Reset
FASTEN ALS SELBSTTEST: âMAL WAS AUSHALTENâ
Seite 1/1 5 Minuten
Mindestens fĂŒnf Tage lang nimmt er nur Wasser zu sich, danach verzichtet er fast sechs Wochen lang auf Alkohol, Fleisch und ZuckerzusĂ€tze. âIch faste seit ĂŒber zehn Jahren immer ab Aschermittwochâ, sagt Max König (33) aus Gummersbach bei Köln. âBeim Wasserfasten komme ich in einen extremen Zustand, ein bisschen hardcore. Aber ich bin fit und klar im Kopf, und als gesunder Mensch kann man mal was aushaltenâ.
Angefangen hatte er mit Anfang 20, damals mit Alkoholverzicht. âIch habe gelernt, Nein zu sagen und mir danach immer neue Challenges gesuchtâ, schildert der Wirtschaftsingenieur. Der Zuckerverzicht habe ihm zunĂ€chst zugesetzt â mit starken Kopfschmerzen. In manchen Jahren sind fĂŒr ihn zudem Produkte mit Zusatzstoffen tabu. Das Fasten findet er schon âmanchmal hartâ. Es habe aber nachhaltig einen positiven Einfluss auf seine ErnĂ€hrungsweise. FĂŒr ihn ist Fasten inzwischen mehr als ein kurzfristiger Verzicht â es ist ein bewusster Reset.
Der Verzicht reicht vom Wurstbrot bis zum Fernsehgucken
âWenn man heute darauf schaut, auf was die Menschen verzichten, ist es doch sehr komplexâ, berichtet Eva Barlösius von der Leibniz-UniversitĂ€t Hannover. âEs wird bewusst auf etwas verzichtet, was einem liebgewonnen und angenehm ist. Das können Fleisch, SĂŒĂigkeiten oder Alkohol sein, aber auch das Smartphone, Fernsehen oder Autofahren.â Beim Fasten gehe es mitunter also auch um eine Abkehr von Angewohnheiten, die man wieder unter Kontrolle bekommen wolle.
Nicht selten werden Dinge gestrichen, die âetwas Suchthaftes habenâ, erlĂ€utert die Soziologin. Eine zeitliche Vorgabe bestehe beim Fasten nicht, das sei eine ganz persönliche Wahl.
âEs ist egal, wie lange man fastet.â
Barlösius weist aber darauf hin: âFasten ist zeitlich begrenzt. Sonst ist es nicht mehr Fasten, sondern ein Lebensstil.â Beispiel: Wochenlang keine Wurst und Fleisch ist Fasten. Immer ohne Wurst und Fleisch ist vegetarischer Lebensstil.
Ideen fĂŒrs Fasten:
Fastenzeit: Tradition und moderner Verzicht
Wie populĂ€r ist das Fasten in der Fastenzeit? In einer von der DAK-Gesundheit beauftragten reprĂ€sentativen Forsa-Umfrage sagen 72 Prozent der gut 1000 Befragten ab 18 Jahren, dass sie einen Verzicht aus gesundheitlichen GrĂŒnden fĂŒr sinnvoll halten. Mehr als die HĂ€lfte gab an, schon öfter vorĂŒbergehend auf Genussmittel oder ein Konsumgut verzichtet zu haben. Besonders hohe Zustimmung gibt es in der jungen Gruppe 18 bis 29 Jahre. Alkohol, SĂŒĂes und Fleisch standen in der Umfrage vom MĂ€rz 2025 ganz oben auf der Verzichtliste â klassische Themen der Fastenzeit.
Laut Barlösius sehen viele beim Fasten ihren Verzicht âals Möglichkeit, SelbstbefĂ€higung, Selbstkontrolle und Selbstbestimmtheit wiederzugewinnenâ. Die Form wĂ€hlten die Menschen heute ganz individuell fĂŒr sich aus. Motivation und Hintergrund vom Fasten haben sich also stark verĂ€ndert.
