Mikroskopische Aufnahme der quergestreiften Muskulatur© Sinhyu/iStock/Getty Images Plus
Dass die quergestreifte Muskulatur sich unter Statinen auflöst, ist Ă€ußerst selten. Dass die quergestreifte Muskulatur sich unter Statinen auflöst, ist Ă€ußerst selten.

Atorvastatin

STATINE: MUSKELSCHMERZEN DURCH UNKONTROLLIERTEN CALCIUMEINSTROM

Denken Sie bei der Abgabe von Statinen an Muskelschmerzen? Die Lipidsenker sind durch die Nebenwirkung, die jedoch nur bei manchen auftritt, ein StĂŒck weit in Verruf geraten. Kanadische Forschende scheinen nun den Mechanismus dahinter entschlĂŒsselt zu haben.

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Immer mehr Menschen sind auf lipidsenkende Medikamente angewiesen. Doch auch Bedenken werden geĂ€ußert: Lösen Statine nicht Muskelschmerzen aus? Ist das gefĂ€hrlich? Wann und wie oft bei der Einnahme von Statinen Muskelschmerzen auftreten, ist von einigen Faktoren abhĂ€ngig. Etwa vom Wirkstoff, von der Dosierung und wie lange sie eingenommen werden, aber auch vom Geschlecht, von Begleiterkrankungen und dem Lebensalter.

Die gefĂŒrchtete Komplikation der Rhabdomyolyse, wenn sich die quergestreifte Muskulatur auflöst, tritt nur sehr selten auf, zeigt jedoch schwerwiegende Folgen. Wie eine Myopathie, also der Muskelschmerz durch Statine ausgelöst wird, wusste bislang niemand so genau. Nun gibt es neue Erkenntnisse zu der Nebenwirkung von Atorvastatin.

Atorvastatin: Nebenwirkung direkt am Muskel

Das Zieltarget der Statine ist die HMG-CoA-Reduktase, ein SchlĂŒsselenzym der Cholesterolbiosynthese. Durch diese Interaktion lösen Statine keine Muskelschmerzen aus. Doch scheint das nicht die einzige Körperstruktur zu sein, die Statine beeinflussen.

Ein Team um Dr. Steven Molinarolo von der University of British Columbia in Vancouver konnte in einer speziellen mikroskopischen Untersuchung an Kaninchenmuskeln feststellen, dass Atorvastatin direkt am Muskel angreift.

Mechanismus Muskelschmerzen durch Statine

Und so löst Atorvastatin die Nebenwirkung aus: Es bindet am Ionenkanal RyR1 im sarkoplasmatischen Retikulum der Muskelzelle, öffnet ihn und lĂ€sst so Calcium einströmen – der Muskel zieht sich zusammen. Ein ansonsten natĂŒrlicher Vorgang, der die FunktionalitĂ€t unserer Muskeln bestimmt. Doch bindet Atorvastatin an den Ionenkanal, docken noch andere FolgemolekĂŒle an, verkeilen sich und der Kanal kann sich nicht mehr schließen.

Dadurch kommt es zu einem unregulierten, dauerhaften Calcium-Einstrom in die Zelle. Der Muskel krampft und schmerzt. Und Betroffene spĂŒren diese Nebenwirkung von Atorvastatin als Myopathie.

Myopathie und Chemie

Statine lösen Muskelschmerzen aufgrund ihrer MolekĂŒlstruktur aus. Die kanadischen Forschenden stellten bei ihren Untersuchungen fest, dass Atorvastatin an den Rezeptor mit anderen funktionellen Gruppen dockt als an sein eigentliches Target, die HMG-CoA-Reduktase. Das hieße, man könne das MolekĂŒl chemisch umbauen, sodass es nicht mehr mit dem Rezeptor interagieren kann und so das Nebenwirkungs-Profil von Atorvastatin verbessern.

Gleichzeitig kann es aber noch seine cholesterinsenkende Wirkung am Zieltarget ausĂŒben. So wĂŒrden Statine keine Muskelschmerzen mehr auslösen, aber noch regulierend auf den Lipidstoffwechsel wirken.

