Ein Mann gibt einem Kleinkind mit einem Dosierlöffel eine Suspension, es hat den Mund weit offen. In der anderen Hand hÀlt der Mann die Braunglasflasche.© Halfpoint/iStock/Getty Images Plus
LĂ€sst sich der Saft so aufschĂŒtteln, dass sich der Wirkstoff gleichmĂ€ĂŸig verteilt? Das ist die hohe Kunst beim Suspensionen-Herstellen.

Galenische Übungen

SUSPENSIONEN HERSTELLEN: PRAXISTIPPS FÜR DIE REZEPTUR

Von kindgerechten SĂ€ften bis zu SchĂŒttelmixturen: Suspensionen spielen in der Rezeptur eine zentrale Rolle. Erfahren Sie hier, wie Sie Ihr theoretisches Wissen in Rezepturen praktisch umsetzen. Wie lassen sich typische Fehlerquellen vermeiden?

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Im ersten Artikelteil zu Suspensionen in der Rezeptur haben Sie erfahren, was Suspensionen ausmacht, welche physikalischen Grundlagen wichtig sind und welche Hilfsstoffe StabilitÀt und Dosiergenauigkeit sichern.

Jetzt geht es in die Praxis: Wie bringen Sie Wirkstoffe gleichmĂ€ĂŸig in Schwebe, ohne dass sie klumpen, aufrahmen oder zu schnell sedimentieren? Der zweite Artikelteil zeigt Ihnen Schritt fĂŒr Schritt, wie Sie orale und kutane Suspensionen herstellen, kontrollieren und dabei typische Fehler vermeiden.

Herstellen von Suspensionen in der Rezeptur

Das Herstellen oraler und kutaner Suspensionen beginnt stets mit denselben Vorarbeiten. Zuerst erfolgt die PlausibilitĂ€tsprĂŒfung:

  • Stimmen Wirkstoffdosis und pH-Fenster?
  • Sind KompatibilitĂ€ten und Konservierung passend?
    und
  • Ist die Anwendung bei pĂ€diatrischen Patient*innen unbedenklich?

Anschließend werden alle Ausgangsstoffe geprĂŒft und freigegeben. Die PartikelgrĂ¶ĂŸe des Wirkstoffs ist sicherzustellen, bevorzugt durch den Einkauf mikronisierter QualitĂ€ten. Andernfalls wird zerkleinert und ĂŒber Sieb 90 kontrolliert, sodass mindestens 95 Prozent der Partikel kleiner als 90 Mikrometer sind.

Bei der Einwaage sind wie immer gegebenenfalls Einwaagekorrekturen zu berĂŒcksichtigen. Zudem werden die WĂ€geschĂ€lchen nach der Einwaage der Wirkstoffe rĂŒckgewogen, um die Inprozesskontrolle zu dokumentieren. Die Abweichung von der Soll-Einwaage darf auch bei Suspensionen in der Rezeptur nie mehr als ein Prozent betragen.

Volumetrisches Herstellen von Suspensionen

Ist die Dichte der Suspensions-Grundlage unbekannt und wird die Dosierung der Rezeptur in Millilitern statt in Gramm angegeben, empfiehlt sich die volumetrische Herstellung.

  1. Der Wirkstoff wird in der Fantaschale mit einem kleinen Anteil der Grundlage (etwa 1:10) zu einer glatten Paste angerieben. Hydrophobe Pulver werden vorab benetzt, zum Beispiel mit 85-prozentigem Glycerol.
  2. Danach folgt das VerdĂŒnnen, also die portionsweise Einarbeitung von Anteilen der Suspensions-Grundlage bei hĂ€ufigem Abschaben vom Rand der Fantaschale mit KartenblĂ€ttern.
  3. Die Masse wird in einen Messzylinder ĂŒberfĂŒhrt und auf das Endvolumen aufgefĂŒllt,
  4. anschließend zurĂŒck in die Fantaschale gegeben und homogenisiert.
    Bei viskosen AnsĂ€tzen können hierzu SalbenmĂŒhle oder Dreiwalzenstuhl nötig sein. In diesem Fall wĂŒrde man circa zehn Prozent mehr ansetzen, um mögliche Verluste auszugleichen.
  5. Eingetragener Schaum sollte sich absetzen.
  6. Nach der Endkontrolle

  7. 
wird die Suspension abgefĂŒllt.

