Ein Zugmechaniker in dreckiger Arbeitskleidung lehnt erschöpft mit dem Rücken an einem Zug, hat den Helm abgenommen und wischt sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn.© coffeekai/iStock/Getty Images Plus
Ob die Qualität seiner Arbeit wohl zunimmt, wenn er längere Schichten schiebt?

Kanzler fordert

LÄNGERE ARBEITSZEITEN PRO TAG: WICHTIG FÜR DAS LAND ODER GEFÄHRLICH FÜR ALLE?

Die tägliche Arbeitszeit der Deutschen steht seit 1919 fest: Mehr als acht Stunden sind nicht erlaubt. Schließlich soll noch genug Zeit für Ruhe und ausreichend Schlaf sein. Kanzler Merz fordert aber mehr und vor allem effizienteres Arbeiten. Was sagt die Forschung dazu? Ist das eine gute Idee?

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Längere Arbeitszeiten als acht Stunden erlaubt das Gesetz, wenn binnen eines halben Jahres ein entsprechender Ausgleich stattfindet. Die Regierung unter Friedrich Merz will mehr Flexibilität ermöglichen und eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden als neue Vorgabe etablieren. An den einzelnen Tagen könnte dann unterschiedlich lange gearbeitet werden. Natürlich müssen die vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten trotzdem eingehalten und Überstunden entsprechend ausgeglichen werden.

Forschende sehen die Forderung kritisch und warnen: Kurzfristig helfen solche Maßnahmen, aber langfristig überwiegen Risiken. Welche sind das und warum ist das so?

Flexible Arbeitszeit für die Wirtschaft?

Die Arbeitszeit der Deutschen ist ein heiß diskutiertes Thema, vor allem, wenn es um die Wirtschaft hierzulande geht. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“. Aber ist das wirklich die Lösung? In Zeiten von Homeoffice, Work-Life-Balance und Vier-Tage-Wochen klingt es zumindest ungewöhnlich.

Nils Backhaus forscht für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Er untersucht, unter welchen Bedingungen am effektivsten gearbeitet wird. Die Studienlage zeige eindeutig, dass tägliche Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden negative Folgen nach sich ziehen, meint er.

Das Risiko für Herzerkrankungen, Stoffwechselstörungen, psychische Beschwerden und Schlafstörungen steige bei solchen Arbeitszeiten an. Aber nicht nur solche langen Tage wirken sich auf die Gesundheit aus.

Maximale Arbeitszeit pro Tag steht infrage

Wird länger als die heute übliche maximale Arbeitszeit pro Tag gearbeitet, sind Folgen für die Gesundheit nur ein Teil des Problems. Nach acht Stunden sinken Aufmerksamkeit, Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Arbeitenden ab.

Die heutige maximale Arbeitszeit pro Tag zu überschreiten, kann also in verantwortungsvollen Jobs gefährlich werden. Erschöpfte Menschen machen mehr Fehler und das Unfallrisiko steigt. Nach zwölf Stunden Arbeit ist es bereits doppelt so hoch wie in der achten Arbeitsstunde.

Studien sprechen dafür, die maximale Arbeitszeit pro Tag nicht zu erhöhen, auch um keine unnötigen Unfälle auf dem Heimweg zu riskieren. Zwar würde eine längere Arbeitszeit Unternehmen kurzfristig helfen, den derzeit überall spürbaren Fachkräftemangel auszugleichen. Langfristig erhöhen sich aber dadurch die Ausfälle. Etwa, weil belastetes Personal vor dem Rentenalter weniger oder nicht mehr im Schichtdienst arbeiten kann. Oder wegen erhöhter Unfallzahlen.

Während der Arbeitszeit braucht man genug Pausen

Ganz wichtig und keinesfalls verlorene Arbeitszeit sind Pausen. Über sie und ausreichend Erholungszeiträume führt Forschungen zufolge der nachhaltige Weg zu mehr Leistung. Doch das hat zahlreiche Auswirkungen. In Schichtsystemen etwa bedeutet es mehr und dafür kürzere Schichten, was den aktuellen Personalmangel verschärft. Zu lange Arbeitszeiten mit zu wenig Pausen belasten aber das vorhandene Personal und führen so zu Problemen.

Entscheidend für eine hohe Leistungsbereitschaft sind also nicht längere Arbeitszeiten. Vielmehr braucht es eine Unternehmenskultur, die sich des Stellenwerts von Pausen und Erholungsphasen bewusst ist und diese aktiv in die Arbeitszeit integriert. Jedes Arbeitsumfeld ist anders. Eine Baustelle kann man nicht mit einer Apotheke und ein Büro nicht mit einem Schichtdienst im Krankenhaus vergleichen.

In Zukunft wird es wichtig sein, das vorhandene Personal angemessen und fair zu behandeln und längere Arbeitszeiten zu vermeiden. Wenn es nicht anders geht, sollten Pausen und ein Ausgleich selbstverständlich sein.

Quellen:
https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/arbeitszeit-forschung-100.html
https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Fokus/Arbeitszeit-und-gesundheitliche-Auswirkungen
Wagstaff AS, Sigstad Lie J-A: „Shift and night work and long working hours – a systematic review of safety implications”, Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 3. Februar 2011. https://www.sjweh.fi/show_abstract.php?abstract_id=3146
Bernstrøm VH, Ingelsrud M, Nilsen W: „The consequences of after-hours work: a fixed-effect study of burnout, pain, detachment and work-home conflict among Norwegian workers”, Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 4. Dezember 2024. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39629947/

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