Eine junge Frau tropft Cannabis-Extrakt in ihre Tasse.© Vanessa Nunes/iStock/Getty Images Plus
THC oder CBD, medizinischer oder Freizeitgebrauch, inhalieren, tropfen oder sprĂŒhen: Cannabis wird auf viele Weisen konsumiert.

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CANNABIS IN DER MEDIZIN: THC, CBD UND RECHTLICHES

FĂŒr die einen ist Cannabis eine Droge, vergleichbar mit Heroin oder Kokain. FĂŒr die anderen ist es ein harmloses Genussmittel, ungefĂ€hrlicher als Alkohol. Und wieder andere vertrauen auf die medizinische Wirkung der Hanfpflanze. Wie ist Cannabis denn nun einzuordnen?

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Von vorne angefangen: Aus Cannabis, der Hanfpflanze, lassen sich zwei Nutzungsformen gewinnen: einmal Marihuana als getrocknete BlĂŒten und blĂŒtennahe BlĂ€tter und einmal Haschisch als Harz der BlĂŒtenstĂ€nde. Die beiden bekanntesten und wichtigsten Inhaltsstoffe sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD).

CBD und THC wirken an den Rezeptoren des endocannabinoiden Systems. Der Typ-1-Cannabinoidrezeptor sitzt auf Zellen des zentralen Nervensystems, wĂ€hrend die Typ-2-Rezeptoren an Zellen des Immunsystems vorkommen. CBD hat eine geringere AffinitĂ€t zu den Cannabinoid-Rezeptoren als THC und bindet vor allem an den Typ-2-Rezeptor. Nur THC wirkt psychoaktiv.

Aufgrund der fehlenden Psycho- oder RezeptoraktivitÀt konnte man Produkte nur mit CBD schon vor der Legalisierung von Cannabis ohne Probleme erwerben.

Cannabis als Rauschmittel

Cannabis wirkt initial mit Euphorie, Entspannung und halluzinogenen Effekten. Im Verlauf kommt es zu einer PassivitĂ€t oder Antriebshemmung und gesteigertem Appetit bis hin zu Heißhungerattacken durch das THC.

Legal
Seit der Legalisierung ist der Erwerb und Konsum von Cannabis unter bestimmten PrĂ€missen auch außerhalb des medizinischen Einsatzbereiches fĂŒr Privatpersonen erlaubt.

Aufgrund der Rezeptoren im ganzen Körper und der Verteilung von THC im Blut kommt es generell zu all diesen Wirkungen von Cannabis. Trotzdem ist der Verlauf aufgrund von einigen Faktoren unterschiedlich und individuell:

  • Terpenprofil der Cannabissorte: VerhĂ€ltnis von THC, CBD und zahllosen weiteren Cannabinoiden im Cannabis
  • Konsumform: Eintritt der Wirkung von Cannabis oral zwischen 45 und 120 Minuten; inhalativ innerhalb weniger Minuten (je nach THC-Gehalt)
  • Stimmung und Umfeld beeinflussen das Rauscherlebnis.
  • Einnahme anderer Medikamente oder Rauschmittel  
  • Körperliche und psychische Grundverfassung

Im Freizeitgebrauch werden die einzelnen Cannabissorten zu unterschiedlichen Zwecken genutzt – um die Laune zu heben, um zu entspannen, die KreativitĂ€t oder Konzentration zu fördern zum Beispiel. Das Terpenprofil spielt ebenso bei Cannabis als Arzneimittel eine wichtige Rolle.

Cannabis als Arzneimittel

Als Arzneimittel nutzen wir Cannabis in Form von getrockneten BlĂŒten oder Extrakten in standardisierter QualitĂ€t.

  • Dronabinol-Lösungen sind Fertigarzneimittel aus reinem THC, das in Deutschland meist synthetisch hergestellt wird. Dronabinol-Lösung wird in der Rezeptur individuell abgefĂŒllt und als ölige Tropfen verwendet; Dronabinol-Konzentrat wird mit TrĂ€gerlösung verdĂŒnnt und dann ebenfalls abgefĂŒllt oder zu Kapseln weiterverarbeitet.
  • Nabilon wird auch synthetisch hergestellt und ist strukturell mit THC verwandt. Es lindert Übelkeit und Erbrechen.
  • Nabiximols ist ein THC- und CBD-haltiger Extrakt aus Cannabis. Es wird als Spray fĂŒr die Mundschleimhaut eingesetzt und lindert die Spastik bei Multipler Sklerose.

