Eine Frau hält in der einen Hand einen Block, mit der anderen hält sie sich einen Stift an den Mundwirkel, sie grübelt grinsend.© Deagreez/iStock/Getty Images Plus
Mit einer Liste in der Hand sieht man gleich viel beschäftigter aus – aber warum wollen oder müssen wir überhaupt produktiv aussehen?

Beschäftigt tun

VORGETÄUSCHTE PRODUKTIVITÄT: WARUM SIE ENTSTEHT – UND WAS WIRKLICH HILFT

Vorgetäuschte Produktivität ist im Job weit verbreitet – oft getrieben durch eine problematische Arbeitskultur. Warum das Verhalten langfristig schadet und wie mehr Authentizität bei der Arbeit gelingen kann.

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Busy statt produktiv: Was hilft, wenn der Job zur Show wird? Viele tun im Job vor allem eines: so, als ob. Sie simulieren Stress, verschicken spät Nachrichten ohne Sinn und machen Überstunden, die niemand braucht.

Spät noch eine Mail schicken, obwohl es nichts Dringendes gibt. Auf der Teamsitzung viel reden, ohne wirklich etwas beizutragen. Länger bleiben, obwohl die Aufgaben längst erledigt sind. Vorgetäuschte Produktivität ist im Arbeitsalltag laut einer Umfrage im Auftrag des Jobportals Indeed weit verbreitet. Woran das liegt – und wie man aus der vorgetäuschten Produktivität herauskommt.

Zwei Drittel der 1000 hybrid arbeitenden Beschäftigten gaben in der Umfrage an, in den vergangenen zwölf Monaten Maßnahmen ergriffen zu haben, um produktiver oder engagierter zu wirken, als sie tatsächlich waren.

Arbeitskultur: Treiber der vorgetäuschten Produktivität

Aber warum machen wir das eigentlich? Wer so tut, als wäre er ständig beschäftigt, handelt aus Sicht der Forschung nicht irrational – im Gegenteil. „Dieses Verhalten sagt genauso viel über die Beschäftigten selbst wie auch über ihr Unternehmen aus“, sagt Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig.

Die Ursache liegt nicht allein beim Einzelnen, sondern auch in der Arbeitskultur am Arbeitsplatz. Beschäftigte verhalten sich rational, um bestimmte organisationale Erwartungen zu erfüllen: „Weil sie sich Vorteile davon versprechen, etwa eine gute Behandlung oder eine Beförderung“, sagt Zacher.

Eine problematische Arbeitskultur kann somit vorgetäuschte Produktivität fördern. Das Problem: Die negative Arbeitskultur, die solches Verhalten begünstigt, sei

„so machtvoll, dass sie Beschäftigte dazu verleitet, mitzumachen, obwohl sie es eigentlich besser wissen“.

Besonders betroffen sind Berufe, die Entgrenzung ermöglichen, etwa in der Wissensarbeit, „wo Leute im Homeoffice oder im Büro arbeiten können“. Aber auch in der Apotheke kann die Arbeitskultur zu vorgetäuschter Produktivität führen.

Authentizität bei der Arbeit: Warum das Vortäuschen schadet

Gerade das Arbeiten von zu Hause kann den Drang zur Selbstinszenierung befeuern. „Aus der Forschung wissen wir, dass Präsenz vor Ort und das Signalisieren von Verfügbarkeit mit Laufbahnerfolg zusammenhängt – also Gehaltserhöhung und Beförderung“, sagt Zacher. Das kann dazu führen, dass vorgetäuschte Produktivität zunimmt und die Authentizität der Arbeit leidet.

Menschen, die viel im Homeoffice arbeiten (oder generell in weniger sichtbaren Bereichen), werden hingegen bei Gehaltserhöhungen häufiger übersehen. Nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn – was wiederum die Authentizität der Arbeit unter Druck setzt.

Kurzfristig kann die Strategie der vorgetäuschten Produktivität aufgehen, langfristig schadet sie jedoch. „Die meisten Menschen wollen authentisch bei der Arbeit sein, also das sagen und tun, was sie für richtig und wertvoll halten“, erklärt Zacher. Eine geringe Authentizität ihrer Arbeit hänge mit schlechterem Wohlbefinden zusammen.

Wege aus der vorgetäuschten Produktivität

Wie kommt man aus einem solchen Verhalten wieder raus? „Ich würde raten, zu reflektieren: Ist es das wirklich wert? Oder ist es nicht besser, bei der Arbeit authentisch zu sein und nur das zu machen, was man auch für sinnvoll erachtet?“ Mehr Authentizität bei der Arbeit kann helfen, vorgetäuschte Produktivität zu vermeiden.

Konkret empfiehlt Zacher:

  • Feedback aktiv einfordern, und zwar zur tatsächlichen Arbeitsleistung, nicht zur Sichtbarkeit
  • Eigene Erfolge dokumentieren – etwa, indem man aufzeigt, wann welche Ziele erreicht wurden
  • Das Thema offen ansprechen und gegenüber Kolleg*innen und Vorgesetzten signalisieren, „dass man nicht mitmachen, sondern durch tatsächliche Leistung glänzen möchte“
  • Sich an Ergebnissen messen, also nach messbaren Vergleichsgrößen suchen, um echte Leistung statt vorgetäuschter Produktivität sichtbar zu machen.

Arbeitskultur in Unternehmen: Verantwortung der Führung

Die Verantwortung für vorgetäuschte Produktivität liege aber vor allem auch bei den Organisationen: Zacher empfiehlt etwa klare Regeln zu Arbeitszeiten und Arbeitsorten. Außerdem sollten Führungskräfte darauf achten, mit Zielen zu führen, statt darauf zu achten, wie lang jemand anwesend oder wie oft jemand sichtbar ist – ein wichtiger Schritt für eine gesunde Arbeitskultur.

„Wenn im Team klar ist, welche Ziele verfolgt werden und wer gerade woran arbeitet, entsteht dadurch ein gemeinsames Verständnis für echte Leistung“, sagt auch Stephan Megow, Managing Director beim Personaldienstleister Robert Half.

Eine transparente Arbeitskultur kann helfen, vorgetäuschte Produktivität zu reduzieren.

Mitarbeiter*innengespräche zur Leistung einmal im Jahr sind Organisationspsychologe Zacher zufolge zu selten, besser ist kontinuierliches Feedback. Es gilt, nur diejenigen positiv zu bewerten, die wirklich produktiv sind – nicht die, die am meisten im Vordergrund sichtbar sind.

Arbeitskultur und Sichtbarkeit: Nicht alles ist sichtbar

Auch beim Thema Sichtbarkeit sei Vorsicht geboten: Die Arbeitswelt belohne Extraversion sehr stark. „Aber Extraversion hat mit objektiver Arbeitsleistung einen relativ schwachen Zusammenhang“, sagt Zacher mit Verweis auf die Studienlage. Wenn Führungskräfte Sichtbarkeit zu sehr betonen, kann das die falsche Arbeitskultur stärken und vorgetäuschte Produktivität fördern. Gleichzeitig bleibt echte Leistung oft unsichtbar.

Nicht zuletzt gilt: Man sollte nicht vorschnell urteilen, wenn man das Gefühl hat, Kolleg*innen täuschen Produktivität nur vor.

„Manche Tätigkeiten sind unsichtbar oder laufen im Hintergrund, ohne dass sie gleich greifbare Resultate liefern.“

Quelle: dpa

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