Aus der Psychologie
BORDERLINE: WENN EMOTIONEN ESKALIEREN
Seite 1/1 7 Minuten
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, kurz Borderline, heiĂt genau genommen âemotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typâ oder kurz BPS. Die World Health Organization (WHO) unterscheidet zwei Borderline-Typen: den impulsiven Typ, der vorwiegend durch Schwierigkeiten mit der Emotions- und Impulskontrolle und konfliktbereites Verhalten gekennzeichnet ist. Und den Borderline-Typ, der zusĂ€tzlich mit innerer Leere, einem verzerrten Selbstbild und selbstzerstörerischem Verhalten zu kĂ€mpfen hat.
Borderline bedeutet wörtlich ĂŒbersetzt Grenzlinie. Der Begriff steht fĂŒr die veraltete Ansicht, dass die Persönlichkeitsstörung sowohl zu neurotischen als auch psychotischen Störungen zugeordnet werden könnte. In den 1930er-Jahren galten Neurosen als analysierbar und damit behandelbar, Psychosen nicht â und Betroffene der Borderline-Persönlichkeitsstörung als Grenzfall dazwischen. Heute sehen wir Borderline als Störung des Selbstbilds.
Borderline und das Verhalten Betroffener
Betroffene der Borderline-Persönlichkeitsstörung erleben Emotionen und Impulse intensiv. Das zeigt sich auch in ihrem Verhalten sich selbst und anderen gegenĂŒber. Aber wie genau zeigt sich Borderline?
Von auĂen erkennbar sind das intensive Erleben von Emotionen und die starken Impulse natĂŒrlich nicht. Bemerkbar machen sie sich aber durch die fehlende FĂ€higkeit, sie zu regulieren. Wut oder Verzweiflung ebben bei gesunden Menschen nach einer gewissen Zeit wieder ab. Sie haben gelernt, mit sich selbst umzugehen. Aber Borderline-Betroffene werden von ihren Emotionen ĂŒberwĂ€ltigt und erkennen in dem Moment kein Aus. Auch das Verhalten können sie nicht regulieren, sodass sie sowohl impulsiv handeln als auch reagieren. Zur Symptomatik der Borderline-Persönlichkeitsstörung gehören unter anderem:
- Krasse Emotionen: Betroffene der Borderline-Persönlichkeitsstörung verspĂŒren keine innere Ruhe, da ihre Emotionen stĂ€ndig schwanken und sie sie intensiv erleben. VerhĂ€ltnismĂ€Ăig kleine Vorkommnisse fĂŒhren zu heftigen Freuden-, aber auch WutausbrĂŒchen oder HeulkrĂ€mpfen der Verzweiflung. Unter Stress fĂŒhlen sie sich gleichzeitig innerlich leer oder taub bis hin zur Dissoziation.
- Impulsives Verhalten: Entsprechend ihrer schnellen und groĂen Emotionen haben Menschen mit Borderline auch heftige Impulse. Das zeigt sich im Verhalten: von EssanfĂ€llen oder Substanzmissbrauch bis zu selbstverletzendem Verhalten durch die Borderline, um sich von den Emotionen und der Ăberforderung abzulenken. Oder, um sich im GefĂŒhl der Leere selbst spĂŒren zu können. Das sensible Verhalten wird von der AuĂenwelt teilweise als streitlustig und unberechenbar interpretiert. Die SuizidalitĂ€t Borderline-Betroffener darf auf gar keinen Fall unterschĂ€tzt werden, denn als Auswirkung des impulsiven Verhaltens ist das Risiko erhöht.
- Instabile Beziehungen: Borderline-Betroffene fĂŒhren instabile Beziehungen. Dabei idealisieren sie Personen zunĂ€chst, entwickeln vielleicht sogar eine AbhĂ€ngigkeit, um sie im nĂ€chsten Moment wieder abzuwerten. Etwa, weil sie Angst vor Verletzungen oder ZurĂŒckweisung haben und diesen Emotionen unterbewusst vorbeugen. Dieser Prozess wechselt sich immer wieder ab. AuĂerdem leiden Borderline-Betroffene unter einer extremen Angst, verlassen zu werden. Teilweise trennen sie sich selbst von der Person, weil die Angst verlassen zu werden nicht mehr auszuhalten ist.
