Eine Frau beißt einer anderen zärtlich in die Unterlippe.© Diamond Dogs/iStock/Getty Images Plus
Wussten Sie, dass das Mikrobiom der Mundhöhle von Partner*innen sich mit der Zeit mehr und mehr ähnelt?

Keime austauschen

KÜSSEN ANSTECKEND: WANN KNUTSCHEN KRANK MACHEN KANN

Viele Menschen fragen sich, wann Küssen ansteckend ist und wann Vorsicht geboten ist. Erfahren Sie, welche Krankheitserreger beim Knutschen übertragen werden können, warum Lippenherpes nicht nur ein Kussverbot erfordert und welche Rolle Pfeiffersches Drüsenfieber spielt.

Seite 1/1 4 Minuten

Seite 1/1 4 Minuten

Knutschen beschert uns ein Feuerwerk an Glückshormonen, aber manchmal auch den Kontakt mit krank machenden Keimen. Viele Kund*innen fragen sich deshalb, wann Küssen ansteckend ist und wann tatsächlich gilt: „Küssen verboten!“ Eine Virologin erklärt, worauf PTA in der Beratung hinweisen sollten.

Ein inniger Kuss mit einem Menschen, den wir toll finden: Da wird jeder Kummer kurz auf Pause gesetzt. Dass Küssen guttut, ist mehr als nur eine gefühlte Wahrheit. „Studien zeigen, dass Menschen, die gerne und oft küssen, länger und glücklicher leben“, sagt Susanne Schuler-Lüttmann, Chefärztin des Instituts für Hygiene- und Labormedizin am Helios Klinikum Krefeld.

Hormoncocktail durchs Knutschen

Eine Rolle spielen dabei die Hormone: „Bei emotionalen, intensiven Küssen kommt es zu einem Hormoncocktail, der kurzfristig Glücksgefühle auslöst“, so die Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Das Glückshormon Dopamin, das Kuschelhormon Oxytocin, Serotonin und Endorphine, die als körpereigene Schmerzmittel gelten – sie alle sind Teil dieses Hormon-Feuerwerks. Der Pegel des Stresshormons Cortisol hingegen sinkt.

Wann ist Küssen ansteckend? Millionen Bakterien wechseln den Wirt

Ob Küssen ansteckend ist, hängt davon ab, welche Mikroorganismen übertragen werden. Grundsätzlich sind feuchtfröhliche Küsse sogar ein willkommenes Training für das Immunsystem. Denn beim Knutschen wird es mit unbekannten Bakterien konfrontiert. „In der Mundhöhle des Kusspartners herrscht schließlich ein anderes Mikrobiom als in der eigenen“, sagt Schuler-Lüttmann. Mit der Zeit gleicht sich die Bakterienzusammensetzung in den Mundhöhlen von Beziehungspartner*innen sogar an.

Eine Studie aus den Niederlanden aus dem Jahr 2014 zeigt: Während eines zehn Sekunden langen Kusses tauscht man etwa 80 Millionen Bakterien mit seinem Gegenüber aus. Ekel ist aber fehl am Platz, denn die allermeisten von ihnen sind harmlos.

Speichel und Aerosole als Übertragungsweg machen Küssen ansteckend

In manchen Fällen sind krank machende Bakterien oder Viren mit im Spiel. So kann man sich Erkältungen oder Magen-Darm-Infekte einfangen, wenn man beim Küssen infektiöse Aerosole einatmet – winzige Tröpfchen, die beim Ausatmen in die Luft gelangen. Wir kennen das Prinzip noch aus der Corona-Hochphase.

Auch bakterielle Infektionen wie Scharlach oder Keuchhusten können beim Küssen übertragen werden. Hier ist vor allem der Austausch von Speichel entscheidend. Gibt es winzig kleine Verletzungen in der Mundschleimhaut, können die Krankheitserreger eindringen – und Startpunkt für eine Erkrankung sein, erklärt Schuler-Lüttmann.

Gerade in der Apotheke kommt deshalb häufig die Frage auf, ob Küssen ansteckend ist. Sie können dann erklären, dass das Risiko vor allem von der jeweiligen Erkrankung und davon abhängt, ob eine Person aktuell infektiös ist.

