NeurodiversitÀt
HOCHSENSIBILITĂT â DAS BESONDERE WAHRNEHMUNGSVERMĂGEN
Seite 1/1 6 Minuten
Der Begriff HochsensibilitĂ€t â genauer gesagt Sensory Processing Sensitivity (SPS) â wurde erstmals in den Neunzigerjahren durch die US-amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron geprĂ€gt. Sie legte den Grundstein fĂŒr die Forschung zur HochsensibilitĂ€t. Doch das Konzept ist wissenschaftlich umstritten. Kritiker sehen die HochsensibilitĂ€t und deren Anzeichen als eine Variation von Ăngstlichkeit und Neurotizismus an. Oder als Teil des Autismus-Spektrums.
Menschen, die Anzeichen der HochsensibilitĂ€t aufweisen, werden in der Gesellschaft oft ĂŒbersehen. HochsensibilitĂ€t ist zwar ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal, doch gilt sie in der heutigen Leistungsgesellschaft eher als SchwĂ€che. Gleichzeitig können normalsensible Menschen die Andersartigkeit der Wahrnehmung und FeinfĂŒhligkeit oft nicht nachvollziehen. Aus diesem Grund entsteht fĂŒr viele hochsensible Menschen das GefĂŒhl, falsch zu sein, und sie vermeiden es, die Anzeichen ihrer HochsensibilitĂ€t zu zeigen.
Das Spektrum der HochsensibilitÀt
⊠oder auch: fifty shades of high sensitivity. Jeder Mensch ist mehr oder weniger sensibel. Demnach stellt die HochsensibilitĂ€t â Ă€hnlich wie die NeurodiversitĂ€t auch â ein Spektrum mit verschiedenen AusprĂ€gungen dar, auf dem sich jeder Mensch irgendwo wiederfindet. Der Einfachheit halber wird hier unterschieden in hochsensible Menschen und weniger sensible beziehungsweise normalsensible Menschen.
HochsensibilitĂ€t kann Ăhnlichkeit zur Aufmerksamkeits-Defizit-HyperaktivitĂ€ts-Störung (ADHS) und zu Autismus-Spektrum-Störungen aufweisen, vor allem, was das Anzeichen der Ăberstimulation betrifft. Auch wenn alle drei Erscheinungsbilder dem NeurodiversitĂ€tsspektrum zuzuordnen sind, sind sie deutlich voneinander abzugrenzen. HĂ€ufig kommt es auch vor, dass HochsensibilitĂ€t fĂ€lschlicherweise als Angststörung, Panikattacke oder Depression fehlinterpretiert wird.
Anzeichen fĂŒr HochsensibilitĂ€t
HochsensibilitĂ€t ist keine psychische Störung, sondern eine normale Variation der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen. Im Folgenden werden typische Anzeichen der HochsensibilitĂ€t aufgefĂŒhrt. Dabei ist zu beachten, dass nicht jeder hochsensible Mensch jedes der Anzeichen der HochsensibilitĂ€t aufweist und auch die AusprĂ€gung der einzelnen Anzeichen ist bei jedem unterschiedlich stark. Das macht das Spektrum der HochsensibilitĂ€t so besonders.
Das Hauptanzeichen ist, dass das Nervensystem hochsensibler Menschen offener fĂŒr Reize ist â weniger Filter besitzt. Dadurch werden enorm viele sowie sehr detaillierte Reize wahrgenommen und zusĂ€tzlich intensiv verarbeitet.
Weitere Anzeichen der HochsensibilitĂ€t sind die lebhafte Vorstellungskraft und das Denken in komplexen ZusammenhĂ€ngen. AuĂerdem Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeitssinn und hohe ethische Standards. Typische Anzeichen der HochsensibilitĂ€t sind auch ein groĂes HarmoniebedĂŒrfnis und die FĂ€higkeit aktiv, verstĂ€ndnisvoll und urteilsfrei zuzuhören.
Ein schlechter Umgang mit VerĂ€nderungen ist ein prĂ€gendes Anzeichen der HochsensibilitĂ€t, weil neue Situationen und Umgebungen fĂŒr hochsensible Menschen oft Ăberstimulationen darstellen. Routinen und Rituale geben Menschen, die hochsensibel sind, Halt und Struktur.
Zu guter Letzt soll noch die ausgeprĂ€gte Intuition als wichtiges Anzeichen der HochsensibilitĂ€t erwĂ€hnt werden. Hochsensible Menschen sind BauchgefĂŒhlsmenschen.
âDOESâ â vier Kernmerkmale der HochsensibilitĂ€t nach Dr. Elaine Aron
Depth of Processing (Verarbeitungstiefe)
Overstimulation (schnellere Ăberreizung/ReizĂŒberflutung)
Emotional Reactivity/Empathy (emotionale ReaktivitÀt/Empathie)
Sensitivity to Subtle Stimuli (Wahrnehmung subtiler Nuancen/Details)
Mehr erfahren:
Neigung zu Ăberstimulation
Aufgrund der Wahrnehmung vieler und detailreicher Reize und deren tiefer Verarbeitung ist das Nervensystem hochsensibler Menschen deutlich schneller mit EindrĂŒcken gesĂ€ttigt und entsprechend schneller ĂŒberstimuliert als bei normalsensiblen Personen. Ăberstimulation wird dann als negativer Stress wahrgenommen und ist ein Anzeichen der Ăberforderung. Deshalb empfinden sie ihre SensibilitĂ€t leider oft als Belastung.
