Ungleiche Behandlung für alle
20 Minuten 1 Punkte
- 1Was ist Gendermedizin?
- 2Warum Gendermedizin?
- 3Unterschiede zwischen Geschlechtern
- 4Immunsystem
- 5Herz & Stoffwechsel
- 6Schmerz
- 7Darm
- 8Arzneimitteldosierung
- 9Lernerfolgskontrolle
01. Januar 2027
Schmerz lass nach
Frauen sind angeblich wehleidig und echte Männer kennen keinen Schmerz. Gleichzeitig wäre die Menschheit schon ausgestorben, müssten Männer den Geburtsschmerz durchleiden – über die unterschiedliche Schmerzwahrnehmung und -äußerung zwischen den Geschlechtern wurde schon vielfältig diskutiert.
Grundlegend stellt sich vor allem in diesem Bereich die Frage, wie viel Einfluss hier weibliche und männliche Sozialisierung – also das Gender – zeigen: Werden Mädchen eher dazu ermutigt, Gefühle mitzuteilen? Sollen Jungs ihre Schmerzen unterdrücken? Doch blanke Zahlen zeigen auch: 70 Prozent der Betroffenen mit chronischen Schmerzen sind weiblich.
Forschungsdaten zu biologischen Unterschieden in der Schmerzentstehung, -wahrnehmung und -verarbeitung sind rar, einzelne Erkenntnisse deuten aber darauf hin, dass Frauen Schmerzen stärker wahrnehmen als Männer, zumindest im Bereich von Kopfschmerzen und Migräne sowie Muskel-, Gelenk- und Knochenschmerzen.
Sie scheinen auch eine niedrigere Wahrnehmungsschwelle für Schmerzen zu besitzen, spüren Hitze- oder Druckreize in Untersuchungen früher oder halten ihn weniger lange aus. Bei genauer Betrachtung weist Frauenhaut eine doppelt so hohe Dichte an Nervenfasern auf wie Männerhaut, dadurch könnten mehr Signale eingefangen werden.
Ein weiterer Erklärungsansatz liegt in geschlechterspezifischen Nozizeptoren, also Schmerzrezeptoren, die durch Sexualhormon-Wirkung sensibilisiert würden: Verabreicht man männlichen Ratten Östrogene, nimmt ihre Schmerzempfindlichkeit zu.
Paradoxerweise zeigten im gleichen Versuch hohe Spiegel von Östrogenen und Progesteron während einer simulierten Schwangerschaft weiblicher Ratten eine erhöhte Schmerzschwelle. Die Menopause stellt folglich einen Einschnitt dar: Sinkende Östrogenspiegel scheinen hier mit einer höheren Schmerztoleranz zusammenzuhängen.
Zumindest was Kopfschmerzen und Migräne angeht, Gelenk- und Nervenschmerzen treten jetzt jedoch häufiger auf. Das lässt sich wahrscheinlich auf ein Zusammenspiel von Nervensystem und Immunsystem zurückführen: In Studien konnte gezeigt werden, dass das Immunsystem weiblicher Versuchstiere eine längere Immunaktivität nach Nervenschädigungen aufweist als das männlicher Versuchstiere.
Zudem konnte eine Testosterongabe die Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren hemmen und damit neuropathische Schmerzen dämpfen. Generell scheint das Sexualhormon in biologisch männlichen Organismen die Schmerzwahrnehmung auf zellulärer wie auch zentraler Ebene zu bremsen. Denn Rezeptoren für Sexualhormone finden sich auch im Gehirn, auch in solchen Arealen, die für die Schmerzbewertung und -verarbeitung zuständig sind.
Hiermit ließe sich argumentieren, warum Frauen eher zu chronischen Schmerzen neigen. Untersuchungen zufolge finde die Schmerzverarbeitung von Frauen eher in der linken Amygdala statt, wo das limbische System und damit ein Großteil der emotionalen Steuerung liegt. Bei Männern sei bei Schmerzen eher die rechte Amygdala aktiv – hier finden kognitive und analytische Prozesse statt.