Wie ist es bei den anderen Statinen?

Doch nicht nur Atorvastatin zeigt diese Nebenwirkung. Weitere Studien legen sogar einen Klasseneffekt der Statine fĂŒr Muskelschmerzen nahe: Auch Simvastatin, Pravastatin, Fluvastatin und Rosuvastatin waren in frĂŒheren Beobachtungen in der Lage, skelettale RyR1-Rezeptoren zu aktivieren.

Cerivastatin, das wegen seines Nebenwirkungsprofils bereits 2001 vom Markt genommen wurde, reagierte am stĂ€rksten mit dem Rezeptor. Es löste nicht nur eine Myopathie, sondern sogar eine lebensbedrohliche Rhabdomyolyse aus.

Mutation bestimmt ĂŒber Ausmaß der Beschwerden
Der entdeckte Mechanismus erklĂ€rt zwar die Entstehung von Muskelschmerzen unter Statinen, doch warum treten dann nicht bei allen Menschen Nebenwirkungen bei Atorvastatin auf? Einige Fallstudien weisen darauf hin, dass bei Betroffenen mit Myopathie eine bestimmte Mutation am RyR1-Ionenkanal vorliegt. Sie reagierten besonders anfĂ€llig mit Muskelschmerzen auf Statine.

Muskelschmerzen unter Statinen vorbeugen?

Rund um das Thema Muskelschmerzen und Statine findet viel Forschung statt. Eine bekannte Untersuchung aus dem Jahr 2020 an der CharitĂ© in Berlin sorgte dabei fĂŒr Aufsehen: Das Forschungsteam unter Leitung von Dr. Anke Grunwald zeigte, dass Simvastatin und Rosuvastatin die Produktion von 900 Proteinen beeinflussen und damit auch unter anderem die Eicosanoid-Synthese beeintrĂ€chtigen.

Gab man Betroffenen spezifische Eicosanoide, konnte die Statin-induzierte Myopathie teilweise wieder umgekehrt werden. Daher die Zusatzempfehlung, zur Statintherapie Omega-FettsÀuren zu supplementieren, um das Risiko von Muskelschmerzen durch Statine zu minimieren.

Statine: Dirty Drugs oder essenzielle Therapieoption?

Statine scheinen demnach deutlich mehr Strukturen im Körper zu beeinflussen als die HMG-CoA-Reduktase, wenn auch nicht fĂŒr alle Substanzen eindeutig geklĂ€rt ist, wie es bei Statinen zu Muskelschmerzen kommen kann. Das Wissen ĂŒber den Mechanismus der Nebenwirkung von Atorvastatin kann jedoch die Arzneimitteltherapiesicherheit der Statine vorantreiben.

Dennoch handelt es sich unabhÀngig von möglichen Muskelschmerzen bei Statinen um unverzichtbare, essenzielle Therapiebausteine zur Regulation eines gestörten Lipidstoffwechsels. Ihre konsequente Einnahme kann verhindern, dass schwere Folgeerkrankungen entstehen.

Die echte Statin-UnvertrĂ€glichkeit ist selten. FĂŒr Betroffene mit Myopathie stehen alternative Therapieoptionen zur VerfĂŒgung.

Quellen:
Molinarolo, S., Valdivia, C.R., Valdivia, H.H. et al.: „Cryo-electron microscopy reveals sequential binding and activation of Ryanodine Receptors by statin triplets”, Nature Communications, 20. November 2025. https://doi.org/10.1038/s41467-025-66522-0
Grunwald, S.A., Popp, O., Haafke, S. et al.: „Statin-induced myopathic changes in primary human muscle cells and reversal by a prostaglandin F2 alpha analogue”, Scientific Reports, 7. Februar 2020. https://doi.org/10.1038/s41598-020-58668-2
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausloeser-fuer-muskelschmerzen-identifiziert-161767/

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