Trainierter Mann mit Langhantel auf den Schultern blickt in Spiegel© PeopleImages / iStock / Getty Images Plus
Ein kritischer Blick in den Spiegel: Menschen mit Muskeldysmorphie nehmen ihren Körper oft verzerrt wahr und empfinden sich trotz harten Trainings als zu schmÀchtig.

Fitnesswahn

MUSKELDYSMORPHIE: WENN TRAINING ZUM ZWANG WIRD

Wenn der Blick in den Spiegel zur Qual und Sport zum inneren Zwang wird, kann eine Muskeldysmorphie vorliegen. Erfahren Sie, warum die Muskelsucht mehr als nur ein harmloser Fitnesswahn ist und wie das exzessive Training Beziehungen sowie den Job ruinieren kann.

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Wer regelmĂ€ĂŸig Sport treibt, tut etwas fĂŒr seine Gesundheit. Doch bei manchen Menschen kippt der Wunsch nach einem muskulösen Körper durch stĂ€ndiges Training in eine ernsthafte psychische Störung um – die sogenannte Muskeldysmorphie. Betroffen von dieser Muskelsucht sind vorwiegend MĂ€nner.

Sie nehmen ihren Körper verzerrt wahr und empfinden sich auch dann noch als zu schmÀchtig, wenn sie eigentlich durchtrainiert sind. So werden sie regelrecht zu Gefangenen ihres eigenen Trainingsalltags. Aber woran erkennt man eine Muskeldysmorphie?

Muskelsucht: Gestörte Wahrnehmung und innerer Zwang

Ein zentrales Merkmal der Muskeldysmorphie – umgangssprachlich oft als Muskelsucht bezeichnet oder Adonis-Komplex genannt – ist eine gestörte Körperwahrnehmung. „Es gibt eine Art Körperbild-Verzerrung“, erklĂ€rt Roberto Olivardia, klinischer Psychologe am McLean Hospital und Dozent an der Harvard Medical School. Wie er im Podcast „Speaking of Psychology“ (Episode 388) der American Psychological Association (APA) weiter erklĂ€rt, wĂŒrden Menschen mit Muskeldysmorphie sich nicht so sehen, wie andere sie sehen.

Ein weiteres Signal fĂŒr die Muskelsucht: Der Gang ins Fitnessstudio hat nichts mehr mit Motivation oder Freude am Sport zu tun, sondern geschieht aus einem inneren Zwang. „Viele der MĂ€nner, mit denen ich wegen Muskeldysmorphie arbeite, hassen es, ins Fitnessstudio zu gehen“, sagt Olivardia im Podcast. Kein Training absolvieren zu können, kann bei Betroffenen jedoch schwere psychische Krisen auslösen.

Training im Fokus: Wenn sich das ganze Leben darum dreht

Eng damit zusammen hĂ€ngt die gedankliche Fixierung auf das eigene Erscheinungsbild. Das Thema Muskelaufbau und Sport nimmt unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig viel Raum im Alltag ein. Die Muskeldysmorphie beginnt, alle anderen Lebensbereiche zu verdrĂ€ngen. Olivardia berichtet im Podcast von Patient*innen, die wegen exzessiven Trainings ihren Job verloren haben, weil sie zu spĂ€t zur Arbeit erschienen oder frĂŒher gehen mussten.

Auch Beziehungen kann das obsessive Denken negativ beeinflussen. „Bei der Muskeldysmorphie gibt es sehr viel obsessives Denken und viele Zwangshandlungen“, beschreibt der Experte. Dazu gehören ein exzessives Training, stĂ€ndiges PrĂŒfen des Spiegelbilds, Messen, Wiegen oder das Abmessen des Körperfetts. Besonders gefĂ€hrlich wird die Muskelsucht, wenn Betroffene zu schĂ€dlichen Mitteln wie anabolen Steroiden greifen.

Sport und Psyche: Wie die Behandlung aussehen kann

Deshalb gilt auch: Eine Muskelsucht sollte man nicht vorschnell als „Fitness-Tick“ abtun, der sich von selbst wieder legt, so das Bundesinstitut fĂŒr Öffentliche Gesundheit (BIÖG). HĂ€lt das auffĂ€llige Verhalten rund um den Sport und die ErnĂ€hrung lĂ€nger an und beeintrĂ€chtigt den Alltag stark, sei die Muskeldysmorphie eine ernstzunehmende Krankheit.

Diese muss dringend professionell behandelt werden.

Zentral bei einer Muskeldysmorphie ist in der Regel eine Psychotherapie. Olivardia zufolge sind dabei mehrere Bausteine wie Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie sowie AnsĂ€tze aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) sinnvoll. ErgĂ€nzend können bei einer Muskelsucht ErnĂ€hrungsberatung, Medikamente bei begleitenden Depressionen sowie Paar- oder Familientherapie helfen, ein gesundes Maß an Sport zu finden.

Worauf Eltern beim Training ihrer Kinder achten sollten

Da die Muskeldysmorphie zunehmend junge MĂ€nner und Heranwachsende betrifft, sollten auch Eltern im Bild ĂŒber das Problem sein. Eine große Rolle spielen etwa die Sozialen Medien und die Körperbilder, mit denen Jugendliche dort rund um das Thema Sport konfrontiert sind. Eltern sollten Olivardia zufolge wissen, wem ihr Kind folgt. Statt aber zweifelhafte Influencer*innen sofort zu verbieten, empfiehlt er das offene GesprĂ€ch.

Zudem können Eltern verstĂ€rkt auf konkrete Warnzeichen im Verhalten und bei der ErnĂ€hrung achten. Dazu gehören unter anderem intensiv negative Kommentare ĂŒber den eigenen Körper, eine stark eingeschrĂ€nkte ErnĂ€hrung oder sozialer RĂŒckzug.

Wichtig: Nicht jedes dieser Zeichen ist fĂŒr sich allein ein Alarm fĂŒr eine Muskeldysmorphie, da in der PubertĂ€t ein gewisses Körperbewusstsein normal ist. Aber HĂ€ufigkeit, IntensitĂ€t und die zunehmende Einengung des Lebens durch das Training sind entscheidende Signale.

Quelle: dpa

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