Pille und Pille Danach: Sicher beraten, sicher verhüten
22 Minuten
- 1Der Zyklus
- 2Pille: Mechanismus und Einnahmeschema
- 3Pille: Unterschiede bei den Gestagenen
- 4Pille: Alternative Anwendung
- 5Pille: Absetzen
- 6Notfallverhütung
- 7Nicht-hormonell verhüten
- 8Lernerfolgskontrolle
01. April 2025
Östrogene und Gestagene
Das synthetische Östrogenen Ethinylestradiol (EE) stellt bei den KOK den häufigsten Kombinationspartner dar. Daneben dienen weitaus seltener Estradiolvalerat und Estetrol als Östrogenkomponente. Beide Substanzen sollen mit einem günstigeren Nebenwirkungsprofil als EE einhergehen. Eine abschließende Bewertung steht aber aufgrund fehlender Studiendaten noch aus.
Während sich in den ersten kombinierten Hormonpillen noch 50 Mikrogramm (µg) EE befanden, enthalten sie heute in der Regel lediglich 20 bis 35µg EE. Aufgrund ihres niedrigen Östrogen-Gehaltes werden sie auch Mikropillen genannt.
Als Gestagenkomponente kommt eine Vielzahl an verschiedenen Gestagenen zum Einsatz. Ein Gestagen, das sich in den meisten KOK findet, ist Levonorgestrel in unterschiedlichen Konzentrationen. Zudem sind in den letzten Jahren viele weitere Gestagene als Kombinationspartner hinzugekommen, beispielsweise Desogestrel, Gestoden, Norgestimat, Chlormadinon, Dienogest, Nomegestrol und Drospirenon.
Bei den GOP werden Levonorgestrel, Desogestrel oder Drospirenon als Gestagen eingesetzt. Diese östrogenfreien Pillen werden auch als Minipillen bezeichnet. Die Levonorgestrel-haltige Pille stellt die herkömmliche, klassische Minipille dar. Die neueren Präparate enthalten Desogestrel, daneben ist seit wenigen Jahren ein Präparat mit Drospirenon im Handel.
Empfängnisverhütende Mechanismen
Bei den Östrogen-Gestagen-Kombinationen spricht man auch von Ovulationshemmern, da sie den Eisprung, also die Ovulation, verhindern. Mit diesem wichtigsten Wirkmechanismus hormoneller Kontrazeptiva täuschen sie dem weiblichen Organismus die Situation einer bestehenden Schwangerschaft vor.
Dies gelingt über einen Eingriff in den hormonellen Regelkreis, der den Zyklus steuert. Die erhöhte Östrogen-Gestagen-Konzentration der Pille löst eine negative Rückkopplung auf die Hypothalamus-Hypophysen-Ovar-Achse aus, was zu einer verminderten Ausschüttung der Gonadotropine FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Lutenisierendes Hormon) aus der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) führt. Damit unterbleiben im Eierstock (Ovar) die Reifung der Eizellen im Eibläschen (Follikel) und die Ovulation.
Zusätzlich besitzen sie noch periphere Eigenschaften am Gebärmutterhals (Zervix) und an der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium), die insbesondere auf die Gestagen-Komponente zurückzuführen ist. Das Gestagen erhöht über eine Interaktion mit dem Progesteronrezeptor die Viskosität des Zervixschleims, sodass keine Spermien durch die Gebärmutter zum Ei vordringen können. Zugleich verhindert es den Aufbau und damit die Verdickung des Endometriums, was die Einnistung (Nidation) eines Eis unmöglich macht.
Östrogen-Gestagen-Kombinationen wirken über alle drei Mechanismen, also
- Hemmung der Follikelreifung,
- Erhöhung der Viskosität des Zervixschleims und
- Verhinderung der Nidation.
Damit erzielen die KOK bei korrekter Einnahme eine hohe kontrazeptive Sicherheit, die sich in ihrem niedrigen Pearl-Index (PI) von 0,1 bis 0,9 widerspiegelt. Bei einem KOK werden demnach 1 bis 9 Frauen von 1000 Frauen ungewollt schwanger. Im Vergleich dazu kommt es bei der Verwendung eines Kondoms als Verhütungsmethode zu zwei bis zwölf nicht-beabsichtigten Schwangerschaften (PI 2 bis 12). Beim ungeschützten Geschlechtsverkehr schwankt der Index zwischen 60 und 100.
Was ist der Pearl-Index?
Der Pearl-Index (PI) bewertet die Effektivität einer Verhütungsmethode. Der PI ist die Zahl der Schwangerschaften, die auftritt, wenn 100 sexuell aktive Frauen ein Jahr lang mit der entsprechenden Methode verhüten.
Bei den GOP, also den reinen Gestagen-Pillen, gilt es zu differenzieren. Nicht alle hemmen den Eisprung.
- Östrogenfreie Pillen mit 30 µg Levonorgestrel pro Tablette haben keine ausreichende Ovulationshemmung. Ihre verhütende Wirkung beruht hauptsächlich auf der veränderten Viskosität des Schleimpfropfes im Gebärmutterhals und dem beeinträchtigten Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Der PI wird daher mit 4,14 angegeben.
