Altes Paar hat sich nichts mehr zu sagen© Motortion / iStock / Getty Images Plus
Viele Menschen arbeiten fleißig auf die Rente hin. Doch wenn sie dann eintritt, wissen sie plötzlich nicht mehr wohin mit sich. Das kann zu einer echten Herausforderung fĂŒr Paare werden.

Ruhestand

WENN EINER IN RENTE GEHT: NEUE HERAUSFORDERUNGEN FÜR PAARE

Von einem Tag zum anderen ist man rund um die Uhr zusammen. Doch will man das ĂŒberhaupt? Der Ruhestand kann fĂŒr Paare viele Probleme mit sich bringen. Aber auch Chancen. Wie man sie nutzt.

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Es ist der Klassiker schlechthin, wenn man an die jetzige „Boomer“-Generation und das Thema Rente denkt: Die Szene in Loriots Film „Pappa ante Portas“, wenn Herr Lohse, der frĂŒhere ChefeinkĂ€ufer als frisch gebackener RuhestĂ€ndler zig Kisten Senf bestellt, weil er dadurch schließlich etwas Geld sparen konnte. 

Was so manchen zum Schmunzeln bringt, löst bei so einigen Ehepartnern und -partnerinnen, die sich daheim auf eine gewisse Tagesstruktur eingerichtet haben, jedoch nahezu Panik aus. Gerade Frauen rufen im Loriot-Sinne: „Hilfe! Mein Mann geht in Rente! Wie soll das funktionieren?“

Beziehungsperson als „Störfaktor“

Aber warum macht das vielen Sorgen? Und warum nervt es sie so, wenn die Beziehungsperson nun auch zu Hause „mitmischen“ will? „Weil es als Eingriff empfunden wird in die eigene Kontrolle und die eigene DomĂ€ne“, erklĂ€rt die Psychologie-Professorin und Paartherapeutin Janina BĂŒhler von der Uni Mainz. Und nach Jahren, in denen sich die Rollen etabliert hĂ€tten, schwinge mitunter auch ein Vorwurf mit nach dem Motto: „Du hast dich doch frĂŒher auch nicht dafĂŒr interessiert, wie die Töpfe gestapelt sind.“

„Hilfe! Mein Mann geht in Rente! Wie soll das funktionieren?“

Einige Frauen, so der Kölner Psychologe, Autor und Podcaster Rolf Schmiel („Psychohacks“) fĂŒhlten sich zu Hause nun auf einmal stĂ€ndig beobachtet und kontrolliert: „Plötzlich gibt es einen Störfaktor in ihrer Welt. Und das ist der Mann.“ 

Vor allem dann, wenn dieser FĂŒhrungsverantwortung und einen gewissen Status in seinem Job gehabt habe. „Er durfte dort jahrelang Dinge entscheiden und bestimmen und ist das auch in seiner TonalitĂ€t und Art gewohnt. Aber wenn er das dann zu Hause fortfĂŒhrt, ist es unpassend und unerwĂŒnscht“, so Schmiel.

Probleme werden jetzt sichtbar

Doch keinesfalls sieht Schmiel die Verantwortung fĂŒr die Schwierigkeiten beim dominanten Auftreten des Mannes oder seiner neuen „Chef“-Rolle zu Hause. Es kann natĂŒrlich auch die neue „Chefin“ daheim am Rad drehen. „Das Problem entsteht nicht, wenn einer in Rente geht. Das Problem wird nur sichtbar“, sagt Rolf Schmiel. 

Zum Beispiel, dass man Jahrzehnte aneinander vorbeigelebt hat, ohne es zu merken. Weil es durch den Job rein stundenmĂ€ĂŸig nur wenige „echte Begegnungszeit“ gab, die Konfliktdichte gering war und jeder in seiner Welt sein Ding machte. Und da wirkt die Rente wie ein Brennglas: „Ab dem Moment zeigt sich dann, inwiefern die beiden Welten ĂŒberhaupt noch zueinanderpassen – oder kollidieren.“

Das Berufsleben kann zuvor auch eine Art Flucht gewesen sein, wo beide Personen separat ihrem Leben nachgehen konnten. „Jetzt ist man plötzlich aufeinander geworfen“, sagt Janina BĂŒhler. Und das kann auch eine gewisse Einsamkeit erzeugen, weil man merkt:

Was machen wir jetzt den ganzen Tag miteinander?

