Frau checkt Fitness-App auf Handy und Smartwatch © AndreyPopov / iStock / Getty Images Plus
Schritte zĂ€hlen, Schlafindex checken: Selbstoptimierung kann motivieren – oder in stĂ€ndigen Leistungsdruck umschlagen.

Leistungsdruck

SELBSTOPTIMIERUNG: WANN PERFEKTIONISMUS KRANK MACHT

Selbstoptimierung kann motivieren – oder krank machen. Wann aus gesundem Ehrgeiz ein schĂ€dlicher Perfektionismus wird, wer besonders gefĂ€hrdet ist und mit welchen Tipps Sie Ihre Kund*innen aus der Spirale aus Leistungsdruck, Stress und Erschöpfung begleiten.

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GesĂŒnder leben, produktiver arbeiten, glĂŒcklicher sein: Eigentlich spricht nichts dagegen, an sich zu arbeiten. Doch viele Menschen setzen sich in Sachen Selbstoptimierung enorm unter Druck. Statt einfach eine Runde joggen zu gehen, geht es gleich um den perfekten Trainingsplan fĂŒr einen Halbmarathon – mit optimalem Schuh, genĂŒgend „Carbs“ pro Einheit und einem ausgeklĂŒgelten Regenerationsprogramm. Auch der Schlafindex muss schließlich optimiert werden.

Statt schlicht auf eine ausgewogene ErnĂ€hrung zu achten, muss alles „High-Protein“ sein, werden Makros getracked und MikronĂ€hrstoffe per Supplement zugefĂŒhrt. An solchen Beispielen zeigt sich schnell: Der Drang nach Verbesserung kann in stĂ€ndigen Leistungsdruck umschlagen. Selbstoptimierung wird so vom Ziel zum Zwang, mögliche Folgen sind Stress, Erschöpfung und ein permanentes GefĂŒhl des Nicht-genug-Seins. Wie Ihre Kund*innen da wieder herausfinden, erfahren Sie hier.

Perfektionismus: Wann Selbstoptimierung schadet

„Im Prinzip ist der Hang zum Perfektionismus immer problematisch“, sagt Nathalie Claus, Psychologische Psychotherapeutin am Institut fĂŒr Psychologie der UniversitĂ€t Bremen. Ungesund wird die Selbstoptimierung ihr zufolge vor allem, wenn man

  • sich unrealistische Ziele setzt, zum Beispiel „Ich darf keine Fehler machen“.
  • unflexibel mit Zielen und Standards umgeht. Etwa: Die Wohnung muss auch dann akribisch saubergemacht werden, wenn man nach einem langen Arbeitstag mĂŒde nach Hause kommt.
  • den Selbstwert mit den eigenen Standards verknĂŒpft. Jemand wertet sich selbst ab und bezeichnet sich innerlich etwa als „Versager“, wenn er oder sie eigene Standards nicht einhĂ€lt.

„Selbstoptimierung wird dann zum Problem, wenn das eigene Handeln einen leiden lĂ€sst“, sagt Sarah Pritz, Kultursoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der TU Berlin. Statt das Wohlbefinden zu steigern, sind Betroffene in stĂ€ndigem schĂ€dlichem Stress, emotional und physisch erschöpft oder dauerhaft unzufrieden. Das kann sich etwa auch in Depressionen oder Schlafstörungen Ă€ußern. Ein Selbstoptimierungswahn durch ĂŒberzogenen Perfektionismus ist aber keine medizinische Diagnose.

Perfektionismus oder gesunde Weiterentwicklung?

Wo endet die gesunde Weiterentwicklung, wo beginnt eine Selbstoptimierung, die schadet? Der Unterschied zwischen gesunder Weiterentwicklung und Selbstoptimierungswahn sei oft nicht einfach auszumachen, so Nathalie Claus. Gesunde Weiterentwicklung geht mit SelbstfĂŒrsorge einher: Man möchte etwas an sich zum Positiven verĂ€ndern. „Das ist nicht weiter problematisch, solange man bei der Weiterentwicklung flexibel bleibt, sich also auch mal eingesteht, dass es an dem ein oder anderen Tag nicht so gut passt, sich selbst zu optimieren und perfekt zu sein“, sagt die Psychologische Psychotherapeutin.