Gravimetrisches Herstellen von Suspensionen

Die gravimetrische Herstellung ist die sicherere Methode. Denn je nach ViskositÀt der Suspensions-Grundlage verbleiben beim volumetrischen Herstellen durchaus relevante Anteile der Rezeptur im Messzylinder hÀngen. Ist die Dichte also bekannt oder definiert, arbeitet man gravimetrisch:

  1. Der Wirkstoff wird auf der Analysenwaage (mit Korrekturfaktor) eingewogen,
  2. das WĂ€geschĂ€lchen zurĂŒckgewogen,
  3. der Wirkstoff zunÀchst im VerhÀltnis 1:10 mit der Grundlage angerieben
  4. und dann in 1:1-Schritten bis zur Zielmenge erweitert.
  5. Es folgen die Homogenisierung der Suspension,
  6. die Endkontrolle und
  7. die AbfĂŒllung.

Gut zu wissen

  • FĂŒr SchĂŒttelmixturen zur kutanen Anwendung gilt das gleiche Vorgehen, allerdings mit höheren Feststoffanteilen bis zu 40 Prozent.
  • Hydrophobe Wirkstoffe sorgfĂ€ltig zu benetzen und gezielt die ViskositĂ€t aufzubauen hilft, Aufrahmen zu vermieden.
  • Das Anreiben und die Verarbeitung des Wirkstoffs in der Suspensions-Grundlage kann bei Rezepturen mit temperaturunempfindlichen Wirkstoffen die HomogenitĂ€t verbessern, zum Beispiel bei Zinkoxid-Mixturen.
  • Als AbgabegefĂ€ĂŸ eignen sich Weithalsflaschen.

Tipps zum Herstellen von Suspensionen

Einige praktische Hinweise erleichtern die Verarbeitung. Liegen mehrere FlĂŒssigkeiten vor, legt man zum Anreiben stets die viskoseste Phase vor. WĂ€rme ist im Normalfall zu vermeiden, da sie die Rekristallisation von Wirkstoffen begĂŒnstigt.

Automatische RĂŒhrsysteme (z. B. TopiTecÂź/UnguatorÂź) eignen sich vor allem fĂŒr viskose, kutane Suspensionen. Man sollte möglichst in kurzen Mischintervallen arbeiten und auf den FĂŒllgrad der Kruke achten. Ein möglichst weit heruntergeschobener Boden minimiert den Lufteintrag beim RĂŒhrvorgang.

Ein Stabmixer kann – sofern im DAC/NRF vorgesehen – fĂŒr die grobe Dispergierung eingesetzt werden. Dabei wird die FlĂŒssigkeit vorgelegt und der Wirkstoff einrieseln gelassen. Dann nur kurz pulsen und Schaumbildung möglichst vermeiden.

Manche Rezepturen verlangen eine Trocknung der Bestandteile vor der Verarbeitung – maßgeblich ist die jeweilige Monographie. FrĂŒher wurde Zinkoxid als Wirkstoff in der Rezeptur routinemĂ€ĂŸig vorgetrocknet, um Feuchte auszutreiben und eine konstante Masse zu sichern. Heute (Ph. Eur./DAC-QualitĂ€t) ist Vortrocknen nicht mehr standardmĂ€ĂŸig nötig. Sie trocknen nur bei Bedarf – also wenn das Pulver sichtbar feucht oderverklumpt ist, fĂŒr analytisch exakte Zwecke oder spezielle wasserfreie Rezepturen. Ansonsten gilt: Sieben & Benetzen statt Trocknen.

Inprozess- und Endkontrollen bei Suspensionen

Die Inprozess- und Endkontrollen zeigen, ob die hergestellte Suspension den QualitĂ€tsanforderungen entspricht. Die AufschĂŒttelbarkeit wird in drei Stufen geprĂŒft: dreimal kippen um 180 °, dann sanft und schließlich krĂ€ftig schĂŒtteln. Ziel ist eine homogene Verteilung ohne Klumpen und ohne Caking. Die Sedimentation soll langsam erfolgen und eine klare RedispersibilitĂ€t zeigen.

