Gendermedizin
PTA-Fortbildung

Ungleiche Behandlung für alle

Jeder Mensch ist einzigartig – hinsichtlich seiner Persönlichkeit, aber auch seiner Gesundheit. Warum und wie sehr wir krank werden oder welche medizinische Behandlung wir erfahren, hängt von vielen Faktoren ab, auch von unserem Geschlecht. 

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Aus der Frauenbewegung heraus

Frauen hatten lange Zeit kaum Kontrollrechte über ihren Körper oder ihre Gesundheit. Und damit auch wenig bis gar kein Wissen dazu. Die Menstruation galt als Makel, Schwangerschaft und Wechseljahre besaßen Krankheitscharakter. Aufgrund ihrer vermeintlichen Charaktereigenschaften (fürsorglich, tugendhaft, fleißig, aber auch körperlich und mental schwach) übernahmen männliche Bezugspersonen wie Vater, Bruder oder Ehemann die Verantwortung für ihre Gesundheit, auch in reproduktiven Fragen. 

Dann kam Bewegung in den Bereich Gesundheit – mit Elisabeth Schwarzhaupt. Die CDU-Politikerin war die erste Frau, die 1961 Mitglied im Bundestag wurde. Nur dank eines Sitzstreiks der damaligen CDU-Frauen bekam sie ihren Platz im Kabinett, haben wollte sie da niemand. Also wohin mit ihr? Im daraufhin gegründeten Gesundheitsministerium hielt man sie für gut aufgehoben. Der Spiegel schrieb dazu: „Mit der Verlegenheitsbehörde zur Befriedigung der Frauenwünsche hat sich die Zahl der unnützen Bonner Ministerien auf vier erhöht“. 

Frau Schwarzhaupt haben wir – neben der Gründung des Gesundheitsministeriums – unter anderem das Mindesthaltbarkeitsdatum, die ersten Umweltschutzverordnungen und eine Reform des Arzneimittelgesetzes bezüglich der vorklinischen Unbedenklichkeitsprüfung auf ungeborenes Leben zu verdanken – in ihre Zeit fiel nämlich der Contergan-Skandal 

In ihre Amtszeit fiel noch ein weiterer Meilenstein der Arzneimittelbranche: Die erste Anti-Baby-Pille wurde 1962 in Deutschland zugelassen. Damals galt „die Pille“ als feministische Errungenschaft, um die sich eine neue Frauenbewegung formierte, die sich für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper einsetzte, vor allem in Fragen von Reproduktion, also Schwangerschaft und Geburt. 

Diese zweite Welle des Feminismus wird daher auch häufig als Frauengesundheitsbewegung bezeichnet. Auf einmal wurde klar: Es gibt zahlreiche geschlechtsspezifische Wissenslücken, Gender Data Gap nennt man das heute. Jahrhundertelang wurde eine geschlechtsneutrale Medizin ausgeübt, die den männlichen Körper als Norm nutzte und alle Erkenntnisse auf andere Geschlechter übertrug. Heute lautet das Ziel personalisierte Medizin – was hat sich also in den letzten Jahren getan? 

Teil des Menschenrechts

Ein wichtiger Marker auf dem Weg zur heutigen geschlechtssensiblen Medizin war 1993 der NIH Revitalization Act: Die wichtigste US-amerikanische Bundesbehörde für medizinische Forschung (NIH) wurde dazu verpflichtet, Frauen in die klinische Forschung einzubeziehen und damit geschlechtsspezifische Analysen durchzuführen. 

Dieses globale Zeichen schwappte 2005 auch nach Europa mit der EMA-Leitlinie zur „Prüfung geschlechtsbezogener Unterschiede in klinischen Prüfungen“. Es wurden spezialisierte Strukturen in der Forschung und Lehre geschaffen, wie beispielsweise das Institute of Gender in Medicine (GiM) an der Charité in Berlin. 