Im April 2024 wurde Cannabis teilweise legalisiert und aus den Anlagen des BetÀubungsmittelgesetzes gestrichen. Der medizinische Gebrauch ist seitdem in einem eigenen Gesetz geregelt, dem Medizinal-Cannabisgesetz. Cannabis ist weiterhin verschreibungspflichtig, aber es ist kein BtM-Rezept mehr nötig.

Die Genehmigung durch die Krankenkasse vor der Erstverordnung ist fĂŒr viele (fach-) Ă€rztliche Berufsgruppen weggefallen. Genauer: fĂŒr die Ärzte, die die Erkrankungen behandeln, bei denen Cannabis indiziert ist.

Gefahr durch Online-Ärzt*innen?

Auch wenn fĂŒr Cannabis kein BtM-Rezept mehr nötig ist, muss die Verordnung trotzdem noch mit einer Ă€rztlichen Voruntersuchung und individueller Beratung einhergehen. Telemedizinischen Plattformen, die teilweise mithilfe eines Fragebogens arbeiten, bieten inzwischen ebenfalls als Online-Versorger Verordnungen an.

Einerseits ist dies ein Vorteil fĂŒr immobile Personen, andererseits ersetzt ein Fragebogen keine Ă€rztliche Voruntersuchung und Beratung. Es wird an einem Gesetz gearbeitet, die telemedizinische Onlineverschreibung von CannabisblĂŒten an Videosprechstunden zu knĂŒpfen und den Versandhandel ganz zu verbieten, doch die politische Diskussion dazu lĂ€uft noch.

Fest steht: Ernsthaft interessierten Betroffenen ist es geraten, sich bei Ärzt*innen vor Ort einer entsprechenden Voruntersuchung zu unterziehen, die individuellen Erwartungen an die Wirkung zu klĂ€ren und eine passende Cannabis-Therapie zu vereinbaren.

THC und CBD: Das Cannabis-Wirkspektrum

Cannabis, genauer gesagt THC und CBD, finden in der Medizin einige Einsatzgebiete:

  1. Cannabis in der Schmerztherapie: Bei chronischen, vor allem neuropathischen Schmerzen ergaben Studien, dass eine zusĂ€tzliche – und individuell angepasste – Therapie mit Cannabis eine positive Wirkung erzielt. Das enthaltene THC reduziert die Schmerzwahrnehmung, wĂ€hrend CBD auch antientzĂŒndlich wirkt. Bei Multipler Sklerose lindert THC Schmerz und Muskelspastiken. Weitere Anwendungsgebiete sind beispielsweise RĂŒckenschmerzen und Arthritis.
  2. Cannabis bei Emesis: Cannabis kann einerseits zu Nausea und Emesis fĂŒhren, andererseits kann es diese aber auch lindern. Beispielsweise als supportive Therapie zur Chemotherapie wird THC wegen dieser Linderung angewandt – immer individuell an die Patient*innen angepasst. 
  3. Cannabis bei Epilepsie: Die antikonvulsiven Eigenschaften von CBD reduzieren bei ansonsten therapieresistenter Epilepsie die KrampfanfĂ€lle, etwa beim Dravet-Syndrom oder dem Lennox-Gastaut-Syndrom. Ein entsprechendes Medikament ist in den USA und der EU dafĂŒr zugelassen.
  4. THC bei Inappetenz: Manche Erkrankungen fĂŒhren zu Appetitlosigkeit und damit Gewichtsverlust und Mangelversorgung. Da THC in Cannabis das Hungerzentrum stimuliert, kann es dem entgegenwirken.
  5. Weitere Anwendungsbeispiele von THC und CBD: bei starken Schmerzen und Inappetenz durch entzĂŒndliche Darmerkrankungen, off-label beim Tourette-Syndrom, off-label bei Parkinson, off-label bei schweren Schlafstörungen

Im Vergleich zu Opiaten hat Cannabis sowohl ein geringeres Suchtpotenzial als auch eine geringere Toleranzbildung. Eine langfristige Einnahme von NSAR erhöht das Risiko fĂŒr OrganschĂ€den, welches bei Cannabis sehr viel geringer ausfĂ€llt.