âDas Fasten war in der Geschichte lange eng assoziiert mit Religion, und das ist sicher der Ursprung.â
Aus der katholischen Tradition heraus hat sich als Startpunkt der Fastenzeit fĂŒr viele der Aschermittwoch etabliert. Auch Max König erzĂ€hlt: âIch starte an Aschermittwoch, aber nicht aus religiösen GrĂŒnden, sondern weil es da am meisten akzeptiert ist und keine Fragen gestellt werden.â FĂŒr viele markiert die Fastenzeit heute weniger ein religiöses Gebot als vielmehr einen gesellschaftlich akzeptierten Rahmen fĂŒr Fasten.
Fasten als komplexes Thema und WohlstandsphÀnomen
Das Thema Fasten ist vielschichtig, betont Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Es gehe vielen darum, durch Fasten etwas fĂŒr ihre Gesundheit zu tun und sich zu optimieren. âWir sind in einer Zeit, in der mehr Menschen ĂŒber ErnĂ€hrung gut Bescheid wissen. Wir sind in Teilen der Gesellschaft von unachtsamen zu achtsamen Essern geworden.â Der bewusste Verzicht durch Fasten passe in diese Zeit.
Zugleich spricht er von einem WohlstandsphĂ€nomen. Fasten sei besonders weit verbreitet unter âurbanen jungen und mittelalten Menschen, die eher gebildet und gut situiertâ sind. âEs handelt sich hĂ€ufig um Leute, die das Fasten eigentlich gar nicht nötig hĂ€tten.â Bei denen etwa Alkohol, Fettes oder SĂŒĂes im Alltag sowieso selten auf den Tisch komme. Gerade in der Fastenzeit werde dieser bewusste Lebensstil öffentlich sichtbar.
Der Forscher der UniversitĂ€t Regensburg warnt: Kritisch könne Fasten vor allem fĂŒr junge Leute sein, wenn es etwa auf Social Media verbunden werde mit âdem Imperativ schlank zu sein und einen bestimmten Normkörper zu erreichen.â Und fĂŒr viele Menschen passe Fasten schlicht nicht in die LebensrealitĂ€t.
Motive und Methoden sind beim Fasten breit gefÀchert
Ob Fastenzeit, individueller Verzicht oder neue Trends â Fasten zeigt sich heute in unterschiedlichsten Formen. Hirschfelder glaubt, dass das âchristliche Fastenâ in weiten Teilen der Bevölkerung sogar eher negativ gesehen wird. Anders sei es beim islamischen Fastenmonat Ramadan, dessen Beginn in diesem Jahr fast zeitgleich zur Fastenzeit liegt.
âIn gröĂeren Teilen der islamischen Community hat sich eine neue positive, identitĂ€tsstiftende Fastenpraxis herausgebildet.â
Das allabendliche Fastenbrechen sei wegen der Gemeinschaft âein ganz groĂes Themaâ, sagt der Forscher. Manche Muslime verzichten im Ramadan tagsĂŒber â nach Sonnenaufgang und bis Sonnenuntergang â auf Essen und Trinken, abends wird dann meistens in gröĂerer Runde zusammen gespeist. Auch hier zeigt sich: Fasten hat neben gesundheitlichen Aspekten eine starke soziale Dimension.
Es gibt allerlei Optionen wie Intervallfasten, Dry January, Heilfasten oder auch Digital Detox â und eben viele individuelle Methoden ohne Label. Max König findet wichtig: âDer Benefit ist nachhaltig.â
Er kenne sich inzwischen durch das Fasten gut aus in Sachen gesunde ErnĂ€hrung, seine âAchtsamkeit fĂŒr Fleischâ habe sich verĂ€ndert. Und: âEs ist auch mental ein Erfolg, mal lĂ€nger durchzuhalten.â FĂŒr ihn ist Fasten nicht nur Teil der Fastenzeit, sondern ein wiederkehrender Impuls zur Selbstreflexion.
Quelle: dpa