Die seit 2016 geltenden internationalen Standards der SAGER-Leitlinien (Sex and Gender Equity in Research) sollen dazu beitragen, das biologische und das soziale Geschlecht in der wissenschaftlichen Forschung und den dazugehörigen Publikationen klar zu trennen und damit zu differenzieren: Für welche Gruppen gelten die Erkenntnisse, wurde einseitige Forschung betrieben, wird (unbeabsichtigt) verallgemeinert? 

Wichtige Fragen, die letztlich dem Zweck dienen, Menschenrecht durchzusetzen: Alle Menschen haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Und das bedeutet auch, den einzelnen Menschen zu behandeln und kein Stereotyp. Das Ziel ist heute, eine personalisierte, individualisierte Medizin mit dem bestmöglichen Outcome für alle zu etablieren. 

Dafür braucht es eine offene Wissenschaft, Daten, Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz – ein langer Weg, auf dem sich alle Akteure des Gesundheitssystems einbringen können. Auch Sie in der öffentlichen Apotheke. 

Geschlechter in Studien

In einer diversen Gesellschaft muss man davon ausgehen, dass eine Therapie oder ein Arzneimittel auch von einer diversen Gruppe angewendet wird und dementsprechend untersucht werden sollte. Als Reaktion auf den Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren beschloss man jedoch, Frauen künftig von Studien auszuschließen, da sie schwanger werden könnten. Man wollte ungeborenes Leben auf diesem Weg schützen. 

Dadurch wurden Medikamente, die zwischen den 80er- und 90er-Jahren zugelassen wurden, lediglich an Männern getestet, aber im Anschluss für alle freigegeben. Dazu zählen zum Beispiel Omeprazol, Zidovudin oder Ramipril. 

Da die Meldungen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen vor allem bei Frauen zunahmen, durften sie seit Mitte der 1990er-Jahren wieder an Studien teilnehmen. Dennoch wird die Geschlechteraufteilung heute eher dann erwähnt, wenn es um die Beschreibung der Kohorte geht. 

In den Ergebnissen wird immer noch nur selten differenziert – intersektionale Faktoren wie zum Beispiel Alter oder Ethnizität werden systematisch kaum abgebildet. 

Die öffentliche Wahrnehmung

Die Auswirkung psychosozialer und soziokultureller Aspekte in der Gesundheitsversorgung ist wenig untersucht, was auch daran liegt, dass die entsprechenden Faktoren schwer erfassbar sind. Es existieren jedoch einzelne Gender-Modelle, die Hinweise auf bestimmte Ungleichbehandlungen ergeben. 

So finden Personen mit weiblichem Gender im Durchschnitt schlechter Zugang zum Gesundheitssystem, sie erhalten später Schmerzmittel, warten länger auf eine Diagnose, da ihre Beschwerden häufiger nach psychosomatischen Aspekten behandelt werden. Ebenso sind sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rolle häufiger von stressbedingten Krankheiten betroffen, haben wegen finanzieller Ungleichheit eher schlechteren Zugang zu höherwertiger Gesundheitsversorgung, Ernährung oder Wohnqualität. 

Personen mit männlichem Gender holen sich im Schnitt seltener oder später eine ärztliche Beratung ein, verunglücken häufiger bei Verkehrs- oder Arbeitsunfällen und warten länger auf eine Diagnose im Falle von Krankheiten wie Essstörungen, Osteoporose oder Depressionen, da sich hier Leitlinien historisch an weiblichen Personas orientieren. 

Ein geschlechtsspezifischer Blick ist daher nicht nur in der Medizin notwendig. Die Daten zeigen auch, dass es gesellschaftspolitisch notwendig ist, Genderunterschiede abzubauen. Oder kurz: Es gibt nicht die eine Frau oder den einen Mann. In der geschlechtssensiblen Medizin muss neben dem Blick auf soziale Ungleichheit auch die biologische Ungleichheit betrachtet werden, denn Frauen sind nun einmal keine kleinen Männer.

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