johannes Hennings ist Facharzt fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie. Er diagnostiziert und behandelt in seiner Privatpraxis fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie, Supervision und Coaching in MĂŒnchen unter anderem auch ADHS.
Quelle: dpa












