Ein Sammelsurium von Braunglas- und Weißglas-Standgefäßen unterschiedlicher Größe. Auf ihren Etiketten stehen lateinische Namen von Reagenzien und Ausgangsstoffen.© Sensay / iStock / Getty Images Plus
In vielen Apotheken lagern Reagenzien schon seit Jahrzehnten - bei manchen lohnt sich ein prüfender Blick.

Explosivstoff

KAMPFMITTELRÄUMDIENST ENTFERNT PIKRINSÄURE AUS HESSISCHER APOTHEKE

Am 5. Oktober kam es in der Apotheke im Emstal im hessischen Waldems-Esch zu einem Einsatz von Feuerwehr, Polizei und Kampfmittelräumdienst. Der Grund: ein altes Standgefäß mit Pikrinsäure.

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Wenige Tage zuvor war bei der Revision der Carolus Apotheke im keine 30 Kilometer entfernten Wiesbaden aufgefallen, dass Pikrinsäure aus ihrem Standgefäß ausgetreten war. Ein Sprengmeister musste einfliegen und die Pikrinsäure auf dem Bürgersteig unter einer Sprengkuppel unschädlich machen. Der spektakuläre Fall kam auch Dr. Asghar Fassihi zu Ohren, Inhaber der Apotheke im Emstal in Waldems-Esch. Er nahm es zum Anlass, seine eigenen Chemikalienbestände zu inspizieren.

Pikrinsäure ist ein gelber, kristalliner Feststoff. Pikrinsäure ist im trockenen Zustand explosionsgefährlich. Deshalb wird sie mit mindestens 30 Prozent Wasser angefeuchtet aufbewahrt, man nennt das „Phlegmatisieren“. Man verwendet sie für Nachweisreaktionen, zum Beispiel von Aminen, und sie gehörte früher zu den Chemikalien, die eine Apotheke verpflichtend vorrätig haben musste. Deshalb steht sie auch heute, obwohl sie kein Pflichtreagenz mehr ist und meist nicht mehr benötigt wird, noch in vielen Laboren – teilweise schon seit Jahrzehnten.

Was schlummert im Schrank?

Die Pikrinsäure hatte Dr. Asghar Fassihi schon vom Vorbesitzer der Apotheke übernommen. „Die steht hier bestimmt schon seit 40 Jahren“, berichtet Apothekerin Ulrike Heck. Zum Öffnen des Gefäßes hatte Inhaber Asghar Fassihi die Feuerwehr dazugebeten. Die holte sich beim Landeskriminalamt Unterstützung, das wiederum den Kampfmittelräumdienst hinzuzog.

Die vielen Einsatzfahrzeuge in dem 1000 Einwohner-Ortsteil beunruhigten Anwohner und Passanten, schildert Ulrike Heck: „Die Leute haben gedacht, es wäre eine Bombe.“ Ein Apothekenkunde, der eigentlich nur einen Coronatest machen lassen wollte, bestätigt: „Ich habe gedacht, da ist etwas Schlimmes passiert. Die Leute rasten heute so schnell aus, man weiß ja nie. Aber es war dann schnell vorbei und die Einsatzfahrzeuge sind wieder weggefahren.“

Wie entsorgt man Pikrinsäure?

Zunächst hatte der Kampfmittelräumdienst das Gebäude, das auch eine Arztpraxis und Privatwohnungen beherbergt, evakuieren wollen. Das war dann aber doch nicht nötig. „Die waren ganz entspannt“, beschreibt Ulrike Heck die Mitarbeiter des Räumdienstes; sie hätten schon einige Pikrinsäure-Standgefäße geborgen. „Sie haben einen feuchten Lappen über den Deckel gelegt und ihn dann geöffnet.“ Das Gefäß wurde angefeuchtet und in Flüssigkeit stehend abtransportiert, damit die Pikrinsäure sich vollsaugen kann und nicht explodiert. Eine kontrollierte Sprengung vor Ort, wie in Wiesbaden, war hier nicht nötig.

Identitätsprüfung unerlässlich

Pikrinsäure ist heute kein gängiges Reagenz mehr. Viele Identitätsprüfungen sind über den Schmelzpunkt möglich und für nasschemische Reaktionen gibt es ungefährlichere Chemikalien.

„Eine nasschemische Reaktion ist kein Akt“, findet Ulrike Heck. „Ich zeichne das ab und stehe dafür gerade, also prüfe ich natürlich auch“, erklärt sie. Nicht alle Apotheken würden das so genau nehmen, obwohl es vorgeschrieben ist. Auch die Etiketten des Großhandels könnten mal falsch sein: „Man sollte sich nicht auf andere verlassen.“ Die Apothekerin erinnert daran, dass 2019 in Köln Lidocain statt Glucose für orale Glucosetoleranztests abgefüllt wurden. Eine Schwangere und ihr Kind starben an den Folgen der Vergiftung.

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