Gendermedizin
PTA-Fortbildung

Ungleiche Behandlung für alle

Jeder Mensch ist einzigartig – hinsichtlich seiner Persönlichkeit, aber auch seiner Gesundheit. Warum und wie sehr wir krank werden oder welche medizinische Behandlung wir erfahren, hängt von vielen Faktoren ab, auch von unserem Geschlecht. 

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Starkes Geschlecht

Frauen leben länger, im Schnitt vier bis fünf Jahre, weltweit. Den einen Grund gibt es nicht, aber es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Einer benennt das Immunsystem, denn hier besitzen Frauen einen genetischen Vorteil: zwei X-Chromosomen. 

Während sich auf dem Y-Chromosom etwa 100 kodierende Gene befinden, sind es bei X-Chromosomen 900 bis 1000 kodierende Gene, darunter auch solche, die das Immunsystem beeinflussen. Personen mit zwei X-Chromosomen können ihr Immunsystem daher allein zahlenmäßig besser ausstatten – auch wenn mal ein X-Chromosom ausfallen sollte. 

Hinzu kommt, dass Männer immer das X-Chromosom der Mutter tragen, sie also nur auf einen Werkzeugkasten zurückgreifen können. Frauen erhalten sowohl ein X-Chromosom vom Vater als auch von der Mutter. Da die X-Inaktivierung zufällig in jeder Zelle abläuft, ist ein biologisch weiblicher Organismus immer wie ein Mosaik aufgebaut, bringt daher eine hohe genetische Vielfalt mit und damit auch mehr Werkzeuge im Koffer. 

Daneben nehmen auch die Sexualhormone Einfluss: Während Östrogene und Progesteron die Ausbildung spezifischer Antikörper des erworbenen Immunsystems vorantreiben, bremst Testosteron sie aus. Auf eine Impfung reagiert ein „weibliches Immunsystem“ daher häufig mit einer stärkeren Immunantwort. 

Ob es allerdings nach der Menopause zu einer signifikanten Verschlechterung des Immunsystems kommt oder wie sich die Immunantwort im Verlauf des hormonellen Zyklus verhält, ist wenig erforscht. Doch jede Superkraft bringt Nachteile mit sich. 

So neigen Frauen eher zu Autoimmunkrankheiten als Männer: Auf einen Mann mit Lupus erythematodes kommen neun Frauen, bei Multipler Sklerose lautet die Verteilung eins zu vier. 

Auch von bestimmten Langzeitfolgen einer Infektionskrankheit sind Frauen eher betroffen, ebenso wie von unerwünschten Wirkungen durch Impfungen. Ein Praxisbeispiel: Während der Corona-Pandemie infizierten sich zwar mehr Frauen mit COVID-19, Männer zeigten jedoch häufiger schwere Verläufe oder verstarben an der Krankheit. Frauen hingegen entwickelten eher Long-COVID, leiden an kognitiven Einschränkungen, chronischen Schmerzen oder chronischer Fatigue. 

Eine längere Lebenszeit steht also der Frage nach einer höheren Lebensqualität gegenüber. 

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