Baby erhält Polio-Impfung© Marina Demidiuk / iStock / Getty Images Plus
Dank weltweiter Impfkampagnen gilt Polio heute als nahezu ausgerottet – Millionen Menschen blieben so von dauerhaften Lähmungen verschont.

Medizingeschichte

POLIO: LETZTE NUTZERIN EINER EISERNEN LUNGE GESTORBEN

Sie überlebte die Infektion, lebte Jahrzehnte mit einer Eisernen Lunge und wurde so zum Symbol einer vergangenen Ära. Mit Martha Lillards Tod im Alter von 78 Jahren endet ein außergewöhnliches und prägendes Kapitel der Medizingeschichte rund um die Eiserne Lunge.

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Mit der US-Amerikanerin Martha Lillard ist die letzte bekannte Überlebende gestorben, die zum Atmen auf eine sogenannte Eiserne Lunge angewiesen war. Die an der Viruserkrankung leidende Frau starb nach Berichten mehrerer US-Medien bereits Ende Juni im Alter von 78 Jahren in Oklahoma. Ihr Tod markiert wahrscheinlich das Ende einer Medizintechnik, die in den Jahren vor der Einführung der rettenden Präparate zum Symbol der Krankheit geworden war und untrennbar mit der Eisernen Lunge verbunden ist.

Lillard hatte sich 1953 im Alter von fünf Jahren infiziert – zwei Jahre bevor in den USA der erste Impfstoff gegen die Krankheit eingeführt wurde. Die Infektion lähmte große Teile ihres Körpers und schädigte ihre Atemmuskulatur dauerhaft, weshalb die Eiserne Lunge unentbehrlich wurde. Nach Angaben ihrer Familie auf einer GoFundMe-Seite blieb Lillard trotz ihrer schweren gesundheitlichen Einschränkungen durch die Eiserne Lunge selbstständig und kreativ. Sie malte, schrieb Gedichte und komponierte Musik am Klavier.

Polio: Veraltete Technik und schwierige Wartung

Während andere Überlebende von Polio jedoch später auf moderne Beatmungsgeräte umsteigen konnten, blieb Lillard auf die Eiserne Lunge angewiesen. Sie habe zwar verschiedene Alternativen ausprobiert, doch keines habe ihr bei Polio die nötige Atmen-Unterstützung geboten, sagte sie noch wenige Tage vor ihrem Tod dem Lokalsender KFOR.

Zuletzt habe sich ihr Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, berichtete die Schwester der an Polio erkrankten Verstorbenen, auch infolge von Langzeitauswirkungen zweier Covid-19-Infektionen. Gleichzeitig sei die Wartung der Jahrzehnte alten Eisernen Lunge, auf die Lillard den Berichten zufolge bei ihrer Polio-Erkrankung zuletzt rund um die Uhr angewiesen war, immer schwieriger geworden. Ersatzteile aus den 1940er Jahren seien kaum noch zu beschaffen gewesen, zudem habe sich niemand mehr gefunden, der das Gerät reparieren konnte, zitierte KFOR die Schwester über das Leben mit Polio.

Kinderlähmung: Ableben markiert Ende einer Ära

Erst im März 2024 war mit Paul Alexander ein weiterer bekannter Nutzer des historischen Beatmungsgeräts im Alter von 78 Jahren gestorben, der mehr als 70 Jahre nach seiner Kinderlähmung damit gelebt hatte. Die Eiserne Lunge ist ein großer Metallzylinder, der Patient*innen mit Kinderlähmung mit Hilfe von Druckveränderungen beim Atmen unterstützt.

Das Gerät wurde vor Einführung wirksamer Präparate in den 1950er Jahren ein Symbol für den Kampf gegen die Kinderlähmung. Wer an Kinderlähmung erkrankte, musste oft auf diese Apparaturen hoffen. Der Anblick der Eisernen Lunge prägte das kollektive Gedächtnis an die Kinderlähmung.

Polio-Impfung brachte die Wende

Die Erkrankung ist eine ansteckende Infektionskrankheit, die vor allem bei Kleinkindern dauerhafte Lähmungen hervorrufen und zum Tod führen kann, weshalb die Polio-Impfung so entscheidend ist. Verbreitet wird das Virus oft über verunreinigte Wasserquellen. Eine Heilung gibt es bisher nicht, nur die Polio-Impfung schützt vorbeugend.

Aufgrund einer engagierten Kampagne für die Polio-Impfung in den vergangenen Jahrzehnten gilt die Krankheit seit Jahren als weltweit nahezu ausgerottet. Dadurch, und vor allem durch die Polio-Impfung, konnten bis heute rund 20 Millionen Menschen vor einer Lähmung und anderthalb Millionen vor dem Tod bewahrt werden, wie es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt. Die weitreichende Polio-Impfung hat die Eiserne Lunge somit glücklicherweise überflüssig gemacht.

Quelle: dpa

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