Ein ĂŒberreiztes Nervensystem aufgrund der HochsensibilitĂ€t lĂ€sst sich im Alltag an bestimmten Anzeichen erkennen. In erster Linie entsteht ein groĂes RĂŒckzugsbedĂŒrfnis. Aber auch Aggression, Wut oder Verwirrung können auftreten. AuĂerdem setzen körperliche Erregungssymptome ein, zum Beispiel Erröten, Herzklopfen, erhöhte Atemfrequenz, SchweiĂausbrĂŒche. Konzentrations- und Leistungsabfall, Vergesslichkeit, BeeintrĂ€chtigung des klaren Denkens bis hin zum Blackout sind nicht selten.
Weitere Anzeichen fĂŒr Ăberstimulation bei HochsensibilitĂ€t sind Verspannungen im Kiefer und Nacken-Schulter-Bereich, emotionale AusbrĂŒche, sogar Tollpatschigkeit bis hin zu irrationalem Handeln oder HandlungsunfĂ€higkeit. Hochsensible Menschen haben dann oft das GefĂŒhl ausgeliefert, hilflos und machtlos zu sein.
Selbstmanagement hochsensibler Menschen
Selbstmanagement kann die Nachteile beziehungsweise Herausforderungen ausgleichen, die im Rahmen der HochsensibilitĂ€t entstehen können. Ziel ist es, ein Gleichgewicht zwischen der Ăberstimulation und völligem RĂŒckzug zu schaffen. Das gelingt zum Beispiel durch vorbeugende Planung und rechtzeitig eingeleitete GegenmaĂnahmen.
Hochsensible Menschen sollten im Alltag regelmĂ€Ăig Raum fĂŒr Regeneration einplanen und schaffen, möglichst ohne dabei unterbrochen zu werden. Dazu bieten sich vertraute TĂ€tigkeiten an, deren Ablauf einigermaĂen vorhersehbar ist.
Hochsensible Menschen sollten auĂerdem besonders fĂŒr ausreichend Schlaf sorgen, damit das Nervensystem die unzĂ€hligen EindrĂŒcke des Tages möglichst vollstĂ€ndig verarbeiten kann. Dazu sollte die Schlafdauer â unter Beachtung der Einschlafzeit â an das individuelle SchlafbedĂŒrfnis angepasst werden. Rituale und Routinen vor dem Schlafengehen helfen dabei, zur Ruhe zu kommen.
TĂ€tigkeiten, die zur Regeneration beitragen
- Durch ein Buch blÀttern oder lesen
- Deep Talk (tiefgrĂŒndiges GesprĂ€ch) mit engen Freunden
- Musik hören
- Bilder ansehen
- Spazieren gehen
- Aufenthalte in der Natur
- Stricken
- Ein Bad nehmen
- Ein Teeritual
- Yoga oder Meditation
- Sogar BĂŒgeln oder der KĂŒchenabwasch
- Faulenzen und Nichtstun
HochsensibilitÀt in der Apotheke
Oft finden hochsensible Menschen ihre Bestimmung in helfenden Berufen wie beispielsweise im Apothekenwesen, dem Gesundheitswesen allgemein, in der Pflege oder in der sozialen Arbeit.
Gleichzeitig sind das auch Berufe, die aufgrund der Rahmenbedingungen schnell ĂŒberfordernd wirken können. Einerseits ist die ausgeprĂ€gte Empathie und FeinfĂŒhligkeit vieler hochsensibler Menschen von groĂem Vorteil, die Apothekenkundschaft zu verstehen. Die Eigenschaften sind hilfreich, wenn es darum geht, Ăngste und Sorgen zu nehmen.
Andererseits sorgen LĂ€rm, Zeitdruck und eine hohe Kundenfrequenz schnell fĂŒr Ăberstimulation und Ăberforderung. Doch das nehmen viele hochsensible Menschen in Kauf. Denn in ihrem Beruf spĂŒren sie eine Sinnhaftigkeit, die sie erfĂŒllt â eine Art, auf die sie sich in der Welt verwirklichen können.
HochsensibilitĂ€t â Fluch und Segen zugleich
Auch wenn diese Informationen ein eher negatives Bild auf die HochsensibilitĂ€t werfen, ist sie das keineswegs. Um dieses Konstrukt zu verstehen, ist es aber unverzichtbar, ausfĂŒhrlich auf die Herausforderungen einzugehen, die mit der HochsensibilitĂ€t einhergehen können.
Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie hochsensibel sind. Doch nur, wenn man weiĂ, dass man hochsensibel ist und die Anzeichen der HochsensibilitĂ€t erkennt, kann man lernen, damit umzugehen. Und wenn man lernt, die negativen Aspekte handzuhaben â die nicht grundsĂ€tzlich, aber eben oft auftreten â, kann man die positiven Seiten der HochsensibilitĂ€t umso mehr genieĂen.
Quellen:
Georg Parlow: âZart besaitet â SelbstverstĂ€ndnis, Selbstachtung und Selbsthilfe fĂŒr hochsensible Menschenâ,Festland Verlag, 5. Auflage 2017
https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/43389-test-bin-ich-hochsensibel.html
https://www.dgpp-online.de/post/hochsensibilit%C3%A4t-eine-wissenschaftliche-perspektive
https://www.aurum-cordis.de/forschungsstand-hochsensibilitaet
https://www.drsatow.de/tests/hsp-test/