Können so eher Trauma-Erfahrungen bei Frauen ausgelöst werden, die chronische Schmerzen begünstigen? Neuropsychologische Studien bestätigen, dass der Einfluss psychischer Faktoren – vor allem von Ängstlichkeit – hier den entscheidenden Unterschied machen. Denn ohne diesen Faktor scheinen wiederum weibliche wie männliche Gehirne ähnlich zu reagieren.
Dieser Einfluss geht so weit, dass weibliche Versuchstiere in Studien mehr Schmerzen empfinden, wenn der Studienleiter männlich ist. Profitieren Frauen also eher von einer Schmerztherapie, wenn diese durch eine Ärztin begleitet wird?
Gender Pain Gap
Eine internationale Studie erregte vor einigen Jahren große mediale Aufmerksamkeit:
- Frauen warteten in der Notaufnahme im Schnitt 30 Minuten länger auf eine Schmerzmedikation als Männer,
- bei gleicher Schmerzbeschreibung erhielten sie zu 38 Prozent Analgetika, Männer zu 47 Prozent,
- ihre Schmerzangaben wurden 10 Prozent seltener erfasst.
Auch hierzulande erleben Frauen laut Umfragen, dass ihre Schmerzen anders bewertet und damit behandelt werden als die von Männern: häufig bagatellisiert, emotionalisiert und psychischen Beschwerden zugeordnet – die psychosomatische Fehldeutung betrifft häufig Migräne, chronische Magen-Darm-Erkrankungen, Fibromyalgie oder Regelbeschwerden; die Symptome werden bei Frauen eher auf Stress oder psychische Beschwerden zurückgeführt als bei Männern.
Ein Beispiel für die häufig kritisierte strukturelle Unterschätzung der weiblichen Schmerzempfindung zeigt das Krankheitsbild Endometriose: Schätzungen zufolge lebt in Deutschland jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter mit dieser Erkrankung, bei der sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe auch außerhalb der Gebärmutter findet und dort für Schmerzen, Entzündungen oder Verwachsungen an unterschiedlichen Organen sorgt.
Die berichteten Schmerzen werden von Betroffenen selbst als auch von Fachpersonal häufig als normaler Menstruationsschmerz abgetan, auch wenn sie lebensbeeinträchtigend sind. Eine britische Patientinnenbefragung offenbarte, dass Frauen teils jahrelang durch das Gesundheitssystem wandern, Hormontherapien, Schmerzmittel- oder Psychotherapien durchmachen, bis sie eine Diagnose erhalten – bei Frauen zwischen 9 und 19 Jahren waren dies bis zu 14,8 Jahre.
Endometriose gilt als diagnostische Herausforderung, doch kommen hier zum einen Geschlechterstereotypen hinzu („Sind halt Regelschmerzen“, „Das ist der Stress“), als auch Forschungsstandards, die sich an biologisch männlichen Organismen orientieren. Das Problem: Werden Schmerzen zu spät und nicht ausreichend behandelt, steigt das Risiko einer Chronifizierung.
Der Gender Pain Gap, also die geschlechtsspezifische Lücke in der Schmerzversorgung, ist damit ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit einer geschlechtssensiblen Forschung, Diagnostik und Therapie. Schmerzen sind immer subjektiv. Es genügt jedoch in der Praxis nicht mehr, alleine auf Schmerzskalen von 1 bis 10 zu setzen, um jedem Menschen – auch außerhalb des Rasters des weißen, männlichen Cis-Genders – die bestmögliche Therapie zukommen zu lassen.
Die Schmerzbehandlung, vor allem von „Nischenerkrankungen“ wie Endometriose ist jedoch wirtschaftlich nicht rentabel genug. Die populäre Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim kommentiert dies folgendermaßen:
„Wäre Endometriose eine Männerkrankheit, wüsstet ihr genau, was das ist.“











