Frau liegt auf dem Sofa und spricht mit Psychotherapeutin© Andrii Zorii / iStock / Getty Images Plus
Auch wenn eine Psychotherapie heilsam ist, kann die Aufarbeitung schmerzhafter Erinnerungen vorübergehend negative Gefühle auslösen.

Mentale Gesundheit

UNERWÜNSCHTE NEBENWIRKUNGEN DER PSYCHOTHERAPIE ERKENNEN

Eine Behandlung gilt als wirksame Methode. Doch wie bei Medikamenten kann es auch Nebenwirkungen in der Psychotherapie geben. Worauf Betroffene achten sollten und wie sie mit negativen Effekten umgehen können, erklären zwei Fachleute.

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„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder in Ihrer Apotheke“ – einen solchen Hinweis gibt es zu fast jedem Medikament. Was vielen aber nicht bewusst ist: Auch wenn die Psychotherapie als wirksame Methode zur Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen gilt, birgt sie Risiken und kann unerwünschte Nebenwirkungen haben. Ausführlich aufgeklärt werden Menschen mit psychischen Erkrankungen aber längst nicht immer. Zwei Experten geben Antworten auf wichtige Fragen zum Thema.

„Eine Psychotherapie ohne Nebenwirkungen kann es nicht geben“, sagt Bernhard Strauß vom Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena. Der Seniorprofessor beschäftigt sich seit langem mit den Ursachen und Auswirkungen, wenn Nebenwirkungen durch eine Psychotherapie auftreten. Denn bei einer solchen Behandlung für psychische Erkrankungen geht es darum, dass die Therapeut*innen gemeinsam mit den Patient*innen über Gespräche etwas Grundlegendes ändern möchten.

Unangenehme Emotionen bei der Behandlung

Kommen bei dieser Form von Aufarbeitung bei den Betroffenen schmerzhafte Erinnerungen hoch oder sind sie etwa mit Ängsten konfrontiert, sind unangenehme Emotionen wie innere Unruhe oder Trauer und Wut wahrscheinlich.

Das kann sich beispielsweise in Weinen oder Verzweifeltsein äußern. „Eine solche Art von Nebenwirkungen ist aber nötig, um das Problem in den Griff zu bekommen und den Weg für dauerhafte Veränderungen freizumachen“, so Strauß. In der Folge ist eine vorübergehende, aber notwendige Verschlechterung der Beschwerden möglich.

Psychische Erkrankungen und Therapie-Effekte

Ja, es gibt auch unerwünschte Nebenwirkungen in der Psychotherapie, wie der Psychiater Professor Michael Linden von der Charité in Berlin sagt. Das Spektrum der möglichen Nebenwirkungen einer Psychotherapie ist relativ breit. Denkbar ist etwa, dass bei Betroffenen zu den bestehenden Beschwerden durch die psychische Erkrankungen neue Symptome hinzukommen. Eine Behandlung kann auch dazu führen, dass sich soziale Beziehungen mit einem Mal verschlechtern.

Linden nennt zwei weitere Beispiele für Nebenwirkungen der Psychotherapie: In einer Sitzung kommt eine vermeintliche Bagatelle mit der Mutter zur Sprache. Nach der Therapiestunde hat der Patient plötzlich ein großes Problem mit der Mutter und bricht den Kontakt mit ihr ab. Auch negative Folgen für das Berufsleben zählen zu den Nebenwirkungen einer Psychotherapie: In einer Therapiestunde erzählt eine Patientin vom Job, der anstrengend ist. Die Therapeutin rät, daran etwas zu ändern, die Patientin missversteht die Äußerung, nimmt sich nun im Beruf stark zurück – und verliert am Ende den Arbeitsplatz.

Kunstfehler und emotionale Abhängigkeit

Unerwünschte Nebenwirkungen der Psychotherapie können aber laut Strauß auch therapeutische Kunstfehler sein. So werden Maßnahmen bezeichnet, die nicht nach Fachstandard oder nicht mit gebotener Sorgfalt durchgeführt wurden, und dadurch zu einem Schaden bei den Betroffenen führen, die wegen psychischer Erkrankungen Hilfe suchen. Denkbar ist etwa, dass die Therapie zu früh endet, dass eine Therapie weitergeführt wird, obwohl das Verhältnis bereits gestört ist oder auch grobes therapeutisches Fehlverhalten wie Übergriffe.

Daneben kann es als eine der Nebenwirkungen in der Psychotherapie auch zu einer starken emotionalen Bindung seitens der Betroffenen gegenüber den Therapeut*innen kommen. Dies kann für Betroffene eine Belastung sein, wenn sie sich abhängig fühlen.

Schwerwiegende und überdauernde Negativentwicklungen finden sich nach vorsichtigen Schätzungen in etwa zehn Prozent aller Fälle, wie Linden sagt. Davon abzugrenzen seien jedoch Folgen von Behandlungsfehlern oder sogar kriminellem Verhalten, wie zum Beispiel sexuelle Übergriffe.

Risiken bei allen Therapieformen möglich

Die Form der Behandlung für psychische Erkrankungen ist dabei in aller Regel nicht entscheidend. Prinzipiell können Strauß zufolge alle Formen von Behandlungen das Risiko für Nebenwirkungen in der Psychotherapie bergen. Linden nennt ein Beispiel: Ein Mann leidet unter Angstattacken und macht eine Verhaltenstherapie. Zu der Behandlung gehört, dass der Patient unter therapeutischer Begleitung Situationen ausgesetzt wird, die Angst auslösen.

Ist eine solche Exposition schlecht vorbereitet oder ist der Patient der Situation zu unvermittelt ausgesetzt, ist eine Re-Traumatisierung nicht ausgeschlossen – und in der Folge geht es dem Mann schlechter. Wer unerwünschte Nebenwirkungen der Psychotherapie bemerkt, sollte das Gespräch mit dem der der Therapeut*in suchen. „Es ist wichtig, die festgestellten Veränderungen offen anzusprechen“, sagt Michael Linden. Womöglich ist es erforderlich, den therapeutischen Ansatz anzupassen.

Strategien für den Umgang mit Problemen

Wichtig ist auch ein offener Austausch mit den Behandelnden, wenn Nebenwirkungen der Psychotherapie auftreten. Eine Option kann sein, gemeinsam mit den Therapeut*innen Bewältigungsstrategien und Techniken zu erarbeiten, wie man außerhalb von Sitzungen mit solchen Effekten umgehen kann. Dies betrifft etwa innere Unruhe oder Wut, die häufig bei der Behandlung für psychische Erkrankungen ausgelöst werden.

„Hilft das nicht weiter, kann es sinnvoll sein, eine Zweitmeinung einzuholen“,

sagt Linden. Wer die Behandlung dauerhaft eher be- als entlastend empfindet und stark unter den Nebenwirkungen der Psychotherapie leidet, sollte einen Therapeut*innenwechsel in Erwägung ziehen.

Quelle: dpa

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