Silhouetten von Menschen mit bunten Sprechblasen© Ellagrin / iStock / Getty Images Plus
Gute Gespräche stärken den Selbstwert und schaffen Verbundenheit.

Deep Talk

GUTE GESPRÄCHE FÜHREN – MEHR ALS NUR SMALL TALK

Gute Gespräche führen kann fast jeder – und es lohnt sich: Sie stärken uns innerlich, während oberflächliche Kontakte die Einsamkeit verstärken. Ein Psychologe und eine Soziologin erklären, was Deep Talk ausmacht und wo die Grenzen tiefer Gespräche liegen.

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Ein Klick, ein Herzchen, ein kurzes „thx“: Über digitale Kanäle sind Menschen ständig miteinander in Kontakt. Doch Vernetzung ist nicht dasselbe wie Verbundenheit. Wer regelmäßig Nachrichten, Fotos und Reaktionen austauscht, fühlt sich nicht automatisch gesehen oder verstanden. Wer dagegen gute Gespräche führen kann, erlebt echte Nähe.

Genau darum geht es beim Deep Talk: um Gespräche, in denen Menschen mehr miteinander teilen als Höflichkeitsfloskeln – und sich als Person wahrgenommen fühlen. „Während gute Gespräche uns innerlich stärken, verstärken oberflächliche Kontakte das Gefühl der Einsamkeit“, sagt der Psychologe und Autor Rolf Schmiel („Vom Glück des guten Gesprächs“). Die gute Nachricht: Konstruktiver Dialog lässt sich erlernen. Doch wie wird aus Kontakt echte Verbindung – und wo liegen die Grenzen von Deep Talk?

Deep Talk: Was ein gutes Gespräch ausmacht

Ein gutes Gespräch muss nicht immer lang oder außergewöhnlich tiefgründig sein. „Als gutes Gespräch empfinden wir es aus psychologischer Sicht, wenn wir uns gesehen und verstanden fühlen. Wenn ich das Gefühl habe, ich darf über alles reden, was mir wichtig ist“, sagt Schmiel. Ein Austausch bleibt dagegen oberflächlich, wenn lediglich routinemäßige Fragen gestellt werden – nach dem Motto „Na, wie war der Urlaub?“ –, ohne dass echtes Interesse an der Antwort besteht.

Die Soziologin Marie-Kristin Döbler vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München sagt: „Gute Gespräche bestätigen uns in unserer Identität. Sie zeigen uns, dass wir als Person gesehen werden – nicht nur als eine Rollenträgerin oder als Vertreter von einer Institution oder als jemand, der eine bestimmte Aufgabe erfüllt.“ Damit kann ein gutes Gespräch auch über den Moment hinauswirken.

„Ein gutes Gespräch zahlt immer auf den Selbstwert des Gesprächspartners ein“, sagt auch Psychologe Schmiel. Das kann sich auf verschiedenen Ebenen auswirken: „Man kann selbstbewusster werden, weniger ängstlich und künftig vielleicht noch bessere Entscheidungen treffen.“

Echtes Interesse zeigen – und wirklich zuhören

Wer gute Gespräche führen will, muss vor allem echtes Interesse zeigen. „Das Wichtigste ist, dass man ein echtes und authentisches Interesse an seinem Gegenüber zeigt, das nicht nur gespielt ist“, sagt Döbler. Dazu zählt etwa, sich daran zu erinnern, was in einem vorausgegangenen Gespräch erzählt wurde. „Das hat viel mit Wertschätzung zu tun, wenn man dann bei der nächsten Begegnung konkret nachfragt, und nicht nur eine Art Agenda abarbeitet.“

Ebenso wichtig ist die ungeteilte Aufmerksamkeit. Wer während des Gesprächs auf das Handy schaut, einem vorbeigehenden Menschen hinterherblickt oder sich sichtbar mit eigenen Gedanken beschäftigt, vermittelt dem Gegenüber, nicht ganz bei ihm zu sein. Auch Ehrlichkeit und Zugewandtheit sind für gute Gespräche zentral. „Ich spüre das und nehme es unbewusst wahr, wenn einer nur pseudo zuhört und nur so tut, als ob er sich für mich interessiert“, warnt Schmiel.

Gute Gespräche führen kann fast jeder lernen

„Ich bin überzeugt, dass das fast jeder kann“, sagt Schmiel. Nach Ansicht von Döbler braucht es dafür vor allem „ein starkes situatives Einfühlungsvermögen“. Soziolog*innen sprechen von dem Konzept „kompetenter Akteur“: „Das hört sich sehr herausfordernd und hochtrabend an, aber eigentlich bezeichnet es nur das Gespür für Situationen. Das haben jedoch viele“, sagt sie.

Dieses Gespür hilft auch dabei, für die Situation angemessene Fragen zu stellen. „Wenn ich sonst mit Kollegen nur über Dienstliches spreche, wäre es völlig unangemessen, mal nachzufragen, wie es aktuell in der Beziehung läuft“, sagt die Wissenschaftlerin. Wer gute Gespräche führen möchte, sollte also immer abwägen, wie viel Nähe die jeweilige Situation zulässt.