Optisch wird auf ein einheitliches Erscheinungsbild ohne Agglomerate geachtet (Kontrolle im Gegenlicht). Je nach Rezeptur sind pH-Wert (fĂŒr die StabilitĂ€t/Konservierung), Masse beziehungsweise Volumen sowie gegebenenfalls Geruch und Geschmack zu prĂŒfen. Alles wird gemĂ€ĂŸ Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) dokumentiert.

Herausforderungen bei Suspensionen in der Rezeptur

Typische Probleme lassen sich systematisch beheben. Hier bekommen Sie einen Überblick ĂŒber hĂ€ufige Schwierigkeiten.

Entsteht Caking – also ein hartes, nicht redispergierbares Sediment – liegt meist eine deflokkulierte Suspension mit sehr feinen Partikeln, Ostwald-Reifung oder einem ungĂŒnstigen Zeta-Potenzial vor. Abhilfe schaffen

  • eine kontrollierte Flokkulierung (schnellere Sedimentation innerhalb der Suspension mit einer leichten Redispergierbarkeit),
  • ViskositĂ€tserhöhung,
  • eine engere PartikelgrĂ¶ĂŸenverteilung und
  • das Vermeiden von Temperaturschwankungen.

Bei Flotation oder Aufrahmen (Wirkstoff schwimmt oben, Luft ist darin eingeschlossen) sind schlechte Benetzung, hydrophobe Pulver und Lufteintrag die Ursache. Abhilfe schaffen

  • das Benetzen der Rezeptur (z. B. mit Glycerol, bei Kindern oral kein Polyethylenglycol),
  • geeignete Netzmittel wie Polysorbate sowie
  • angepasste RĂŒhrtechnik und
  • Zeit zum EntschĂ€umen.

Setzen Partikel zu schnell ab, sind sie meist zu groß oder die Ă€ußere Phase zu dĂŒnn – die Dichtedifferenz ist dann zu groß. Hier helfen

  • ein feineres Mahlen des Wirkstoffs,
  • ViskositĂ€tserhöhung der Suspensionsgrundlage und
  • eine Dichteanpassung mit Glycerol oder Zuckerlösungen.

Rekristallisation bzw. Ostwald-Reifung entsteht durch Teillöslichkeit, WĂ€rme und breite Partikelverteilung innerhalb der Suspension. In der Rezeptur wird das Risiko hierfĂŒr reduziert durch

  • konsequentes Meiden von WĂ€rme,
  • eine enge GrĂ¶ĂŸenverteilung,
  • passende Grundlagen und
  • einen geeigneten pH-Wert (ggf. Kristallmodifikation).

Mikrobielles Wachstum weist auf unzureichende Konservierung oder Hygiene hin. Essenziell sind

  • geeignete Konservierungsmittel (passendes pH-Fenster!),
  • sauberes Wasser (z. B. Bag-in-Box Aqua purificata) und
  • strikte Hygienemaßnahmen in der Rezeptur der Apotheke.

Bei Problemen mit Geschmack und Compliance in der PĂ€diatrie (bittere Wirkstoffe, unpassende Aromen/SĂŒĂŸstoffe/Benzoate) hilft die Wahl geeigneter Grundlagen, gegebenenfalls auch Bitterblocker und ein sehr sparsamer Aromaeinsatz. Unter zwei Jahren sind kritische Hilfsstoffe zu vermeiden, bei Sondenapplikation oft ganz auf Aromastoffe zu verzichten.

Geeignete Packmittel fĂŒr Suspensionen

Packmittel und Dosierhilfen folgen dem Prinzip „form follows function“. FĂŒr orale Suspensionen eignen sich Braunglas-Medizinalflaschen mit einem Volumen grĂ¶ĂŸer als der Ansatz, damit im GefĂ€ĂŸ SchĂŒttelraum bleibt. Sinnvoll wĂ€re zum Beispiel das Verpacken einer 30-Milliliter-Rezeptur in ein 50-Milliliter-Weithalsglas, die 50 Milliliter in ein 75-Milliliter-Glas und so weiter.

Außerdem benötigen die Flaschen einen kindersicheren Verschluss. Orale Spritzen mit Flaschenadapter sind zur Dosierung Messbechern und Löffeln vorzuziehen; bei Erwachsenen kann ein 5-ml-Löffel genĂŒgen.

