Frau im Spiegel versteckt ihr Gesicht hinter einer Theatermaske© nicoletaionescu / iStock / Getty Images Plus
Eine Maske, die Kraft kostet: Viele neurodivergente Menschen passen ihr Verhalten an, um dazuzugehören und nicht aufzufallen.

Neurodiversität

MASKING – VERSTECKSPIEL ODER ANPASSUNGSSTRATEGIE?

Masking kann fĂĽr neurodivergente Menschen eine wichtige Anpassungsstrategie sein, um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Es hilft ihnen, soziale Erwartungen zu erfĂĽllen. Doch was genau ist Masking?

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Haben Sie sich im sozialen Kontext schon einmal verstellt? Ihr Verhalten an andere Menschen angepasst, um dazuzugehören? Für viele neurodivergente Menschen, insbesondere Mädchen und Frauen, ist das ein alltägliches Unterfangen. Tag ein, Tag aus setzen sie ihre Maske auf. Um dazuzugehören. Um nicht aufzufallen.

Masking hilft, die Anzeichen ihrer Neurodiversität zu verbergen. Dabei ist es weder ein Symptom – zum Beispiel von Autismus oder ADHS – noch eine eigenständige Krankheit. Dennoch kann es die Gesundheit beeinträchtigen, denn es kostet viel Energie, die Maske ständig aufrechtzuerhalten. Masking kann dann zu tiefer Erschöpfung bis hin zum Burnout führen. Gleichzeitig kann Masking auch die Diagnose von Autismus oder ADHS erschweren, vor allem bei Mädchen und Frauen ist das der Fall.

Masking – was ist das? 

Der Psychotherapeut Sascha Reiners erklärt Masking als „das bewusste oder auch unbewusste Verbergen neurodivergenter Eigenschaften, um sozial besser dazuzugehören oder nicht aufzufallen.“ Es geht also darum, dass neurodivergente Menschen sich mithilfe von Masking in einer vorrangig neurotypischen Umwelt anpassen, um nicht auf Ablehnung zu stoßen. Vor allem bei Autismus und ADHS gehört das Maskieren zum Alltag, Frauen maskieren tendenziell häufiger als Männer.

Masking oder Camouflaging?

Die beiden Begriffe werden umgangssprachlich synonym verwendet. „Camouflaging“ (tarnen) findet eher in der Psychologie Anwendung und wird dort weiter gefasst. Zum Camouflaging zählen:

  • Assimilation (positive Anpassung),
  • Kompensation (Ausgleich von Defiziten) und
  • Masking im engeren Sinne (aktives Verbergen).

Masking, zum Beispiel bei Autismus oder ADHS, ist also Teil des Camouflaging.

Warum maskieren neurodivergente Menschen ihr Verhalten?

„Viele Betroffene haben erlebt, dass ihr natürliches Verhalten irritiert oder negativ bewertet wurde.“
Sascha Reiners, Psychotherapeut (stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung in Nordrhein)

Neurodivergente Menschen, insbesondere Mädchen beziehungsweise Frauen, machen oft schon in jungen Jahren die Erfahrung, als komisch oder seltsam wahrgenommen zu werden. Sie lernen früh, welches Verhalten sozial erwünscht ist, und passen sich an. Sie setzen eine Maske auf als Schutz vor Ausgrenzung und Mobbing.

Masking kann positive wie negative Auswirkungen haben

Die kurzfristigen Folgen von Masking sind meist positiver Art. Warum? Neurodivergente Menschen maskieren, um in der neurotypischen Gesellschaft dazuzugehören. Es ist ein Schutzmechanismus. Bis zu einem bestimmten Punkt.

Beim Masking wird das Sozialverhalten dem Mainstream der Gesellschaft angepasst – und zwar ständig und dauerhaft. Um die Maske immer wieder aufzusetzen beziehungsweise aufrechtzuerhalten, müssen die Betroffenen enorme Anstrengung und kognitive Energie aufbringen. Doch das hinterlässt Spuren.

Ausgeprägte Erschöpfung, Dauerstress für das Nervensystem bis hin zum Burnout können langfristige Folgen von Masking sein.

Jahrelanges Maskieren kann sogar zu Identitätsfragen führen, denn „wenn Menschen über lange Zeit das Gefühl haben, nicht sie selbst sein zu können, kann das zu Erschöpfung, innerem Druck oder Unsicherheit im eigenen Selbstbild führen“, erklärt Reiners.

