Fitnesswahn
MUSKELDYSMORPHIE: WENN TRAINING ZUM ZWANG WIRD
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Wer regelmĂ€Ăig Sport treibt, tut etwas fĂŒr seine Gesundheit. Doch bei manchen Menschen kippt der Wunsch nach einem muskulösen Körper durch stĂ€ndiges Training in eine ernsthafte psychische Störung um â die sogenannte Muskeldysmorphie. Betroffen von dieser Muskelsucht sind vorwiegend MĂ€nner.
Sie nehmen ihren Körper verzerrt wahr und empfinden sich auch dann noch als zu schmÀchtig, wenn sie eigentlich durchtrainiert sind. So werden sie regelrecht zu Gefangenen ihres eigenen Trainingsalltags. Aber woran erkennt man eine Muskeldysmorphie?
Muskelsucht: Gestörte Wahrnehmung und innerer Zwang
Ein zentrales Merkmal der Muskeldysmorphie â umgangssprachlich oft als Muskelsucht bezeichnet oder Adonis-Komplex genannt â ist eine gestörte Körperwahrnehmung. âEs gibt eine Art Körperbild-Verzerrungâ, erklĂ€rt Roberto Olivardia, klinischer Psychologe am McLean Hospital und Dozent an der Harvard Medical School. Wie er im Podcast âSpeaking of Psychologyâ (Episode 388) der American Psychological Association (APA) weiter erklĂ€rt, wĂŒrden Menschen mit Muskeldysmorphie sich nicht so sehen, wie andere sie sehen.
Ein weiteres Signal fĂŒr die Muskelsucht: Der Gang ins Fitnessstudio hat nichts mehr mit Motivation oder Freude am Sport zu tun, sondern geschieht aus einem inneren Zwang. âViele der MĂ€nner, mit denen ich wegen Muskeldysmorphie arbeite, hassen es, ins Fitnessstudio zu gehenâ, sagt Olivardia im Podcast. Kein Training absolvieren zu können, kann bei Betroffenen jedoch schwere psychische Krisen auslösen.
Training im Fokus: Wenn sich das ganze Leben darum dreht
Eng damit zusammen hĂ€ngt die gedankliche Fixierung auf das eigene Erscheinungsbild. Das Thema Muskelaufbau und Sport nimmt unverhĂ€ltnismĂ€Ăig viel Raum im Alltag ein. Die Muskeldysmorphie beginnt, alle anderen Lebensbereiche zu verdrĂ€ngen. Olivardia berichtet im Podcast von Patient*innen, die wegen exzessiven Trainings ihren Job verloren haben, weil sie zu spĂ€t zur Arbeit erschienen oder frĂŒher gehen mussten.
Auch Beziehungen kann das obsessive Denken negativ beeinflussen. âBei der Muskeldysmorphie gibt es sehr viel obsessives Denken und viele Zwangshandlungenâ, beschreibt der Experte. Dazu gehören ein exzessives Training, stĂ€ndiges PrĂŒfen des Spiegelbilds, Messen, Wiegen oder das Abmessen des Körperfetts. Besonders gefĂ€hrlich wird die Muskelsucht, wenn Betroffene zu schĂ€dlichen Mitteln wie anabolen Steroiden greifen.
Sport und Psyche: Wie die Behandlung aussehen kann
Deshalb gilt auch: Eine Muskelsucht sollte man nicht vorschnell als âFitness-Tickâ abtun, der sich von selbst wieder legt, so das Bundesinstitut fĂŒr Ăffentliche Gesundheit (BIĂG). HĂ€lt das auffĂ€llige Verhalten rund um den Sport und die ErnĂ€hrung lĂ€nger an und beeintrĂ€chtigt den Alltag stark, sei die Muskeldysmorphie eine ernstzunehmende Krankheit.
Diese muss dringend professionell behandelt werden.
Zentral bei einer Muskeldysmorphie ist in der Regel eine Psychotherapie. Olivardia zufolge sind dabei mehrere Bausteine wie Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie sowie AnsÀtze aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) sinnvoll. ErgÀnzend können bei einer Muskelsucht ErnÀhrungsberatung, Medikamente bei begleitenden Depressionen sowie Paar- oder Familientherapie helfen, ein gesundes Maà an Sport zu finden.
Worauf Eltern beim Training ihrer Kinder achten sollten
Da die Muskeldysmorphie zunehmend junge MĂ€nner und Heranwachsende betrifft, sollten auch Eltern im Bild ĂŒber das Problem sein. Eine groĂe Rolle spielen etwa die Sozialen Medien und die Körperbilder, mit denen Jugendliche dort rund um das Thema Sport konfrontiert sind. Eltern sollten Olivardia zufolge wissen, wem ihr Kind folgt. Statt aber zweifelhafte Influencer*innen sofort zu verbieten, empfiehlt er das offene GesprĂ€ch.
Zudem können Eltern verstĂ€rkt auf konkrete Warnzeichen im Verhalten und bei der ErnĂ€hrung achten. Dazu gehören unter anderem intensiv negative Kommentare ĂŒber den eigenen Körper, eine stark eingeschrĂ€nkte ErnĂ€hrung oder sozialer RĂŒckzug.
Wichtig: Nicht jedes dieser Zeichen ist fĂŒr sich allein ein Alarm fĂŒr eine Muskeldysmorphie, da in der PubertĂ€t ein gewisses Körperbewusstsein normal ist. Aber HĂ€ufigkeit, IntensitĂ€t und die zunehmende Einengung des Lebens durch das Training sind entscheidende Signale.
Quelle: dpa