Neben- und Wechselwirkungen von Cannabis

Trotz der positiven Wirkung von Cannabis und den enthaltenen Stoffen THC und CBD gibt es auch negative Wirkungen. Mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Schwindel, MĂŒdigkeit, verlangsamtes Reaktionsvermögen
  • Ängstlichkeit, Abgeschlagenheit, PanikgefĂŒhl, psychotische Symptome, Halluzinationen, Euphorie
  • Tachykardie, Blutdruckabfall
  • Appetitsteigerung und Mundtrockenheit
  • Vasodilatation mit Rötung der Augen
  • Vereinzelt Nausea, Emesis
  • Bei regelmĂ€ĂŸigem inhalativem Konsum: Erhöhtes Risiko fĂŒr Lungenerkrankungen

Wechselwirkungen
Cannabinoide werden ĂŒber das Cytochrom-P450-System metabolisiert. Entsprechend sind Nebenwirkungen mit anderen Arzneimitteln möglich. Auch Arzneimittel, die sich in ihrem Wirkspektrum mit den Wirkungen oder Nebenwirkungen von Cannabis ĂŒberschneiden, können wechselwirken. Bei regelmĂ€ĂŸiger Einnahme kann Cannabis den Bedarf von AnĂ€sthetika bei Operationen erhöhen.

Die psychoaktive Wirkung von Cannabis kann langfristig das Risiko fĂŒr psychische Erkrankungen steigern. Es wurde ein erhöhtes Risiko fĂŒr Depressionen durch die Abgeschlagenheit sowie fĂŒr Angststörungen verzeichnet. Ein chronischer Konsum von THC kann auch zur induzierten Psychose fĂŒhren, besonders bei sehr jungen Anwender*innen und bei genetischer oder psychischer Vorbelastung. Dazu gehören auch bereits existierende psychische Erkrankungen.

Wirkung von Cannabis und anderen Rauschmitteln im Vergleich

Das THC in Cannabis ist also eine psychoaktive Substanz, deren Wirkung je nach Konsum und Bedingungen zu langfristigen SchĂ€den fĂŒhren kann. Wie sieht es aber im Vergleich zu anderen Rauschmitteln aus?

Suchtmittel weisen eine angenehme Wirkung auf und aktivieren das Belohnungszentrum. Koffein zĂ€hlt also auch dazu, fĂŒhrt aber weder zu akut gefĂ€hrlichen Nebenwirkungen noch zu dauerhaften oder gesundheitlich relevanten SchĂ€den der Konsument*innen. In diesem Vergleich schneidet Koffein also besser ab.

Alkohol hingegen fĂŒhrt neben der Rauschwirkung zu:

  • Erhöhtem Risiko fĂŒr Krebserkrankungen
  • ZellschĂ€den
  • SchĂ€den an Leber, Gehirn, BauchspeicheldrĂŒse, Herz
  • Kontrollverlust und VerhaltensĂ€nderung mit BeeintrĂ€chtigung des sozialen Umfelds
  • Hohem Risiko fĂŒr eine akute Überdosierung mit (in-) direkter Todesfolge

Sowohl THC in Cannabis als auch Alkohol sind Substanzen mit möglichen schwerwiegenden Wirkungen. Nach AbwĂ€gung bestimmter Faktoren wirkt Alkohol auf die breite Menge aber gefĂ€hrlicher.

Im Vergleich zu Tabak in Bezug auf den inhalativen Konsum schneidet Cannabis besser ab, da das Risiko fĂŒr einen RĂŒckgang der GesamtlungenkapazitĂ€t geringer ausfĂ€llt. Außerdem weist Cannabis mehr positive Wirkung auf als Tabak oder Nikotin allein.

Quellen:
https://www.aponet.de/artikel/cannabis-auf-rezept-warum-online-verschreibungen-problematisch-sein-koennen-32214
https://www.uni-koeln.de/universitaet/aktuell/koelner-universitaetsmagazin/unimag-einzelansicht/alkohol-oder-cannabis
https://www.demecan.de/opiate-medizinisches-cannabis-wirkung-schmerzen/
https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/_node.html
Fraguas-Sánchez, Torres-Suárez: „Medical Use of Cannabinoids”, Drugs, 29. Oktober 2018. https://link.springer.com/article/10.1007/s40265-018-0996-1
https://www.apotheke-adhoc.de/rubriken/detail/medizinisches-cannabis/cannabis-darreichungsformen-und-verfuegbarkeit/
https://arztedienst.com/cannabis-auf-rezept/
https://sensiseeds.com/de/blog/rauchen-von-cannabis-vs-tabak-ist-cannabis-weniger-schadlich/
https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/08_institute/rechtsmedizin/pdf/Wirksamkeit_von_Cannabis-Praeparaten.pdf
https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2024/10-17/Erstverordnung%20von%20Cannabis-%20Kein%20Genehmigungsvorbehalt%20mehr%20f%C3%BCr%20bestimmte%20Fachgruppen
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/vorsicht-vor-wechselwirkungen-161075/

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