Viren vs. Bakterien
PHAGENTHERAPIE BEI RESISTENTEN KEIMEN: ERSTE LEITLINIE
Seite 1/1 4 Minuten
Unzählige Menschen in Deutschland leiden unter hartnäckigen bakteriellen Infektionen – von Harnwegs- oder Wundinfektionen bis hin zu schweren Blutvergiftungen. Wenn Antibiotika in solchen Fällen nicht oder nicht mehr wirken, kann das gerade bei älteren Menschen mit geschwächtem Immunsystem zum Tod führen.
Wegen des zunehmenden Problems mit Antibiotika-Resistenzen bekommt die sogenannte Phagentherapie seit einigen Jahren verstärkt Beachtung. Welche Hoffnungen sind mit ihr verbunden und wo liegen die Einschränkungen?
Phagentherapie: Leitlinie mit 60 Empfehlungen
Deutsche Expert*innen haben jetzt erstmals eine Leitlinie mit 60 Empfehlungen präsentiert. Sie richtet sich an Ärzt*innen, die an der Behandlung bakterieller Infektionen bei Erwachsenen und Kindern beteiligt sind. Federführend bei der Erarbeitung war die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, Unterstützung gab es auch von internationalen Fachgesellschaften.
Die Phagentherapie wird in der Leitlinie als Möglichkeit beschrieben, wenn klassische Therapien nicht oder nicht mehr greifen. Hauptautorin Silvia Würstle vom Universitätsklinikum Frankfurt betonte: „Phagen sind keine Wunderwaffen.“ Ihr zufolge existieren bisher nur sehr wenige Studien, die eine Wirksamkeit von Phagen untersuchen und belegen.
In einer Untersuchung von 100 aufeinanderfolgenden Fällen aus Belgien sei es „zu ungefähr 70 Prozent zu einer klinischen Verbesserung“ gekommen, sagte Würstle. „Aber manchmal wirkt es eben nicht.“ Zur Phagentherapie gibt die neue Leitlinie damit erstmals einen fachlichen Rahmen vor – ohne die Methode als Allheilmittel darzustellen.
Phagen gegen Bakterien: So funktioniert die Therapie
Phagen – genauer gesagt Bakteriophagen – sind Viren, die hochspezifisch Bakterien infizieren, sich in ihnen vermehren und sie dann töten können. Wir haben Billionen von ihnen im Körper – mehr als Bakterien. Entdeckt wurden die natürlichen Gegenspieler der Bakterien im Körper bereits vor mehr als 100 Jahren.
Wegen der Nutzung von Antibiotika mit ihrer viel breiteren Wirksamkeit gerieten sie jedoch lange in den Hintergrund. In Osteuropa gibt es hingegen eine längere Tradition dieser Therapieform. Der gezielte Einsatz von Phagen gegen Bakterien rückt erst durch die Resistenzproblematik wieder stärker in den Fokus.
Phagentherapie: Warnung vor Produkten aus dem Netz
Würstle warnte davor, „gefährliche Phagenprodukte“ im Internet zu bestellen. Derzeit sei zudem ein kostspieliger Medizintourismus zu beobachten. „Man versteht jede Patientin und jeden Patienten, der verzweifelt ist und nach dem letzten Strohhalm greift“, sagte die Forscherin. Allerdings könnten einige der angebotenen Produkte nach aktuellem Kenntnisstand gar nicht wirken. Dieses Argument hilft Ihnen, wenn Kund*innen Sie auf im Netz beworbene Angebote zur Phagentherapie ansprechen.
Anders als bei breit wirkenden Antibiotika muss die Behandlung individuell auf die jeweilige erkrankte Person und den jeweiligen Erreger abgestimmt werden, wie aus der Leitlinie hervorgeht. „Wenn es mehrere Bakterien in der Infektion gibt, sollten auch alle relevanten Bakterien getestet werden“, sagte Würstle. Eine Phagentherapie von der Stange gibt es also nicht.
Phagentherapie in der Apotheke individuell herstellen
Den Empfehlungen zufolge sollten interdisziplinäre Teams – also neben Ärzt*innen auch Mikrobiolog*innen und Pharmazeut*innen – darüber entscheiden, ob eine individuelle Phagentherapie sinnvoll ist. Praktikabler als eine industrielle Herstellung nach dem Arzneimittelstandard sei die individuelle Herstellung der Phagentherapie für eine bestimmte erkrankte Person in der Apotheke. Die Therapie muss zudem engmaschig begleitet werden, sowohl ärztlich als auch im Labor.
Phagentherapie: Nebenwirkungen und Resistenzen
Denn eine Phagentherapie kann Nebenwirkungen verursachen. Wenn viele Bakterien schnell zerfallen, können pyrogene Bestandteile freigesetzt werden, was unter anderem Fieber und Entzündungsreaktionen auslösen kann. Zu den möglichen Nebenwirkungen der Phagentherapie zählen damit vor allem Reaktionen des Immunsystems.
Zudem kann die Waffe stumpf werden. „Wir sehen eigentlich regelmäßig die Ausbildung von bakteriellen Resistenzen auf die Phagen, die gegeben werden. Das ist nichts Ungewöhnliches“, sagte Annika Yanina Claßen von der Uniklinik Köln, die auch zu den Autorinnen der neuen Leitlinie gehört.
Phagentherapie: erste Behandlungen in Frankfurt
In anderen Ländern wie Belgien und den USA wird di ePhagentherapie bereits sicher und legal angewandt. Im Februar ist die bundesweit erste leitliniengerechte Phagentherapie am Uniklinikum Frankfurt gestartet, berichtete Würstle. Seitdem sind zehn Patient*innen erfolgreich behandelt worden.
Aktuell kann hier gegen die Bakterien Pseudomonas und Staphylococcus aureus therapiert werden – und zwar über die Vene, als Nasenspray und als steriles Hydrogel bei Wunden. Der Einsatz von Phagen gegen Bakterien erfolgt also je nach Infektionsort auf unterschiedlichen Wegen.
Phagentherapie: FĂĽr welche Patient*innen geeignet?
Schwer einzuschätzen ist, wie viele Betroffene in Deutschland überhaupt Bedarf an einer Phagentherapie haben. Der Infektiologe Jan Rupp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sieht das Haupteinsatzgebiet bei Patient*innen, die mit multiresistenten Erregern besiedelt sind.
Diese Betroffenen sind in der Regel schwer krank. „Und wenn sie schwer krank sind, dann kommen in der Regel ganze Kaskaden von Antibiotika, die dann irgendwann das Ende erreichen“, ordnet Rupp ein.
Die neue Leitlinie sei wichtig, um künftig Phagen schon frühzeitiger in die Diagnostik des Erregers und dann auch in die Therapieentscheidung einfließen zu lassen. Für Sie in der Apotheke heißt das: Die Phagentherapie wird als Option bei resistenten Keimen künftig häufiger zur Sprache kommen.
Quelle: dpa












