zwei Pfleger versorgen Patienten in Krankenhausbett © sudok1 / iStock / Getty Images Plus
Seit der Cannabis-Legalisierung mĂŒssen mehr Menschen wegen Vergiftungen und Psychosen im Krankenhaus behandelt werden.

Anstieg

ÖFTER INS KRANKENHAUS WEGEN CANNABIS: DIE FOLGEN

Die Teil-Freigabe hat Folgen: Seit der GesetzesĂ€nderung mĂŒssen mehr Menschen ins Krankenhaus wegen Cannabis. Die Zahl der Vergiftungen und Psychosen steigt. Forscher*innen vermuten, dass hochpotentes medizinisches Cannabis aus Online-Apotheken schuld ist.

Seite 1/1 3 Minuten

Seite 1/1 3 Minuten

Nachdem Cannabis vor zwei Jahren fĂŒr Erwachsene freigeben wurde, kamen mehr Menschen ins Krankenhaus wegen der Droge. Infolge der Legalisierung habe es sowohl mehr akute Vergiftungen gegeben als auch mehr durch Cannabis ausgelöste Psychosen, schreiben Wissenschaftler*innen aus Hamburg und Leipzig im Fachjournal „Deutsches Ärzteblatt International“. Der Anstieg der Einweisungen ins Krankenhaus wegen Cannabis sei jedoch „moderat“ und liege im einstelligen Prozentbereich.

Die Forscher*innen diskutieren zwei mögliche GrĂŒnde dafĂŒr, dass BĂŒrger*innen hĂ€ufiger ins Krankenhaus wegen Cannabis mĂŒssen. „Erstens ist es denkbar, dass sich infolge der Legalisierung mehr Menschen dazu entschlossen haben Cannabis zu probieren.“ Allerdings gebe es genau dafĂŒr kaum Belege in der Wissenschaft, und auch Umfragen zeigten das nicht.

Mehr Konsum oder mehr besonders potentes Cannabis?

Den zweiten möglichen Grund fĂŒr den Anstieg der Einweisungen ins Krankenhaus wegen Cannabis halten die Wissenschaftler*innen fĂŒr wahrscheinlicher: Dass mehr Konsument*innen auf hochpotentes medizinisches Cannabis umgestiegen sind. Das Medizinalcannabis aus Online-Apotheken sei „auch fĂŒr den nichtmedizinischen Gebrauch leicht erhĂ€ltlich“. Die Konzentration von THC, also dem Wirkstoff der Hanfpflanze, der fĂŒr ihre berauschende Wirkung verantwortlich ist, sei bei Cannabis auf Rezept viel höher. Sie liege im Schnitt bei 24 Prozent im Vergleich zu durchschnittlich 15 Prozent bei Cannabis im Straßenhandel.

„Da der Konsum von Cannabis mit mehr als 10 oder 15 Prozent THC mit einem erhöhten Risiko fĂŒr psychische Probleme verbunden ist, kann der Umstieg auf Medizinalcannabis selbst fĂŒr erfahrene Konsumierende ein Risiko darstellen“,

heißt es in der Studie. Seit 2024 dĂŒrfen Erwachsene in Deutschland die Pflanze legal besitzen und anbauen. Cannabis wurde im Zuge der Legalisierung auch aus dem BetĂ€ubungsmittelgesetz gestrichen, wodurch es Ärzt*innen deutlich leichter fĂ€llt, es zu verschreiben.

Moderater Anstieg mit immensen Konsequenzen

FĂŒr die Untersuchung analysierten die Fachleute um Jakob Manthey vom UniversitĂ€tsklinikum Hamburg-Eppendorf und UniversitĂ€tsklinikum Leipzig Daten von mehr als 70000 Krankenhausaufnahmen. Im Jahr nach dem Inkrafttreten der Cannabis-Legalisierung wurden demnach 1395 mehr erwachsene Menschen ins Krankenhaus eingewiesen. Das seien 7 Prozent mehr als in einem Szenario ohne Freigabe, schreiben die Forscher*innen. Bei Jugendlichen waren es demnach 91 zusĂ€tzliche FĂ€lle innerhalb eines Jahres, die wegen Cannabis ins Krankenhaus mussten, das seien 3,9 Prozent mehr.

Die Befunde ließen aufhorchen, meint der Psychiater Alkomiet Hasan von der UniversitĂ€t Augsburg, der nicht an der Studie beteiligt war. „Selbst ein moderater Anstieg, wie hier beschrieben, hat immense gesellschaftliche Konsequenzen.“

Über die Jahre hinweg könnten einige der FĂ€lle, die zunĂ€chst nur ins Krankenhaus fĂŒhrten, in eine schwere psychische Erkrankung wegen Cannabis ĂŒbergehen, etwa Schizophrenie oder Suizide. „Das ist relevant.“

Gefahr von Psychosen durch den Cannabiskonsum

Wissenschaftler*innen hatten schon vor der Cannabis-Legalisierung davor gewarnt, dass die Zahl der Psychosen steigen könne. „Wer an Psychosen leidet, hört oft Stimmen oder hat Wahngedanken“, hatte Stefan Gutwinski, Oberarzt an der Klinik fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner CharitĂ©, erklĂ€rt. „In der Regel sind diese Symptome sehr angstmachend.“

In der aktuellen Studie erklĂ€ren die Autor*innen, dass es mehrere Faktoren geben könnte, die ihre Daten verzerren. Zum Beispiel könnten Ärzt*innen in den Kliniken hĂ€ufiger danach fragen, ob jemand konsumiert hat, und daraufhin die Diagnose stellen. Vielleicht suchten Menschen auch hĂ€ufiger Hilfe und gingen ins Krankenhaus, da sie nicht mehr befĂŒrchten mĂŒssten, wegen Cannabis stigmatisiert zu werden.

Forderung nach strengeren gesetzlichen Regeln

„Selbst wenn wir diese in Betracht ziehen, kann dieser Sachverhalt nicht den gesamten Umfang der Zunahme erklĂ€ren“, meint Hasan mit Blick auf die hĂ€ufigeren Krankenhaus-Aufnahmen. Er hĂ€lt den Zusammenhang mit medizinischem Cannabis fĂŒr plausibel und fordert, aus der Nutzung von Medizinalcannabis fĂŒr Freizeitzwecke nun die richtigen SchlĂŒsse zu ziehen, um die Krankenhaus-Aufenthalte zu senken.

Eine im April veröffentlichte Evaluation zu den Folgen der Legalisierung kam zu dem Schluss, dass es in Deutschland „den grĂ¶ĂŸten prinzipiell legal-kommerziellen Markt“ fĂŒr medizinisches Cannabis in Europa gibt.

2025 seien 200 Tonnen legal-kommerziell eingefĂŒhrt worden. Im Vergleich zu 2024 sei das ein Einfuhrplus von 198 Prozent. Mittlerweile hat das Bundeskabinett strengere gesetzliche Regeln fĂŒr den Zugang zu medizinischem Cannabis auf den Weg gebracht, um die negativen Folgen wie die Krankenhaus-Einweisungen zu reduzieren.

Quelle: dpa

×