Ein mögliches Warnsignal fĂŒr einen krankhaften Perfektionismus könne sein, dass Betroffene bestimmte BedĂŒrfnisse – etwa soziale Kontakte – vernachlĂ€ssigen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und ĂŒber ihre Grenzen gehen, so Claus. Wer soziale Kontakte fĂŒr die Selbstoptimierung streicht, hat die flexible Haltung also bereits verloren.

Selbstoptimierung: Wer besonders betroffen ist

„Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene sind von Selbstoptimierung betroffen“, sagt Soziologin Sarah Pritz. Sie sind hĂ€ufig auf Social Media unterwegs und vergleichen sich dort stĂ€ndig. Auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat sind Idealbilder eher die Norm als die Ausnahme: Frauen und MĂ€nner, die etwa durchtrainiert, schlank und faltenfrei sind, scheinbar keinerlei Ă€ußerlichen Makel haben und ihr Leben stets im Griff haben. Das kann User*innen dazu animieren, dem auf ungesunde und unrealistische Weise nachzueifern – Perfektionismus wird dann zum Maßstab.

Von ĂŒberzogener Selbstoptimierung sind laut Pritz oft auch leistungsorientierte Menschen betroffen. Denn hĂ€ufig definieren sie ihren Selbstwert an messbaren Resultaten. Auch Studierende trifft es der Soziologin zufolge vergleichsweise hĂ€ufig. Durch permanente Leistungssteigerung versuchen sie, dem hohen Wettbewerbsdruck und den Erwartungen in einer leistungsorientierten Gesellschaft gerecht zu werden.

Der Ausstieg aus dem Drang, sich stĂ€ndig selbst zu optimieren, fĂ€llt auch deshalb so schwer, weil er vor allem mit gesellschaftlichem Druck zusammenhĂ€ngt, sagt Claus. Es gelte der Grundsatz: „Du musst leisten, sonst bist du eine Last fĂŒr die Gesellschaft.“ Daher strebten viele nach Perfektion, um ein gutes SelbstwertgefĂŒhl zu haben. Auch die Angst vor dem Scheitern trĂ€gt dazu bei, dass viele glauben, stĂ€ndig und immer das Allerbeste aus sich herausholen zu mĂŒssen.

Perfektionismus ablegen: Tipps fĂŒr die Beratung

Dennoch kann der Ausstieg aus der steten Spirale der Selbstoptimierung gelingen. Pritz rĂ€t, bestimmte gesellschaftliche Normen zu hinterfragen. Raten Sie Ihren Kund*innen, auszuloten, ob es fĂŒr sie wirklich erstrebenswert ist, ihre vermeintlichen Ideale zu erreichen. „Erstrebenswerter ist es, sich mitunter die Freiheit zu bewahren, den stĂ€ndigen Leistungsdruck durch Selbstakzeptanz zu ersetzen“, so Pritz.

Wer den Perfektionismus ablegen will, sollte laut Claus außerdem herausfinden, was an ihm abseits von Leistung liebenswert ist – und sich dies auch bewusst machen. Diese weiteren Tipps können Sie Ihren Kund*innen mit auf den Weg geben:

  • Gelassenheit statt Perfektionismus: Nicht den Anspruch haben, alles perfekt machen zu mĂŒssen. „Es kann gut werden, aber es muss nicht immer alles im Superlativ sein“, sagt Pritz.
  • Auf Leistungs-Apps verzichten: Fitness- oder ProduktivitĂ€ts-Apps auf dem Smartphone, die Leistungen messen und VerbesserungsvorschlĂ€ge machen, sollten gelöscht werden. Stattdessen gilt es, die eigene LeistungsfĂ€higkeit zu akzeptieren und bewusst auf den Körper und seine BedĂŒrfnisse zu achten.
  • Über Leistungsdruck austauschen: „Wichtig ist auch, in grĂ¶ĂŸeren Gruppen wie im Familien- und im Freundeskreis ĂŒber ĂŒbertriebenen Leistungsdruck und Selbstoptimierungswahn sowie die negativen Folgen zu sprechen“, so Pritz. Denn das kann einen darin bestĂ€rken, einen besseren Umgang mit sich selbst zu finden.

So begleiten Sie Ihre Kund*innen dabei, Selbstoptimierung und Perfektionismus realistisch einzuordnen – und dem Leistungsdruck Selbstakzeptanz entgegenzusetzen.

Quelle: dpa

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