Stimmungsschwankungen und Depressionen
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Depressionen und Stimmungsschwankungen

Stimmungsschwankungen und Depressionen sind nicht das gleiche, obwohl sie sich durch gemeinsame Symptome zeigen können. Manchmal gehen sie schleichend ineinander über. Wann sind Freudlosigkeit und fehlender Antrieb krankhaft?

20 Minuten

Gemeinsame Therapieplanung

Ein zentraler Aspekt der NVL betrifft die Therapieplanung. Wichtig ist den Leitlinienautoren, dass Arzt und Patient die Therapieziele und Behandlungsmaßnahmen zusammen festlegen. Hintergrund dieser partizipativen Entscheidungsfindung ist, dass man sich so verspricht, die Zusammenarbeit und Therapietreue des Patienten zu steigern.

Als Voraussetzung dafür sollen die Patienten über ihre Erkrankung aufgeklärt und informiert werden. Hierfür stehen Patientenblätter in laiengerechter Sprache zur Verfügung, die als Arbeitshilfe genutzt und im Anhang von der Langfassung der NVL abgerufen werden können.

Neurobiologische Veränderungen

Eines der Informationsblätter informiert über die Wirkweise von Antidepressiva. Allerdings wird nur allgemein davon gesprochen, dass im Gehirn Botenstoffe ins Gleichgewicht zurückgeführt werden. Um welche Botenstoffe es sich handelt und was im zentralen Nervensystem genau geschieht, wird nicht erläutert.

Die Abläufe im Gehirn sind für den Laien auch schwer zu verstehen und selbst Fachleute können bis heute nicht im Einzelnen exakt erklären, was bei einer Depression passiert. Es gilt als gesichert, dass die Veränderungen in den Vorgängen des zentralen Nervensystems auf einer Dysbalance der Botenstoffsysteme beruht. 

Die Monoamine Serotonin, Noradrenalin und Dopamin spielen dabei eine zentrale Rolle. Erniedrigte Monoamin-Spiegel im synaptischen Spalt lösen die unterschiedlichen Symptome einer Depression aus. Beispielsweise führten niedrige Serotonin-Spiegel zu einer gedrückten Stimmung, Reizbarkeit, Schlafstörungen und Ängsten, während ein Mangel an Noradrenalin mit Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen und Müdigkeit einhergeht.

Darüber hinaus sollen auch Neurotransmitter wie Acetylcholin, GABA und Glutamat sowie das Stresshormon Cortisol am depressiven Geschehen beteiligt sein. So können beispielsweise durch Stress ausgelöste erhöhte Cortisolspiegel bei der Entstehung und dem Verlauf von Depressionen eine Rolle spielen. Es kommt zu einer Überstimulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (Stress-Achse) und damit zu einer dysregulierten Stressreaktion, die für depressive Menschen typisch ist.

Aber auch entzündliche Prozesse oder hormonelle Veränderungen sollen an der Auslösung von Depressionen mitwirken.

Daneben sind an der Krankheitsentwicklung spezielle Proteine beteiligt, die für die Entstehung und Vernetzung von Nervenzellen im Gehirn sorgen. So soll BDNF (brain-derived neurotrophic factor = vom Gehirn stammender nervennährender Faktor), ein Protein aus der Gruppe der Neurotrophine, in bestimmten Gehirnbereichen in zu geringer Menge vorliegen.

Als Wachstumsfaktor ist BDNF am Wachstum und der Verzweigung von Nervenzellen beteiligt. So sorgt das Protein dafür, dass sich neue Synapsen ausbilden und bestehende erhalten bleiben. Bei einem Mangel an BDNF verliert das Gehirn teilweise die Fähigkeit, neue Nervenzellen zu bilden und bestehende zu verschalten.

Neurobiologen sprechen davon, dass das Gehirn einen Teil seiner Plastizität einbüßt. Man geht sogar davon aus, dass das Volumen einiger Hirnbereiche unter einer Depression schrumpft. Je stärker die Depression ausgeprägt ist und je länger sie andauert, umso stärker ist der Erkrankte betroffen.

Untersuchungen zeigen, dass bei depressiven Menschen das Volumen des Hippocampus um zehn bis 20 Prozent abnimmt. Auch im präfrontalen Cortex lässt sich ein Verlust von Synapsen und Nerven feststellen.

Depressionen sind behandelbar

Ziel jeder antidepressiven Therapie ist es,

  • die Stimmung aufzuhellen,
  • den Rückzug zu verringern,
  • den Antrieb zu normalisieren
  • und die Lebensqualität zu verbessern.

Welche Therapieoptionen zur Verfügung stehen, richten sich nach dem Schweregrad der Depression. Prinzipiell erhält die Psychotherapie in der NVL einen höheren Stellenwert als eine medikamentöse Behandlung. Trotzdem erkennt die Leitlinie die klinische Relevanz für Antidepressiva an. Als bedenklich werden jedoch Nebenwirkungen und Rebound-Effekte betrachtet.

Aufgrund eines ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses sollen zur Akuttherapie leichtgradiger depressiver Störungen nicht als Erstes medikamentöse Maßnahmen zum Einsatz kommen. Die Leitlinie betont, dass Betroffene bei leichten depressiven Episoden weniger von Antidepressiva profitieren. Als besser geeignet sieht sie in diesen Fällen niedrigschwellige Versorgungsangebote.

Niedrigschwellige Versorgungsangebote

Darunter werden die angeleitete Selbsthilfe, die hausärztliche Grundversorgung sowie die psychotherapeutische Basisbehandlung (z. B. Beratungsgespräche) verstanden

 Unterstützend empfiehlt die Leitlinie Online-Programme wie die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zertifizieren digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA). Diese Apps bieten Hintergrundwissen, Stimmungstagebücher oder basieren auf Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie. Sie sind im DiGA-Verzeichnis gelistet und können zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.

Psychotherapie und Arzneimittel

Wenn die Symptomatik trotz Nutzung von Interventionen mit geringer Intensität fortbesteht oder sich verschlechtert, bevorzugt die NVL eine Psychotherapie (hoher Empfehlungsgrad). Eine medikamentöse Therapie hat selbst bei einer rezidivierenden leichtgradigen akuten Episode einen geringeren Stellenwert (mittlerer Empfehlungsgrad).

Erst bei mittelgradigen Depressionen sollen eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung als gleichwertige Option angeboten werden (beide haben einen hohen Empfehlungsgrad). Bei schweren Depressionen soll eine Kombination beider Verfahren erfolgen.

Begleitende Maßnahmen

Zusätzlich – unabhängig vom Schweregrad der Depression – empfiehlt die Leitlinie begleitende Maßnahmen wie beispielsweise Bewegungsprogramme, ernährungsbasierte Interventionen oder eine Lichttherapie. Als wichtig erachtet sie auch, Angehörige in die Behandlung mit einzubinden.

Bei einer Depression leiden die Angehörigen mit. Auch sie brauchen Verständnis und Zuwendung.

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