- Anders sieht es bei den GOP mit moderneren Gestagenen aus. Eine östrogenfreie Pille mit 75 µg Desogestrel bewirkt neben den peripheren Wirkungen eine vollständige Ovulationshemmung, sodass ihr PI bei 0,14 liegt. Stellt 4 Milligramm (mg) Drospirenon das Gestagen dar, wird ein PI von 0,73 erzielt.
Ein- bis vierphasig
Bei den Östrogen-Gestagen-Kombinationen werden Ein- und Mehrphasenpräparate (auch Ein- oder Mehrstufenpräparate genannt) unterschieden. Weitaus am häufigsten werden Einphasenpräparate verordnet. Bei ihnen bleibt die Östrogen-Gestagen-Zusammensetzung jeder Hormontablette über die gesamte Einnahmedauer hinweg konstant.
Üblicherweise werden Einphasenpräparate nach dem 21/7-Schema, das heißt 21 Tage lang, eingenommen. Danach folgen sieben Tage Einnahmepause, in der nach zwei bis drei Tagen eine Abbruch- beziehungsweise Entzugsblutung erfolgt.
Es sind auch Präparate mit einem 21+7 Schema erhältlich, bei denen der Blister zusätzlich zu den 21 Hormontabletten noch 7 wirkstofffreie Placebotabletten enthält. Sie ermöglichen eine kontinuierliche Pillen-Einnahme mit dem Ziel, Einnahmefehler zu reduzieren, die häufig aus einer versehentlich verlängerten Pillenpause entstehen. Auch wenn mit den „Vier-Wochen-Präparaten“ für eine bessere Compliance gesorgt werden soll, sollten Sie die Verwenderin bei der Pillen-Abgabe sicherheitshalber auf die korrekte Reihenfolge der Tabletten bei der Einnahme hinweisen. Ebenso hilfreich ist der Hinweis, dass die Blutung während der Einnahme der Placebo-Tabletten einsetzt.
Daneben sind Präparate mit einem verkürzten hormonfreien Intervall auf dem Markt. Durch die Reduktion auf vier hormonfreie Tage sollen geringere Hormonschwankungen erzielt werden. Dadurch lässt sich die Ovulation zuverlässiger unterdrücken und zugleich treten weniger unerwünschte Wirkungen auf. Die Präparate sind mit einem 24+4-Schema erhältlich, das heißt, sie enthalten neben den 24 Verum-Tabletten noch zusätzlich 4 Placebo-Tabletten.
Das neueste Einphasenpräparat mit einem 24+4-Schema ist eine Retard-Pille. Aufgrund einer Hydrokolloidmatrix-Galenik werden konstante Hormonspiegel erzielt, die sich positiv auf die Zyklusstabilität auswirken. Weiterer Vorteil ist ihr großes Einnahmefenster von bis zu 24 Stunden.
Seltener kommen Mehrphasenpräpate zu Anwendung. Da sie Östrogen und Gestagen in den verschiedenen Zyklusphasen in unterschiedlichen Konzentrationen enthalten, ist die exakte Einnahmeabfolge der Tabletten unbedingt einzuhalten.
- Bei Zweiphasenpräparaten ist die Gestagen-Dosis in der ersten Einnahmehälfte bei gleichbleibender Östrogen-Dosis niedriger als in der zweiten Einnahmehälfte.
- Bei Dreiphasenpräparaten sind die Östrogen-Dosierungen variabel bei bis zur letzten Phase steigenden Gestagen-Dosen. Mit den variierenden Hormondosierungen wird der natürliche Verlauf des weiblichen Menstruationszyklus genauer nachgeahmt. Das soll zu weniger Nebenwirkungen führen.
- Außerdem ist ein Vierphasenpräparat erhältlich. In zwei der vier Phasen enthalten die Tabletten nur Östrogen, was die Zyklusstabilität verbessern soll. Die anderen zwei Phasen zeichnen sich durch eine Kombination aus verschiedenen Dosierungen des Gestagens und Östrogens aus. Dabei sinkt in den 26 Tagen mit hormonhaltiger Tabletteneinnahme die Östrogendosis stufenweise, während die Gestagendosis schrittweise ansteigt. Zudem sind zwei Placebo-Tabletten enthalten (26+2).
Interaktionen mit der Pille
Zwischen oralen Kontrazeptiva und anderen Arzneimitteln können Interaktionen auftreten, die die kontrazeptive Wirksamkeit verringern. Verschiedene Effekte liegen dem zugrunde.
Beispielsweise eine Induktion des Cytochrom-P450-Systems (CYP), wodurch es zu einer verstärkten Metabolisierung und damit zu verminderten Serumspiegeln der hormonellen Kontrazeptiva kommt. Beispiele dafür sind die Antiepileptika Carbamazepin, Lamotrigen oder Phenytoin. Ebenso sind Johanniskrautpräparate und das Aknemittel Isotretinoin dafür bekannt. In anderen Fällen kann eine Beeinflussung des enterohepatischen Kreislaufs zum Versagen des Verhütungsschutzes führen, was bei vielen Antibiotika der Fall sein soll.
Raten Sie daher Kundinnen, die eine derartige Begleitmedikation erhalten, zu einer zusätzlichen Verhütung mit nicht-hormonellen Kontrazeptiva.











