Ein Mückenschwarm über einer Wiese ist im tiefstehenden Sonnenlicht besonders deutlich zu erkennen.© ysbrandcosijn/iStock/Getty Images Plus
Ab 20 Stichen pro Minute spricht man von einer Plage. Die Tigermücke, aber auch die heimische Rheinschnake schaffen das.

Mückenatlas

MÜCKENSTICHE: NICHT DIE TIGERMÜCKE IST DAS GRÖSSTE GESUNDHEITSRISIKO

Mückenstiche sind nicht nur lästig: Vor allem heimische Stechmücken spielen bei der Verbreitung des West-Nil-Virus eine wichtige Rolle. Warum die Tigermücke derzeit überschätzt wird und welche Hinweise PTA bei der Beratung kennen sollten.

Seite 1/1 4 Minuten

Seite 1/1 4 Minuten

Egal, ob im Wald, am See oder in der Stadt: Überall gibt es viele Mücken, deren Mückenstiche eine unbeschwerte Zeit im Freien trüben können. „Es gibt viel Unwissen und Falschinformationen, wenn es um das Thema Mücken geht“, sagt Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), die zusammen mit dem Friedrich-Loeffler-Institut das Projekt „Mückenatlas“ leitet.

Der Mückenatlas ist ein seit 2012 laufendes Projekt der beiden Institute. Bürger*innen können dort gefangene Mücken einsenden, die wissenschaftlich bestimmt und auf Krankheitserreger untersucht werden. Das ZALF ist ein außeruniversitäres Forschungszentrum des Bundes und der Länder mit Sitz im brandenburgischen Müncheberg. Die Mithilfe von Hobbyforschenden sei ein wichtiges Instrument, um mögliche Bedrohungen in Schach zu halten.

Tigermücke: Eingeschleppte Art bislang ohne Erregernachweis

Obwohl die Tigermücke breite Aufmerksamkeit erregt, geht aktuell von den eingeschleppten Arten keineswegs die größte Gefahr aus: „Bei den invasiven Mückenarten waren bisher noch keine Würmer oder Viren nachweisbar“, verrät Werner. Obwohl diese als potenzielle Überträger infrage kämen und etwa durch den Güterverkehr und Reisende „praktisch ständig“ aus Südeuropa eingeschleppt würden, könnten sich die Erreger im Mückenspeichel unter den aktuellen klimatischen Bedingungen in Deutschland nicht optimal über einen längeren Zeitraum vervielfältigen.

Angesichts sich wandelnder Umweltbedingungen mit längeren Warmphasen ist das in Zukunft zwar nicht auszuschließen – aktuell gibt es dafür aber keinen Nachweis. „Die Wahrscheinlichkeit liegt aber nicht mehr bei null.“

Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) wurde in Deutschland erstmals 2007 dokumentiert. Sie ist inzwischen vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz verbreitet, aber auch in Thüringen und Berlin nachgewiesen.

Die Tigermücke gilt als potenzieller Überträger von Krankheitserregern wie Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren. Für eine effiziente Übertragung dieser Viren braucht es jedoch Temperaturen, die über längere Zeiträume konstant hoch bleiben.

West-Nil-Virus: Heimische Mücken als wichtigste Überträger

Als zentraler Überträger für Krankheitserreger wie das West-Nil-Virus, das vor allem für ältere oder kranke Menschen durchaus gefährlich werden kann, gilt hingegen ein selbstverständlicher Begleiter vieler Sommerabende im Freien: die Gemeine Hausmücke.

Daten des Friedrich-Loeffler-Instituts und des Robert Koch-Instituts zufolge haben die einheimischen Stechmücken das West-Nil-Virus von Berlin und Brandenburg ausgehend mittlerweile auch bis nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verbreitet. Das West-Nil-Virus wurde in Deutschland erstmals im Spätsommer 2019 bei Patient*innen nachgewiesen, die sich hierzulande infiziert hatten.

