Gendermedizin
PTA-Fortbildung

Ungleiche Behandlung für alle

Jeder Mensch ist einzigartig – hinsichtlich seiner Persönlichkeit, aber auch seiner Gesundheit. Warum und wie sehr wir krank werden oder welche medizinische Behandlung wir erfahren, hängt von vielen Faktoren ab, auch von unserem Geschlecht. 

20 Minuten 1 Punkte

Dosisübertragung mit fatalen Folgen

Erhalten Frauen und Männer die gleiche Dosierung eines Arzneimittels, bekommen Frauen im Verhältnis häufiger eine höhere Dosis, denn sie sind im Schnitt kleiner und leichter als Männer. Ihr höherer Körperfett- und gleichzeitig geringerer Muskelmasse- und Wasseranteil beeinflusst die Speicherung einiger Wirkstoffe im Körper, was zu einer Dosisakkumulation führen kann. 

Alleine diese anatomischen Voraussetzungen zeigen, dass das biologische Geschlecht beeinflusst, wie sich Arzneistoffe im Körper verteilen, wie lange sie verweilen und damit auch wirken können. 

Auch die unterschiedlichen Stoffwechselvorgänge zwischen den Geschlechtern bedingen Geschwindigkeit und Ausmaß des Arzneistoffabbaus: Unterschiede in der Magen-Darm-Passage, der Aktivität von Leberenzymen oder der Nierenleistung. 

So ist bekannt, dass einige Wirkstoffe von Männern schneller in der Leber abgebaut und über die Nieren eliminiert werden. Die Kreatinin-Clearance von Frauen ist ohnehin niedriger als die von Männern im gleichen Alter, das lässt sich unter anderem mit dem unterschiedlichen Anteil an Muskelmasse erklären. 

Daher sinkt die Filtrationsleistung von Frauen rascher unter den kritischen Wert von 50 Milliliter pro Minute, sie leben also mit einem höheren Risiko für Niereninsuffizienz – was in Präventionsleitlinien nicht berücksichtigt wird – und sie müssten im Alter häufiger und früher Dosisanpassungen erhalten. Das ist bei Substanzen wie Digoxin, Gentamycin, Metoclopramid oder Sotalol klinisch relevant, denn sie werden bis zu 70 Prozent über die Niere eliminiert. 

Östrogene, Progesteron und Testosteron können die Pharmakokinetik einzelner Substanzen auch auf anderen Wegen beeinflussen. So wirken Betablocker bei Männern intensiver als bei Frauen, was wahrscheinlich an einer höheren Dichte von Beta-Rezeptoren liegt, was wiederum durch Testosteron beeinflusst wird. Östrogene induzieren zudem das CYP-Enzym 2D6, was unter anderem Betablocker wie Metoprolol und einzelne Antiarrhythmika wie Flecainid abbaut. 

Das Angiotensin- Converting-Enzym (ACE) wird von Östrogenen in seiner Aktivität gebremst, hinzu kommt, dass Frauen weniger reaktionsfreudige Angiotensinrezeptoren besitzen. In Studien konnte gezeigt werden, dass Frauen weniger von ACE-Hemmern profitieren als Männer, aber deutlich häufiger von der unerwünschten Wirkung Reizhusten betroffen sind. Andererseits scheint Amlodipin bei Frauen schneller den Blutdruck zu senken als bei Männern.

Geschlechtssensible Dosierung

Den Selbstmedikationsklassiker Paracetamol scheiden Frauen bis zu 30 Prozent langsamer aus – was an einer abweichenden Glucuronidierung in der Leber liegt – dadurch kann es schneller zu gefährlichen Dosisakkumulationen kommen. 

Ähnlich sieht es bei Morphin aus, hier würden Männer nach Beobachtungen eine bis zu 50 Prozent höhere Dosis brauchen, um eine vergleichbare Analgesie zu erreichen. Wohingegen bei Frauen auch hier häufiger unerwünschte Wirkungen auftreten, vor allem Übelkeit und Erbrechen, Abhängigkeitsverhalten sowie eine stärkere Entzugssymptomatik. 

Inwieweit diese Erkenntnisse in der Praxis angewendet werden, ist unklar – dazu fehlt es an Daten. 

Doch im Fall von Zolpidem und Desmopressin gab es aufgrund gravierender Meldungen über Nebenwirkungen bereits offizielle geschlechtsabhängige Dosisanpassungen. Es waren nicht die einzigen: Zwischen 1997 und 2000 entzog die FDA zehn Arzneimitteln aus Sicherheitsgründen die Zulassung – acht davon, weil sie ein signifikant erhöhtes Sicherheitsrisiko für Frauen innehatten. 

Es sollte nicht bei diesen bekannten Einzelfällen bleiben. Denn die Arzneimittelentwicklung folgte zu lange einem Einheitsmodell. Mit dem Ergebnis, dass Frauen häufiger unter unerwünschten Arzneimittelwirkungen leiden als Männer. 

In Meldebögen und gesetzlich vorgeschriebenen Berichten muss auch heute (noch) kein Geschlecht angegeben werden. Sowieso ist unsere Gesellschaft vielfältiger als Studienergebnisse dies widerspiegeln, binär ermittelte Ergebnisse können nicht ohne Risiko auf non-binäre Personen übertragen werden. 

Eine EU-Verordnung von 2022 besagt, dass alle Teilnehmenden einer klinischen Studie repräsentativ für die Bevölkerungsgruppe sein müssen, für die das Medikament gedacht ist. Wenn also 70 Prozent der an der Krankheit erkrankten Personen Frauen sind, sollen auch 70 Prozent der Studienteilnehmenden weiblich sein. 

In der Realität erreicht die Studienbeteiligung unter Frauen meistens nicht einmal 50 Prozent. Hormonelle, zyklusbedingte Schwankungen zu berücksichtigen, erhöht den Aufwand – sowohl in der Planung als auch der Umsetzung klinischer Studien. Das mag abschrecken. Doch sollten nicht gerade diese Unterschiede, die wichtig für Wirksamkeit und Sicherheit eines Arzneimittels sind, eine größere Bedeutung erhalten? 


Die Autorin versichert, dass keine Interessenkonflikte im Sinne von finanziellen oder persönlichen Beziehungen zu Dritten bestehen, die von den Inhalten dieser Fortbildung positiv oder negativ betroffen sein könnten 

×