Gute Gespräche führen: Mit sich selbst beginnen

„Es ist total einfach, das zu lernen“, so Schmiel. Aus seiner Sicht gilt als erster Schritt zu einem guten Gespräch die Regel: Rede gut mit dir selbst! „Wer sich morgens schon vor dem Spiegel selbst abwertet und sich für seine Miseren im Alltag permanent selbst die Schuld gibt, wird selten jemand sein, der anderen im Gespräch etwas geben kann.“

Schmiel empfiehlt stattdessen als zweiten Schritt, sich morgens mit Affirmationen selbst zu stärken: „Ich bin dankbar, ich bin glücklich, ich bin gesund und zuversichtlich.“ Dieses Vorgehen führe dazu, dass das Unterbewusstsein schon mit positiven Programmen gefüttert werde: „So gehe ich ganz anders in den Tag, als wenn der erste Gedanke ist: Scheiße, heute ist Montag. Und mein Mann hat schon wieder den Klodeckel oben gelassen.“

Dann folgt der dritte Schritt: „Wenn du jemandem begegnest, sei freundlich und zugewandt“, sagt Schmiel. Dabei sollte man es nicht nur bei einer allgemeinen Grußformel belassen, sondern eine interessierte Frage stellen. „Und zwar so, dass du auch wirklich die Antwort hören willst!“, rät der Psychologe.

Allein diese drei Schritte verändern laut Schmiel nachhaltig die Kommunikationsqualität: „Denn dann bin ich jemand, der mit sich selbst im Reinen ist, der anderen freundlich begegnet und ihnen Raum gibt. Das macht schon einen unfassbaren Unterschied.“

Deep Talk: So gelingt der Gesprächseinstieg

Fällt der Einstieg schwer, hilft Gelassenheit: „Fingerspitzengefühl ist besser, als ein Katalog von abzuarbeitenden Investigativ-Fragen“, sagt Schmiel. Eine gute Methode, um ins Erstgespräch zu kommen: etwas, das man beobachtet, wohlwollend anzuerkennen und dazu eine Frage zu stellen. So entsteht Deep Talk oft ganz nebenbei.

Wer etwa sieht, dass das Gegenüber eine neue Tasche hat, kann sagen: „Die ist ja toll – woher hast du die?“ Werden Komplimente mit einer Frage verknüpft, entsteht sofort eine positive Atmosphäre. „Einem Kompliment kann sich kaum einer entziehen“, so Schmiel. „Und das interessierte Nachhaken gibt mir die Möglichkeit, etwas Schönes über mich zu erzählen. Dann fühle ich mich automatisch besser.“

Echtes Interesse zeigen auch bei Fremden

Braucht es für gute Gespräche eine enge persönliche Beziehung? Nein. „Manchmal kann man sich hervorragend mit wildfremden Menschen unterhalten, vielleicht auch, weil ich weiß, die sehe ich nie wieder“, sagt Döbler. Etwa beim Bahnfahren, wenn man gemeinsam mit Fremden auf einen verspäteten Zug oder einen verpassten Anschluss wartet.

„Eigentlich ist der Ausgangspunkt nur das Bahn-Chaos – und darüber entdeckt man dann, dass einem das Gegenüber sympathisch ist. Und dann entwickelt sich ein ganz anderes Gespräch und man ist relativ schnell bei sehr persönlichen Themen“, so Döbler.

Small Talk statt Deep Talk: Grenzen beachten

Wer eine persönliche Nachfrage stellt, sollte dem anderen immer die Gelegenheit geben, individuell darauf zu reagieren – und auch akzeptieren, wenn das Gegenüber nicht ins Detail gehen möchte. „Die eindringliche Frage: ‚Sag mal, dir geht's nicht gut?‘ kann sich auch schnell wie ein Angriff anfühlen“, sagt Schmiel. Vor allem dann, wenn man permanent nachhakt: „Es gibt nichts unangenehmeres als Pseudopsychologen, die dauernd nur Deep Talks führen wollen – und sich damit deutlich übergriffig verhalten.“

Nicht alles lässt sich zudem durch ein gutes Gespräch lösen. „Man kann bei guten Gesprächen zwar auch völlig unterschiedlicher Meinung sein, aber schwierig wird es, wenn man die ewig selben Gespräche mit Menschen führt, denen man immer wieder begegnet – wie etwa Eltern oder Geschwistern“, sagt Döbler. Sie hält es in solchen Fällen für zulässig, bewusst bei einem unverfänglichen Austausch zu bleiben: „In solchen Fällen dann statt Deep Talk mal Small Talk führen“. Wer gute Gespräche führen will, darf also auch auf Small Talk setzen – und spürt mit der Zeit, wann welche Gesprächstiefe passt.

Quelle: dpa

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