- (Selbst-) Wahrnehmung: Ihr eigenes Verhalten und das, was ihr Umfeld ihnen daraufhin zurĂŒckspiegelt, fĂŒhrt bei Betroffenen der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu einem instabilen Selbstbild mit geringem Selbstwert. Sie leiden selbst unter ihren EmotionssprĂŒngen und ihrer ImpulsivitĂ€t, wollen sich meist gar nicht so verhalten. Paranoia steigt unter Stress, sodass sie beispielsweise die GefĂŒhle und Aufrichtigkeit naher Personen hinterfragen. Kleinigkeiten können sie tief verletzen. Betroffene der Borderline-Persönlichkeitsstörung haben generell Schwierigkeiten damit, die Emotionen und das Verhalten des GegenĂŒbers nicht auf sich zu beziehen.
Selbst erleben Borderline-Betroffene ihr Empfinden und Verhalten â vor einer Therapie â nicht als Zeichen einer Erkrankung, sondern als sich selbst zugehörig. Das fĂŒhrt oft zu Verzweiflung oder im schlimmsten Fall zu Selbsthass. Ohne ErklĂ€rung oder Diagnose reagiert auch das Umfeld entsprechend verstĂ€ndnislos und verletzend.
Daraus ergibt sich fĂŒr Betroffene ein Teufelskreis, der sich schwer auf die Psyche legt. Eine Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung, etwa durch das Erlernen von Skills, ist von höchster Bedeutung, um VerstĂ€ndnis sich selbst gegenĂŒber und im engen Sozialkreis zu entwickeln.
Borderline bei MĂ€nnern und Frauen
Sowohl MĂ€nner als auch Frauen sind von der Borderline-Persönlichkeitsstörung gleichermaĂen betroffen, wobei man Unterschiede im Verhalten und der KomorbiditĂ€t feststellte. Das impulsive Verhalten sowie die IntensitĂ€t der Emotionsempfindung unter Borderline sind bei beiden Geschlechtern gleich. Aggressionen und zerstörerische Impulse richten MĂ€nner jedoch eher nach auĂen statt wie Frauen gegen sich selbst.
AuĂerdem ist bei mĂ€nnlichen Borderline-Betroffenen der Substanzmissbrauch erhöht. Sie ziehen seltener eine Behandlung in Betracht, sodass sie seltener Besserung erfahren. Bei Frauen ist die KomorbiditĂ€t mit anderen psychischen Erkrankungen erhöht. So kommt oft begleitend zu Ess- und Angststörungen oder Depressionen.
Hilfe fĂŒr die Psyche:
Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Wie so oft bei psychischen Störungen kommen bei den Ursachen genetische und psychosoziale Komponenten zusammen. Als Ursachen bekannt sind:
- Genetische Faktoren: Menschen mit Verwandten, die an der Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt sind, haben ein erhöhtes Risiko, diese selbst zu entwickeln.
- Biologische Faktoren: Neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass Betroffene Abweichungen im limbischen System, beispielsweise der Amygdala aufweisen, wo Emotionen und Impulse kontrolliert werden. Die Amygdala, das sogenannte GefĂŒhlszentrum, reagiert bei Betroffenen stĂ€rker. Bereiche des Stirnhirns, die Emotionen und Handlungen regulieren, reagieren hingegen schwĂ€cher.
- Psychosoziale Faktoren: Trauma, VernachlĂ€ssigung im Kindesalter oder feindseliges Verhalten der Erziehungsberechtigten erschweren das Erlernen der Emotionskontrolle und erhöhen das Risiko fĂŒr eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Setzen die nahen Bezugspersonen Kinder immer wieder unter (heftigen) Stress oder verhalten sich traumatisierend, verhindern sie die Affektsteuerung.
Die Ursachen zu hinterfragen und soziale Faktoren aufzuarbeiten ist spÀter auch in der Behandlung von Borderline entscheidend.
Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Vorab: FĂŒr Borderline gibt es keine spezifische medikamentöse Therapie. Arzneimittel werden gegebenenfalls fĂŒr KomorbiditĂ€ten oder einzelne Symptome verordnet. Im Fokus steht bei der Borderline-Behandlung aber die Psychotherapie. Je eher Betroffene damit beginnen, desto hĂ€ufiger hat die Therapie Erfolg.