Was ist typisch fĂĽr Masking bei Autismus?

Menschen mit Autismus lernen, wann Blickkontakt erwartet wird, und setzen ihn bewusst ein. Sie kopieren die Gestik und Mimik anderer Personen, zum Beispiel von Gesprächspartner*innen. Zum Masking gehört auch das Scripting, bei dem Menschen mit Autismus Gesprächsabläufe und soziale Situationen im Voraus immer und immer wieder im Kopf üben. Um nicht als schwach oder Spielverderber*in zu gelten, wird Reizüberflutung stumm ertragen, Gefühle und Bedürfnisse (etwa nach Stimming) werden unterdrückt.

Und was ist typisch fĂĽr Masking bei ADHS?

Menschen mit ADHS müssen sich meist zwingen, still zu sitzen, zum Beispiel im Unterricht, in Besprechungen oder in Wartezimmern. Doch eigentlich drängt alles im Körper darauf, sich zu bewegen. Um Konzentrationsschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsprobleme zu maskieren, kontrollieren sie alles doppelt und dreifach, damit möglichst wenig bis keine Fehler passieren.

Masking bei ADHS kann auch Vermeidung bedeuten, nämlich von Situationen, in denen die Symptome sich zeigen könnten. Betroffene versuchen, Impulsivität zu zügeln, Hyperaktivität zu verstecken und als störend geltende Verhaltensweisen abzustellen.

In eine Rolle schlĂĽpfen
Masking bedeutet in beiden Fällen, eine Rolle zu spielen, von der die Betroffenen denken, dass sie sozial erwünscht ist. Egal ob bei ADHS oder Autismus, Frau oder Mann, Kindern oder Erwachsenen.

Besonderheit: Masking bei Mädchen

Beim weiblichen Geschlecht spielt Sozialisierung eine entscheidende Rolle. Mädchen mit ADHS oder Autismus setzen eine Maske auf, weil sie ein ganz bestimmtes Rollenbild erfüllen sollen, um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Brav sollen sie sein, still, angepasst und harmoniebedürftig. Schnell lernen sie, mithilfe von Masking ihre Rolle einzunehmen. Mädchen, die aufgrund der ADHS oder Autismus anders sind, passen nicht ins Bild. Und das bekommen sie auch zu spüren – zum Beispiel in Form von Kritik und Ausgrenzung.

Ein Schutzmechanismus
Masking schützt die Mädchen und hilft ihnen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Maske auf – Selbstschutz an.

Und was ist mit Masking bei Frauen?

Was als Selbstschutz in der Kindheit beginnt, kann im Erwachsenenalter in Erschöpfung und Burnout enden. Masking bei erwachsenen Frauen hilft ihnen nach wie vor, sich in der Gesellschaft zu integrieren und das soziale Rollenbild zu erfüllen. Doch Jahrzehnte langes Maskieren hat seinen Preis, denn es kann sämtliche Kraft und Energie kosten, die Maske aufrecht zu erhalten.

AuDHS-Burnout
Masking bei Frauen mit ADHS oder Autismus kann in einen erschöpfungsbedingten Burnout, den sogenannten AuDHS-Burnout führen.

Warum erschwert Masking die Diagnose von Autismus und ADHS?

Menschen mit Autismus oder ADHS nutzen Masking, um ihre Symptome zu verstecken. Und genau das kann die Diagnose erschweren. Vor allem Mädchen und Frauen werden deshalb erst sehr spät oder gar nicht diagnostiziert.

Oft ist schwer zu erkennen, wo das Masking beginnt und wo es endet. Wenn die eigentliche Persönlichkeit mit der Maske eng verschmilzt, bleiben die natürlichen Verhaltensweisen, Gefühle und Bedürfnisse selbst nahen Angehörigen verborgen. Für die Diagnose ist dann wichtig, Selbst- und Fremdeinschätzung intensiv zu hinterfragen und zu analysieren.

Masking bei Autismus oder ADHS kann unter Umständen auch zu falschen Diagnosen (zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen) und Fehlbehandlungen führen, weil die Symptome aufgrund des Maskierens fehlgedeutet werden.

Quellen:
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/nach-aussen-angepasst-innerlich-erschoepft-166618/seite/alle/?cHash=c2705165a387da41d52722112d92068f
https://www.praxis-psychologie-berlin.de/wikiblog/articles/masking-bei-autismus-adhs-und-audhs-anpassung-in-der-neurotypischen-welt

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