Ungleiche Behandlung für alle
20 Minuten 1 Punkte
- 1Was ist Gendermedizin?
- 2Warum Gendermedizin?
- 3Unterschiede zwischen Geschlechtern
- 4Immunsystem
- 5Herz & Stoffwechsel
- 6Schmerz
- 7Darm
- 8Arzneimitteldosierung
- 9Lernerfolgskontrolle
01. Januar 2027
Medizin ist männlich: Männliche Probanden um die 18 testen die Medikamente von morgen, die aus männlicher Perspektive entwickelt wurden – es werden sogar männliche Versuchstiere in der präklinischen Phase priorisiert. Die Ergebnisse werden auf alle Bevölkerungsgruppen übertragen. Warum? Zum Beispiel, um klinischen Störfaktoren in der Forschung aus dem Weg zu gehen wie zyklusabhängigen Hormonschwankungen.
Der Standardpatient der medizinischen Lehrbücher ist ebenfalls männlich: jung, weiß, 1 Meter 80 groß und 75 Kilogramm schwer. Und das Resultat? Menschen allen anderen Geschlechts tragen in der gesundheitlichen Versorgung häufig das Nachsehen.
Lernziele
Lernen Sie in dieser von der Bundesapothekerkammer akkreditierten Fortbildung unter anderem,
- welche Einflüsse das biologische und das soziale Geschlecht auf die individuelle Gesundheit eines Menschen hat,
- welche Ziele geschlechtssensible Medizin in der Gesundheitsversorgung verfolgt,
- wie Krankheitsverlauf, Medikamentenwirkung und Gesundheitswahrnehmung durch das Geschlecht beeinflusst werden,
- wie geschlechtssensible Gesundheitsversorgung aussehen kann, welche Maßnahmen auf dem Weg einer personalisierten Medizin bereits getroffen wurden – und wo noch Luft nach oben ist.
Gender Health Gap
Gender Health Gap nennt sich diese Versorgungslücke und wird mittlerweile politisch offen thematisiert. So forderte auch die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken anlässlich des diesjährigen Frauengesundheitstages am 28. Mai: „Frauen verdienen eine medizinische Gesundheitsversorgung, die ihr Geschlecht besser berücksichtigt (…). Viel zu lange wurde einfach ignoriert, dass Frauen andere gesundheitliche Bedürfnisse, Beschwerden und Symptome haben als Männer“. Doch betrifft der Gender Health Gap auch non-binäre Personen und ja, auch Männer. Dabei macht nicht nur das „Y“ den Unterschied.
„Frauen verdienen eine medizinische Gesundheitsversorgung, die ihr Geschlecht besser berücksichtigt (…). Viel zu lange wurde einfach ignoriert, dass Frauen andere gesundheitliche Bedürfnisse, Beschwerden und Symptome haben als Männer“.
Nina Warken, ehemalige Bundesgesundheitsministerin
Geschlechtssensible Medizin
Jeder Mensch trägt ein biologisches und ein soziales Geschlecht. Im Englischen ist das leichter, da spricht man von „sex“ und „gender“. Das biologische Geschlecht (sex) beschreibt alle körperlichen Merkmale wie Gene und Chromosomen oder Anatomie und Hormone. Auch der Stoffwechsel oder die Reaktivität des Immunsystems fallen darunter.
Das soziale Geschlecht (Gender) umfasst sowohl die persönliche Geschlechtswahrnehmung und damit das eigene Verhalten in einer Gemeinschaft als auch stereotypische Vorstellungen, gesellschaftliche Normen, Rollenerwartungen und geschlechtstypische Lebensstile.
Sex und Gender beeinflussen sich gegenseitig und beide beeinflussen den Gesundheitszustand eines Menschen. So kann auch das soziale Geschlecht Einfluss darauf nehmen, ob ein Mensch eher an bestimmten Krankheiten erkrankt, wie lange dieser Mensch auf eine Diagnose warten muss oder auch welche Therapie er erhält.
Die Rolle, die eine Person aufgrund ihres Geschlechts einnimmt, zeigt also Einfluss auf die Gesundheit und den Umgang mit Krankheit. Dazu zählen Faktoren wie Familie und Arbeitsplatz, aber auch die Ausprägung bestimmter Charaktereigenschaften wie emotionale Intelligenz oder Risikobereitschaft sowie soziale Faktoren wie Alter, Bildung oder Ethnie.
Und natürlich die individuelle Wahrnehmung einer Person innerhalb der strukturellen Gesundheitsversorgung, also ob sie beispielsweise aufgrund des Geschlechts, ihrer sozialen Lage, einer Behinderung oder eines Migrationshintergrunds Benachteiligung und Diskriminierung erfahren hat. Das Zusammenspiel all dieser Aspekte nennt sich Intersektionalität.
Cave: Sex vs. Gender
Sex meint das biologische Geschlecht mit:
- der genetischen Ausstattung mit XX, XY oder anderen intersexuellen Varianten,
- den Körpermerkmalen wie Genitalien, aber auch Adamsapfel oder Brustgewebe,
- den Keimdrüsen (Hoden, Eierstöcken) und inneren Geschlechtsorganen (z. B. Gebärmutter, Prostata),
- den Hormonen.
Diese Faktoren beeinflussen unter anderem die Entstehung von Krankheiten oder auch die Wirksamkeit von Arzneimitteln inklusive unerwünschter Wirkungen.
Gender beinhaltet alle sozialen Faktoren einer Geschlechtszugehörigkeit inklusive:
- gesellschaftlicher Erwartungen und Rollenbilder,
- persönlichem Identitätsempfinden,
- Abweichungen zum biologischen Geschlecht,
- aller veränderten Zugehörigkeitsempfindungen, die sich im Laufe eines Lebens einstellen können.
Diese Faktoren beeinflussen zum Beispiel die Wahrnehmung von Symptomen oder die Kommunikation mit therapeutischen Akteuren im Gesundheitssystem.
Mit der Gendermedizin oder geschlechtssensiblen Medizin möchte man nicht nur alle Geschlechter mit allen biologischen Unterschieden berücksichtigen, sondern auch einen intersektionalen Blick auf die Gesundheitsversorgung werfen. Und ebenso sollen sich auch in diesem Text unter dem Begriff Geschlecht immer alle Geschlechter angesprochen und berücksichtigt fühlen, auch wenn die meisten Daten der bisherigen Forschung im Bereich Gendermedizin das biologische Geschlecht betreffen.
Kleines Glossar
Gendermedizin: Sie untersucht, wie sich das biologische und das soziale Geschlecht auf Gesundheit, Krankheit, Prävention und Versorgung von Menschen auswirken.
Gender Bias: Durch Geschlechterklischees entsteht eine bewusste oder unbewusste Voreingenommenheit, die die Wirklichkeit verzerrt.
Gender Health Gap: Er beschreibt die soziale und strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Gesundheitssystem.
Gender Data Gap: Er beschreibt die systematische Lücke in der Erfassung und Nutzung geschlechterspezifischer Daten.
Gender Pain Gap: Damit ist die geschlechtsspezifische Ungleichheit in Wahrnehmung, Diagnose und Behandlung von Schmerzen gemeint.
Intersektionalität: Sie beschreibt, wie verschiedene Aspekte wie unter anderem Geschlecht, Herkunft, Alter, Bildungsniveau, Einkommen oder Behinderung auf mehreren Ebenen zu Benachteiligung oder Diskriminierung führen.