Penetrante Mückenschwärme

Doch nicht nur durch die Übertragung von Krankheiten, auch durch die schiere Masse im Auftreten können Mückenstiche zum Problem werden – sei es etwa die einheimische Rheinschnake oder die eingeschleppte Tigermücke. „Beide Arten sind extrem penetrant und lästig“, ordnet Werner ein.

Anders als etwa die Hausmücke flögen sie ihre Opfer unnachgiebig an und ließen sich kaum vertreiben. Zudem treten sie teils in so großer Zahl auf, dass sie auch unter die wissenschaftliche Definition einer Plage fallen: Diese liegt bei 20 oder mehr Stichen pro Minute. Werner warnt: „Unter solchen Umständen ist kein Grillabend mehr möglich.“

Die Rheinschnake (Aedes vexans) ist eine heimische Überschwemmungsmücke, deren Larven sich nach Hochwasserereignissen in überschwemmten Wiesen und Auen massenhaft entwickeln. Sie kann in kurzer Zeit enorme Populationsdichten erreichen und legt bis zu mehreren Kilometern zurück, um Wirte zu finden.

Kriebelmückenstich: Infektionsrisiken durch falsche Behandlung

Für teils beachtliche Wunden sorgt hingegen der Kriebelmückenstich. Anders als etwa die Stechmücken, die ihren Opfern das Blut über einen feinen Rüssel aussaugen, reißen diese Tiere einen kleinen Krater in das Unterhaut-Bindegewebe, bis sich ein kleiner Blutstropfen bildet, der aufgeleckt wird. Wie Zecken gehören sie also zu den Pool Feedern.

Problematischer als der Kriebelmückenstich selbst sind die möglichen Folgen unsachgemäßer Behandlung, erklärt Werner.

„Bei Kriebelmückenstichen – wie bei allen Einstichstellen – gilt vor allem: Hände weg von der Hautöffnung“, warnt die ZALF-Expertin.

Selbst leichte Verunreinigungen, die beim Kratzen in die Wunde gelangten, könnten teils ernste Sekundärinfektionen nach sich ziehen. Kriebelmücken leben und vermehren sich an sauerstoffreichen Fließgewässern.

Schon mal von der Gnitze gehört?

Eine ähnliche Blutsaugtaktik – dafür aber in der Regel völlig im Verborgenen – verfolgt auch die Gnitze. Die meist nur ein bis zwei Millimeter großen Tiere blieben oft völlig unbemerkt, bis sich der juckende Stich bemerkbar mache, weiß Werner.

Wer sich auf der Flucht vor Gnitzen in sein Zelt zurückzieht, ist auch hier nicht sicher: Aufgrund ihrer Größe können sich die winzigen Plagegeister selbst durch den dünnen Gaze-Stoff von Zeltplanen hindurchzwängen. Gnitzen sind weltweit mit mehreren Tausend Arten vertreten.

Welche Mückenstiche sind die schlimmsten?

Welche der Mücken die unangenehmsten Mückenstiche verursacht, kann jedoch von wissenschaftlicher Seite aus nicht eindeutig beantwortet werden: Jede Reaktion auf einen Stich hängt vom eigenen Immunsystem ab.

Zudem beeinflusst der beim Stich abgesonderte Protein-Cocktail die Reaktion: Für den Körper ungewohnte Proteine können zu stärkeren Abwehrreaktionen führen.

Zum Mückenatlas beitragen

Um das Vorkommen und die Verbreitung von Mücken zu dokumentieren und beim Auftreten potenziell gefährlicher Arten möglichst schnell einschreiten zu können, sind die Mückenforschenden auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen, sagt Werner.

Bisher haben in Deutschland rund 42000 Teilnehmende mehr als 250000 Stechmücken für die Forschung gefangen und eingeschickt. Neu entstandene Mückenpopulationen sind anfangs recht einfach zu eliminieren. Deshalb sei die zeitnahe Unterstützung extrem wichtig für eine schnelle Reaktion.

Quelle: dpa

×