Kennzeichnung von Suspensionen in der Rezeptur

Das Etikett muss zusĂ€tzlich zu den Standardangaben mit „Vor Gebrauch schĂŒtteln“ gekennzeichnet werden. Die Dosieranweisung der Suspension muss fĂŒr die Kund*innen umsetzbar sein. Das bedeutet, dass Sie eine Spritze oder einen Dosierlöffel mitgeben, die eine passende Kennzeichnung fĂŒr die Einzeldosis enthalten.

Bei einer kutanen Suspensions- Rezeptur muss ein Spatel mitgegeben werden. Auch hier gehören die Hinweise „Vor Gebrauch schĂŒtteln“, die Anwendungsfrequenz und Lagerung aufs Etikett.

Konservierung und Haltbarkeit

FĂŒr orale Suspensions-Rezepturen sind konservierte Zubereitungen – bei plausiblen Voraussetzungen und geeigneten Packmitteln/Lagerung – bis zu sechs Monate ĂŒblich. Nicht konservierte orale Mehrdosen sind nicht zulĂ€ssig (Ausnahme Einzeldosen). FĂŒr flĂŒssige Zubereitungen allgemein gelten konserviert bis sechs Monate, wasserfrei bis sechs Monate, nicht konserviert etwa eine Woche (insbesondere bei Suspensionen zum Auftragen auf die Haut).

Besondere Kund*innengruppen
Besondere Szenarien erfordern zusÀtzliche Sorgfalt.
Unter zwei Jahren ist die Konservierung besonders vorsichtig zu wÀhlen (z. B. Kaliumsorbat mit CitronensÀure), Propylenglycol und Ethanol sind zu vermeiden und Aromen sehr sparsam einzusetzen (ggf. erst unmittelbar vor der Applikation). Hier muss bei der PlausibilitÀtsuntersuchung der Rezeptur besonders gut aufgepasst werden.
FĂŒr Sondenpatient*innen sind niedrige ViskositĂ€t, der Verzicht auf klebrige Sirupe, geeignete Filter/PartikelgrĂ¶ĂŸen und die KompatibilitĂ€t mit Silikonsonden entscheidend. Aromata sind auch hier oft entbehrlich.

Kurz und knapp: So funktioniert das Herstellen von Suspensionen

Zum Abschluss der Praxis: Eine gute Praxis zum Herstellen einer Suspension in der Rezeptur zeichnet sich dadurch aus, dass

  • die PlausibilitĂ€tsprĂŒfung abgeschlossen ist,
  • die PartikelgrĂ¶ĂŸe passt (mikronisiert oder Sieb 90),
  • der Wirkstoff korrekt benetzt und
  • im VerhĂ€ltnis 1:10 angerieben wurde,
  • Luft- und Schaumeintrag sowie WĂ€rme vermieden wurden,
  • Homogenisierung und pH-PrĂŒfung erfolgt sind,
  • die AufschĂŒttelbarkeit nach dreistufiger Probe besteht,
  • korrekt abgefĂŒllt und beschriftet wurde (inklusive Dosierhilfe) und
  • Aufbrauchfrist sowie Lagerung dokumentiert sind.

Quellen:
Iris Cutt: “Wurm: Galenische Übungen“, Govi, 20. ĂŒberarbeitete Auflage 2019.
Claudia Peuke, Martina Dreeke-Ehrlich: „Rezeptur fĂŒr die Kitteltasche: Leitlinien fĂŒr die Herstellung“, Deutscher Apotheker Verlag, 4. Auflage 2013.
Komission Deutscher Arzneimittel-Codex: „Deutscher Arzneimittel-Codex¼ / Neues Rezeptur-Formularium¼ (DAC/NRF)“, Govi, Werk 2024/2.
Andreas S. Ziegler: „PlausibilitĂ€ts-Check Rezeptur gemĂ€ĂŸ § 7 ApBetrO“, Deutscher Apotheker Verlag, 5., ĂŒberarbeitete und erweiterte Auflage 2019.
Andreas S. Ziegler: “Rezeptur-Retter. Problemrezepturen erkennen – Rezepturprobleme vermeiden”, Deutscher Apotheker Verlag, 1. Auflage 2018.
https://www.ema.europa.eu/en/formulations-choice-paediatric-population-scientific-guideline

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