Ziel der Behandlung ist es zum einen, dass Borderline-Betroffene ihre eigenen Emotionen und die ihres GegenĂŒbers verstehen. Zum Beispiel, dass der Partner kurz angebunden ist, weil er selbst gerade unter Stress steht â nicht, weil man etwas falsch gemacht hĂ€tte oder der Partner einen nicht mehr lieben wĂŒrde. Zum anderen erlernt man in der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung, mit den starken GefĂŒhlen umzugehen und auf gesundem Weg die innere Unrast und die Impulse zu beruhigen.
DBT und Skills bei Borderline
Am besten untersucht, um Borderline zu behandeln, ist die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT). Sie nĂŒtzt vor allem Betroffenen, die dazu neigen, sich selbst und/oder andere zu gefĂ€hrden. DBT leitet zu Strategien an, Probleme und Emotionen zu verstehen, zu respektieren und schlieĂlich zu lösen.
Ein wichtiger Eckpfeiler sind dabei sogenannte Skills, zu Deutsch âFĂ€higkeitenâ. Die Betroffenen ĂŒben, ihre Emotionen, Zwischenmenschliches und Impulse achtsam wahrzunehmen, zu benennen und zu akzeptieren. Wichtig ist dabei das Anspannungslevel: Je nachdem, wie groĂ die Anspannung ist, wenden die Borderline-Betroffenen dazu passende Methoden an.
Welche Skills wem auf welchem Anspannungsniveau helfen, gilt es individuell herauszufinden. Das kann zum Beispiel Beruhigung durch den Lieblingsfilm sein, Ablenkung durch kleine Reize wie das Schnippen mit einem Gummiband oder auch gröĂere Reize wie eine kalte Dusche. Bei einer Skills-Kette werden starke Emotionen und Impulse durch eine Abfolge von Skills auf immer kleinere Anspannungslevel umgeleitet, bis sie fĂŒr die Borderline-Betroffenen ertrĂ€glich sind.
Vor oder nach einer DBT kommt fĂŒr viele Betroffene auch eine Traumatherapie zur Behandlung infrage. Die Erfolgsrate der Therapien bei Borderline ist hoch. Die Patient*innen lernen sich selbst kennen und entdecken in sich auch die positive Eigenschaft ihrer Erkrankung: Sie sind auch zu extremer Freude fĂ€hig. Sie sind sensible Menschen mit einem ausgeprĂ€gten EinfĂŒhlungsvermögen, die dem GegenĂŒber tiefes VerstĂ€ndnis entgegenbringen können.
Tipps fĂŒr den Umgang
Die Betroffenen selbst, aber auch ihre direkten Bezugspersonen können in einer Therapie Hilfestellungen fĂŒr ein funktionierendes und verstĂ€ndnisvolles Miteinander lernen. Durch das impulsive Verhalten sind eskalative Konflikte möglich, die mit Kommunikationsregeln eingegrenzt werden:
- Ruhiges Ansprechen ohne Anschuldigungen (Kein âDu machst immer âŠâ, âDu machst nie âŠâ)
- Akzeptanz des GegenĂŒbers, indem GefĂŒhle verstanden und erhört werden
- Raum und Zeit fĂŒr Beruhigung einrĂ€umen
- Abgrenzung zwischen GegenĂŒber und Borderline-Betroffenen: Bei unproduktiven Auseinandersetzungen mit Beleidigungen oder Suiziddrohungen beispielsweise kann man versuchen, den Konflikt in einer Therapiesitzung auszutragen.
Quellen:
Ulrich Voderholzer: âTherapie psychischer Erkrankungen â State of the Art 2022â, Urban & Fischer, 17. Auflage 2021.
Anne Kristin von Auer, Michael Kaess: âBorderline-Persönlichkeitsstörungâ, Hogrefe Verlag, 1. Auflage 2023.
https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/43978-borderline-persoenlichkeitsstoerung.html
https://icd.who.int/browse10/2019/en#/F60-F69