Lippenherpes: Warum Küssen bei Herpes tabu ist

Ein besonders wichtiges Beispiel dafür, wann Küssen ansteckend ist, ist Lippenherpes. Sie sollten ihre Kund*innen deshalb gezielt darauf hinweisen, dass während eines akuten Ausbruchs auf das Küssen verzichtet werden sollte.

Haben Ihre Kund*innen Herpesbläschen oder berichten davon, können Sie darauf hinweisen, dass sie während dieser Zeit auf das Küssen verzichten sollten. Denn die Keimlast der Bläschen ist extrem hoch“, warnt Expertin Schuler-Lüttmann. Selbst antivirale Cremes und Lippenpatches auf den Bläschen schützen andere nicht vor einer Ansteckung.

Empfehlen Sie Ihren Kund*innen also, bei Herpes konsequent auf Küsse zu verzichten – sicherheitshalber auch auf Küsse anderer Körperbereiche als die Lippen. Auch Oralsex sollte während eines Lippenherpes-Ausbruchs vermieden werden. Beim Küssen beziehungsweise beim intimen Kontakt können Herpes-Viren auf den Genitalbereich der Partnerin oder des Partners übertragen werden. Die Folge: Genitalherpes.

Übrigens: „Ansteckend ist man so lange, bis die gelben Krusten nach einer Herpesinfektion abgefallen sind“, sagt Schuler-Lüttmann.

Küssen bei Herpes: PTA sollten auf Risiken hinweisen

Viele Kund*innen möchten wissen, ob Küssen bei Herpes trotz antiviraler Behandlung wieder möglich ist. Hier können PTA aufklären: Solange Herpesbläschen bestehen oder noch Krusten vorhanden sind, bleibt das Ansteckungsrisiko bestehen. Deshalb sollten Betroffene engen Körperkontakt möglichst vermeiden.

Besonders wichtig ist dieser Hinweis für Familien mit kleinen Kindern. Weisen Sie insbesondere Eltern von Babys darauf hin, dass Lippenherpes für Säuglinge gefährlich werden kann. Schuler-Lüttmann ordnet ein: „Für Babys ist es extrem gefährlich, wenn man sie mit Herpes küsst, weil ihr Immunsystem das Virus noch nicht kennt. Da kann es sogar zu schweren Hirnhautinfektionen kommen.“

Pfeiffersches Drüsenfieber: Die Kusskrankheit erkennen

Zur Familie der Herpesviren gehört auch das Epstein-Barr-Virus (EBV), das Pfeiffersches Drüsenfieber auslösen kann. Weil es vor allem über Speichel übertragen wird, wird Pfeiffersches Drüsenfieber auch als Kusskrankheit bezeichnet. Jugendliche und junge Erwachsene sind besonders häufig betroffen. „Symptome sind Fieber, Halsschmerzen, geschwollene Lymphknoten“, zählt Schuler-Lüttmann auf.

Da Pfeiffersches Drüsenfieber überwiegend über den Speichel übertragen wird, ist das Infektionsrisiko beim Küssen besonders hoch. Machen Sie Ihre Kund*innen deshalb darauf aufmerksam, dass sie bei entsprechenden Beschwerden auf engen Körperkontakt verzichten sollten.

Trotzdem: Knutschen ist gesund

Doch nicht jede Berührung der Lippen bedeutet automatisch eine Ansteckung. Ob Küssen ansteckend ist, hängt immer davon ab, ob eine infektiöse Erkrankung vorliegt und Krankheitserreger übertragen werden können. Bei gesunden Menschen überwiegen nach Einschätzung der Expertin die positiven Auswirkungen des Küssens deutlich.

Für die Beratung in der Apotheke bedeutet das: Sie können Ihren Kund*innen erklären, dass bei akuten Infektionen – etwa bei Lippenherpes, Pfeifferschem Drüsenfieber oder anderen über Speichel übertragbaren Erkrankungen – vorübergehend auf das Küssen verzichtet werden sollte. So lässt sich das Risiko einer Ansteckung wirksam reduzieren.

Ansonsten sorgt man sich aber laut Schuler-Lüttmann besser nicht zu viel: „Küssen ist gesund – und solange man sich gut fühlt und keine akute Erkrankung hat, dürften die positiven Effekte deutlich größer sein.“

Quelle: dpa

×