Rente als „Winter“ in einer Beziehung

Die Frankfurter Psychologin und Management-Beraterin Christine Backhaus spricht von den Jahreszeiten einer Partnerschaft. Nach Phasen des Kennenlernens und der Verliebtheit, des gemeinsamen Aufbaus mit Haus und Kindern und schließlich des Bilanzziehens gehe es nach der aktiven Berufsphase darum, noch mal einen produktiven Lebenssinn zu finden

„Auch NĂ€he, Grenzen, Respekt und BedĂŒrfnisse mĂŒssen dann wieder neu gespĂŒrt und auch ausgehandelt werden“, sagt sie. Und gleichzeitig geht es darum, selbst zur Ruhe zu kommen, Eigenes zu pflegen und zugleich körperliche SchwĂ€chen zu tolerieren. Rolf Schmiel bezeichnet es als „Dreiklang des traurigen Rentenschicksals: Die sinnvolle Aufgabe bricht weg, die Beziehung ist zerrĂŒttet, und der Körper macht auch nicht mehr mit.“

Die drei Varianten fĂŒr eine Lösung

In solchen LebensĂŒbergĂ€ngen stellt sich dann ernsthaft die Frage, ob man als Paar noch etwas miteinander anfangen kann, so Janina BĂŒhler, die zum Thema Persönlichkeit und Partnerschaft forscht. Und da gebe es drei Strategien. 

  1. Man kommt nÀher zusammen: Etwa durch gemeinsame Projekte wie einen Hund kaufen, Tango oder ein Instrument lernen oder mit dem Camper tatsÀchlich lange verreisen.
  2. Man trennt sich: Was gerade in diesem Alter und dieser Lebensphase sehr hÀufig vorkommt.
  3. Eine Mischung aus beidem.Sprich: „Man schaut, welche Sache man gemeinsam hat, und es ist trotzdem gut, wenn einer unabhĂ€ngig von dem anderen ein eigenes Projekt hat.“

Was unser Leben vergiftet

Rolf Schmiel empfiehlt, nicht erst abzuwarten, bis die ersten Schwierigkeiten im Ruhestand auftreten. „Wenn wir uns erst einmal gegĂ€ngelt fĂŒhlen oder sich der eine nicht akzeptiert oder gesehen fĂŒhlt, dann wird es halt schwierig.“ Schon lange vor der Rente sollte man sich bewusst werden, was kommt und dies ansprechen. Entweder therapeutisch begleitet oder indem man regelmĂ€ĂŸig einen Fragebogen durchgeht, etwa:

● Wie stellst du dir die Zeit vor?
● Willst du viel reisen?
● Und was machen wir an den Tagen, an denen wir nicht verreist sind?
● Welche WĂŒnsche hast du?
● Und welche Grenzen akzeptierst du?

Anders formuliert: „Man sollte kurz in den frĂŒhzeitigen Konflikt gehen, um langfristig eine gute Zeit zu haben. Denn das Unausgesprochene ist das, was unser Leben vergiftet“, sagt der Psychologe.

Übergang mit vielen Emotionen

Und es gibt einen großen Fehler, den vor allem die Frauen in der „klassischen“ Renten-Situation machen können: „Ihm das GefĂŒhl zu geben, dass er nicht willkommen ist, dass man ihn sich lieber woanders wĂŒnscht“, meint Janina BĂŒhler. 

Denn vor allem fĂŒr die MĂ€nner, bestĂ€tigt Christine Backhaus, ist dieser LebensĂŒbergang mit vielen GefĂŒhlen verbunden: Sie mĂŒssen auch emotional damit klarkommen, dass sie in einem bislang wichtigen Part ihres Lebens nicht mehr gebraucht werden. „Sie fĂŒhlen sich auch zu Hause nicht mehr wirklich integriert und nicht mehr wirklich wertvoll. Sie mĂŒssen sich noch einmal behaupten und ihren Platz neu finden.“ Und anders als ihren Frauen fehlten ihnen oft die sozialen Kontakte.

Herausforderung und auch eine Chance

Wenn es jedoch gelingt, GefĂŒhle offen auszusprechen und zu Unsicherheiten zu stehen, Erwartungen zu formulieren und auch zu berĂŒcksichtigen, dann haben beide gute Chancen, ihre alte Beziehung mit neuen Aspekten zu beleben: „Man muss anerkennen, dass die Rentenzeit eine herausfordernde ist“, bilanziert Janina BĂŒhler.

„Aber es wĂ€re vermessen und auch traurig, wenn man nicht denken wĂŒrde, dass es auch eine Chance ist.“

Rolf Schmiel appelliert an die MĂ€nner: „Habt Mut, zu der Angst zu stehen, die die Rente fĂŒr euch mit sich bringt. Denn das macht euch auch liebenswert, wenn ihr dabei nicht zu sehr jammert.“

Quelle: dpa

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